Lucerne Festival Orchestra | Riccardo Chailly | Frank Dupree | Solist*innen des Lucerne Festival Orchestra und des Lucerne Festival Contemporary Orchestra (LFCO), KKL Luzern, 14.8.2026, besucht von Léonard Wüst

vlnr. Sebastian Nordmann Intendant des Lucerne Festival, Guy Parmelin Bundespräsident, Markus Hongler Stiftungsratspräsident des Lucerne Festival Foto Manuela Jans
Besetzung und Programm:
Lucerne Festival Orchestra
Solist*innen des Lucerne Festival Orchestra und des Lucerne Festival Contemporary Orchestra (LFCO)
Riccardo Chailly Dirigent Frank Dupree Klavier
New York Counterpoint. Fassung für elf Klarinetten
Markus Hongler Stiftungsratspräsident
Sebastian Nordmann Intendant
Cuban Overture
Sinfonie Nr. 1 d-Moll
Steve Reich (*1936)
New York Counterpoint. Fassung für elf Klarinetten
Steve Reichs pulsierende Klangarchitektur begeistert in Luzern
Mit New York Counterpoint präsentierten Solistinnen und Solisten des Lucerne Festival Orchestra sowie des Lucerne Festival Contemporary Orchestra (LFCO) eine faszinierende Interpretation eines Schlüsselwerks der Minimal Music. Die für elf Klarinetten eingerichtete Fassung machte eindrucksvoll hörbar, wie aus scheinbar einfachen rhythmischen Mustern eine hochkomplexe und zugleich mitreißende Klangwelt entstehen kann.
Präzision als Grundlage musikalischer Spannung
Steve Reichs Komposition lebt von sich überlagernden rhythmischen Figuren, die sich kontinuierlich verschieben und dadurch eine beinahe hypnotische Wirkung entfalten. Die elf Klarinettistinnen und Klarinettisten meisterten diese Herausforderung mit bemerkenswerter Präzision. Jeder Einsatz war exakt abgestimmt, ohne dass die Musik an Natürlichkeit oder Leichtigkeit verlor. Gerade das perfekte Ineinandergreifen der einzelnen Stimmen verlieh dem Werk seine besondere Spannung und Dynamik.
Nina Haug formt einen transparenten Gesamtklang
Die Dirigentin Nina Haug ließ den Musikerinnen und Musikern genügend Freiraum zur Entfaltung, hielt zugleich aber die komplexe Struktur des Werkes souverän zusammen. Dadurch entstanden transparente Klangschichten, in denen jede Stimme ihren Platz fand und dennoch stets Teil eines größeren musikalischen Ganzen blieb.
Klangfarben voller Bewegung
Besonders eindrucksvoll war die Vielfalt der Klangfarben, die das Klarinettenensemble entwickelte. Mal wirkten die rhythmischen Figuren fast maschinenhaft präzise, dann wieder überraschend warm und lyrisch. Die wechselnden dynamischen Abstufungen verliehen der Komposition eine lebendige Plastizität und machten deutlich, weshalb „New York Counterpoint“ bis heute zu den bedeutendsten Werken Steve Reichs zählt.
Ein Höhepunkt zeitgenössischer Musik
Das Publikum folgte der Aufführung mit großer Konzentration und belohnte die Musikerinnen und Musiker mit herzlichem Applaus. Die Interpretation zeigte eindrucksvoll, wie zeitgenössische Musik zugleich intellektuell anspruchsvoll und unmittelbar fesselnd sein kann. In der Verbindung aus technischer Perfektion, klanglicher Transparenz und rhythmischer Energie entstand ein eindrucksvolles Hörerlebnis, das die außergewöhnliche Qualität der beiden Festivalorchester eindrucksvoll unterstrich und vom Auditorium mit viel Applaus gewürdigt wurde.
Erst jetzt folgten die Begrüssungsspeeches zur offiziellen Festivaleröffnung von Bundespräsident Guy Parmelin, Intendant Sebastian Nordmann und Stiftungsratspräsident Markus Hongler.
Bundespräsident Guy Parmelin wies in seiner Rede auf die Gemeinsamkeiten aber auch das Trennende zwischen den USA und der Schweiz hin, tat dies mit viel Humor, auch gewürzt mit Sarkasmus
und wurde dafür mit viel Applaus vom Auditorium honoriert, vor allem, als er noch auf den Slogan auf seinem roten Kultkäppi „Switzerland, great since 1291“ hinwies.
Nach diesen Ausführungen von Parmelin war der Abend in jedem Fall schon mal gerettet, möge kommen, was da wolle.
Die beiden andern Redner begrüssten Prominenz aus Kultur, Politik und Gesellschaft, erläuterten Details zum diesjährigen Festivalmotto «American Dreams» und bedanken sich bei Sponsoren, Unterstützern und dem treuen Festivalpublikum usw.
George Gershwin (1898–1937)
Cuban Overture & Concerto in F für Klavier und Orchester
Rhythmische Brillanz und pianistische Virtuosität beim Lucerne Festival Orchestra
Mit George Gershwins „Cuban Overture“ und dem „Concerto in F für Klavier und Orchester“ präsentierten das Lucerne Festival Orchestra unter Riccardo Chailly und der Pianist Frank Dupree ein Konzert, das amerikanische Klangfarben, mitreißende Rhythmen und orchestrale Eleganz auf eindrucksvolle Weise miteinander verband. Die Aufführung zeigte eindrucksvoll, wie Gershwin klassische Konzerttradition mit Jazz, lateinamerikanischen Einflüssen und urbaner Energie verschmelzen ließ.
„Cuban Overture“ voller Temperament und Farben
Bereits mit der „Cuban Overture“ entfachte das Orchester ein wahres Feuerwerk an Klangfarben. Gershwin ließ sich während einer Reise nach Havanna von den dortigen Rhythmen inspirieren und schuf ein Werk voller Lebensfreude und tänzerischer Energie. Riccardo Chailly modellierte die komplexen rhythmischen Strukturen mit beeindruckender Präzision, ohne deren spontane Leichtigkeit einzuschränken. Die markanten Percussion-Passagen verliehen dem Werk südamerikanisches Flair, während Holzbläser und Streicher immer wieder mit farbenreichen Klangbildern überzeugten. Das Lucerne Festival Orchestra zeigte sich dabei in Höchstform und ließ jede rhythmische Nuance plastisch hervortreten.
Frank Dupree begeistert mit technischer Souveränität
Im anschließenden „Concerto in F“ erwies sich Frank Dupree als idealer Solist. Mit technischer Brillanz und beeindruckender Musikalität verband er klassische Virtuosität mit der improvisatorisch wirkenden Freiheit des Jazz. Seine Anschlagskultur war von bemerkenswerter Vielfalt geprägt – kraftvoll und energiegeladen in den virtuosen Passagen, zugleich fein nuanciert und lyrisch in den ruhigeren Momenten. Dupree verstand es meisterhaft, Gershwins unverwechselbare Tonsprache lebendig werden zu lassen, ohne sie jemals übertrieben effektvoll erscheinen zu lassen.
Perfektes Zusammenspiel zwischen Solist und Orchester
Riccardo Chailly führte Solist und Orchester mit sicherer Hand durch die anspruchsvolle Partitur. Besonders beeindruckend war die Balance zwischen Klavier und Orchester. Nie dominierte eine Seite die andere; vielmehr entwickelte sich ein lebendiger musikalischer Dialog, der von gegenseitigem Zuhören und großer Aufmerksamkeit geprägt war. Die rhythmische Präzision des Orchesters bildete das ideale Fundament für Duprees virtuoses Spiel, während Chailly den orchestralen Farbenreichtum immer wieder wirkungsvoll hervorhob.
Ein mitreißender Höhepunkt des Abends
Vor allem das temperamentvolle Finale des Konzerts riss das Publikum dank seiner überschäumenden Energie förmlich mit. Gershwins Mischung aus sinfonischer Form, Jazzharmonik und mitreißenden Rhythmen entfaltete ihre volle Wirkung und wurde von allen Beteiligten mit sichtbarer Spielfreude umgesetzt. Der begeisterte Applaus im Konzertsaal bestätigte eindrucksvoll den Erfolg dieser Interpretation.
Mit der Kombination aus "Cuban Overture" und "Concerto in F" gelang dem Lucerne Festival Orchestra unter Riccardo Chailly gemeinsam mit Frank Dupree eine Aufführung, die musikalische Präzision, orchestrale Farbigkeit und leidenschaftliche Ausdruckskraft in beispielhafter Weise vereinte. Sie machte deutlich, warum George Gershwins Musik auch heute nichts von ihrer Faszination verloren hat und sowohl Liebhaber klassischer Musik als auch Freunde des Jazz gleichermaßen begeistert. Das Publikum bedankte sich mit einem langanhaltenden, stürmischen Applaus, bevor es sich in die Foyers zur Pause begab.
Charles Ives (1874–1954) Sinfonie Nr. 1 d-Moll
Ein eindrucksvoller Blick auf den jungen Charles Ives
Mit Charles Ives‘ Sinfonie Nr. 1 d-Moll widmeten sich das Lucerne Festival Orchestra und Riccardo Chailly einem Werk, das weit weniger häufig auf den Konzertprogrammen steht als die späteren, experimentelleren Kompositionen des amerikanischen Komponisten. Umso spannender war die Begegnung mit einer Sinfonie, die noch deutlich in der europäischen Spätromantik verwurzelt ist, zugleich aber bereits jene individuelle Handschrift erkennen lässt, die Ives später zu einem der bedeutendsten musikalischen Erneuerer des 20.Jahrhunderts machte.
Klangliche Transparenz und große Bögen
Riccardo Chailly näherte sich der Partitur mit sichtbarer Sorgfalt und großem Respekt vor ihrer architektonischen Geschlossenheit. Von Beginn an legte er Wert auf eine transparente Klanggestaltung, wodurch die unterschiedlichen Instrumentengruppen stets ausgewogen miteinander verschmolzen. Das Lucerne Festival Orchestra folgte seinem Dirigenten mit beeindruckender Präzision und entfaltete einen warmen, geschmeidigen Gesamtklang, der die spätromantische Klangsprache des jungen Ives hervorragend zur Geltung brachte.
Besonders in den ruhigeren Passagen überzeugte das Orchester mit fein abgestuften dynamischen Schattierungen. Die Streicher gestalteten lange melodische Linien mit großer Eleganz, während Holz- und Blechbläser immer wieder farbliche Akzente setzten, ohne den Gesamtklang zu dominieren.
Romantische Tradition mit eigener Handschrift
Obwohl Einflüsse von Komponisten wie Dvořák, Tschaikowski oder Brahms unverkennbar sind, besitzt die Sinfonie bereits zahlreiche Momente, in denen Charles Ives seinen eigenen musikalischen Weg andeutet. Chailly verstand es ausgezeichnet, diese Balance zwischen traditioneller Form und individueller Tonsprache herauszuarbeiten. Dabei vermied er jede übertriebene Dramatik und ließ die Musik organisch atmen.
Gerade diese Zurückhaltung erwies sich als Stärke der Interpretation. Die sinfonischen Entwicklungen wirkten selbstverständlich, die Steigerungen bauten sich konsequent auf und führten zu eindrucksvollen Höhepunkten, ohne jemals auf bloße Effekte zu setzen.
Ein Orchester in Höchstform
Das Lucerne Festival Orchestra präsentierte sich einmal mehr als Ensemble von außergewöhnlicher Qualität. Beeindruckend war die Homogenität der Streicher ebenso wie die klangliche Flexibilität der Holzbläser. Die Hörner überzeugten mit warmem, rundem Ton, während das Blech in den großen Tuttistellen kraftvoll, aber niemals aufdringlich wirkte. Auch das Zusammenspiel zwischen den einzelnen Instrumentengruppen gelang nahezu makellos und verlieh der Aufführung eine bemerkenswerte Geschlossenheit.
Riccardo Chailly hielt die weitgespannten musikalischen Bögen jederzeit sicher zusammen und sorgte dafür, dass selbst komplexere kontrapunktische Passagen ihre Transparenz behielten.
Eine lohnende Wiederentdeckung
Die Aufführung machte eindrucksvoll deutlich, dass Charles Ives‘ Erste Sinfonie weit mehr ist als ein frühes Studienwerk. Sie offenbart einen jungen Komponisten von bemerkenswerter Fantasie und handwerklicher Meisterschaft, der bereits den Mut besitzt, eigene Akzente innerhalb der romantischen Tradition zu setzen.
Das Lucerne Festival Orchestra unter Riccardo Chailly schenkte diesem selten zu hörenden Werk eine ebenso differenzierte wie leidenschaftliche Interpretation. Der lang anhaltende Applaus des Publikums unterstrich, dass diese musikalische Wiederentdeckung zu den eindrucksvollen Momenten des diesjährigen Lucerne Festivals gehören könnte.
Text: www.leonardwuest.ch
Fotos: Priska Ketterer, Manuela Jans, Peter Fischli, Pius Amrein und Patrick Hürlimann www.lucernefestival.ch
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