Stadttheater Sursee, Der Bettelstudent, Premiére, 17.1.2026, besucht von Léonard Wüst
Ballett Von links nach rechts vorne Sophie Galliker, Sophia Vetter, Anna Zimmermann; hinten Jarina Stadelmann, Sophia Wyss, Sina Kaiser, Yoninah Steiner, Mara Troxler, Mara Wyder
Produktionsverantwortliche:
Rosa Mathis Stv. Produktionsleiterin Giuseppe Spina Regisseur
Francesco Cagnasso Musikalische Leitung Robbert Van Steijn Musikalisches Arrangement
Peter Meyer Chorleitung Catherine Treyvaud Choreografie
Joachim Steiner Leitung Kostümbild Hanni Vievergelt Leitung Maske
Lars Bolliger Leitung Bühnenbild Marion Sidler Requisite
Flynn Bolliger Leitung Sicherheit und Technik
Maya Heusser Regieassistenz Hilda Joos Inspizienz
Sybille Zihler Kostümassistenz
Ausführende:
Glenn Desmedt Symon Rymanowicz Livio Schmid Jan
Wolf Latzl Ollendorf Stefan Wieland Enterich Jasmin Sax Onuphrie
Priska Hurschler, Piffke, Gefängnisschliesser Andreas Fitze, Puffke,Gefängnisschliesser
Theaterorchester Ballett Theaterchor und Kinderchor
Der Komponist
Carl Millöcker sollte eigentlich die Goldschmiedewerkstatt seines Vaters in Wien übernehmen. Er folgte jedoch seinen musikalischen Neigungen und studierte Flöte am Wiener Konservatorium. Gefördert von Franz von Suppé wurde Millöcker Kapellmeister in Graz, wo 1865 auch seine ersten Operetten-Einakter aufgeführt wurden. Als Kapellmeister in Budapest und am Theater an der Wien sammelte er weitere Erfahrungen am Musiktheater, bevor er sich ganz dem Komponieren von Operetten widmete. Die Uraufführung von Millöckers Meisterwerk „Der Bettelstudent“ im Theater an der Wien gehörte zu den glanzvollen Ereignissen des Wiener Operettenzeitalters.
Handlung der bekanntesten Operette von Carl Millöcker kurz zusammengefasst
Obwohl das Vermögen aufgezehrt ist, trägt die Gräfin Palmatica die Nase hoch. Der Gatte, den sie für ihre Tochter Laura auswählen wird, soll beides sein, vermögend und von hohem Adel.
Oberst Ollendorf erfüllt die zweite Voraussetzung nicht. Trotzdem hat er sich bei einem Ball an die Tochter Laura herangemacht und ihr ungezogenerweise einen fetten Schmatz auf die Schulter gedrückt. In der heutigen Zeit tragen die Mädchen den Bauchnabel frei, und damals waren es schöne Schultern, welche die Männer reizen und zur Sünde verführen sollten. Man verstehe Laura, wenn sie es nicht mag, dass ihre edlen Rundungen von einem Lüstling in der Öffentlichkeit vollgeseibert werden. Sie reagiert instinktiv weiblich und knallt dem Überraschten ihren Fächer ins Gesicht. Dieser fühlt sich blamiert und reagiert tödlich beleidigt. Mit der weltberühmten Arie „Ach ich hab’ sie ja nur auf die Schulter geküsst“ macht er seinen Empfindungen Luft und erwartet, dass man ihn bedauert. Statt Mitgefühl erntet er aber nur Spott – und folgerichtig sinnt er auf Rache. Dabei kann er noch froh sein, dass die Abgeschleckte keine Blumenvase auf seinem Kopf zertrümmert hat. Andererseits hätte es Lauras Klugheit erfordert, Opfer zu bringen, weil die Mittel, um standesgemäß stolzieren zu können, aufgebraucht sind. Tatsächlich sind die Kowalskas so arm geworden, dass man sich zu dritt ein Schnupftuch teilen muss.
August der Starke ist als König von Polen offenbar nicht sehr beliebt. Die Zitadelle, welche Oberst Ollendorf unterstellt ist, füllt sich mit aufsässigen polnischen Studenten, welche die Sachsen aus dem Land vertreiben möchten. Zu ihnen gehören auch Symon und Jan, die Ollendorf für ausreichend talentiert hält, um mit ihnen ein Ränkespiel einzustudieren. Symon, der sich selbst Bettelstudent nennt, erhält feinste Garderobe und darf sich als Fürst Wibicki ausweisen, und Jan wird ihm als Sekretär an die Seite gestellt. Die unfreiwilligen Hochstapler finden freundliche Aufnahme im Hause der Gräfin Palmatica, und die zarten Bande zwischen den Töchtern knüpfen sich fast von alleine. Ein Fürst mit Immobilien und Geld, von weiter Reise zurückgekehrt, kommt der Mutter gerade recht, so dass sie gegen eine baldige Verlobung nichts einzuwenden hat.
Der Gouverneur hat nicht einkalkuliert, dass Comtesse Laura und Symon sich tatsächlich ineinander verlieben könnten. Der Student will das unwürdige Spiel nicht länger mitmachen und droht, alles zu verraten. Schließlich gelingt es dem Schurken Ollendorf doch noch, den Bettelstudenten zu beschwatzen. Jan hat sich in das Pummelchen Bronislawa verliebt und kommt von ihr nicht mehr los. Nebenbei nimmt er sich Zeit, den Aufstand gegen die sächsische Besatzungsmacht zu schüren.
Die Gemeinheit des Gouverneurs besteht nun darin, den beiden Liebenden das Wonnegefühl an der Hochzeitsfeier zu verderben. Er hat den Gefängnisaufseher Enterich angewiesen, mit den politischen Gefangenen zur Hochzeitsfeier anzurücken, um die alte Gräfin und Comtesse Laura zu kompromittieren. Das gelingt auch, denn die zerlumpten Gesellen identifizieren den Bräutigam als Mitgefangenen. Symon will den Schurken Ollendorf mit dem Säbel zur Rechenschaft ziehen – eine Unbesonnenheit, die Jan verhindert. Laura flüchtet sich in die Arme der Mutter, die einer Ohnmacht nahe ist. Bronislawa ist bedrückt. Wird Jan sie verlassen?
Symon sieht sich der Situation nicht mehr gewachsen, ist in den Schlossgarten geflüchtet und will Selbstmord begehen. Nun beginnt Jan zu intrigieren. Er gibt sich als Hauptmann Lesczinsky zu erkennen und kann Symon für seine Pläne, die auf die Befreiung Polens abzielen, begeistern. Um Ollendorf zu täuschen, gibt er den Bettelstudenten fälschlich für den Herzog Kasimir aus und bewirkt mit dem scheinbaren Verrat seine Freilassung. Die Zitadelle wird mit Hilfe der Aufständischen, die von Jan mobilisiert und vom wirklichen Herzog anführt werden, gestürmt und die Wachen entwaffnet.
Damit das glückliche Ende der Geschichte gewährleistet ist, wird Symon auf Fürsprache Jans geadelt, so dass die Gräfin einer dauerhaften Verbindung mit Laura nichts weiter entgegenzusetzen möchte. Das Problem, die Finanzen zu sanieren, übernimmt Bronislawa, denn ihr Jan ist betucht, dazu hochanständig und hochwohlgeboren.
Ein glanzvoller Auftakt mit klassischem Wiener Operettengeist
Mit der Premiere von Carl Millöckers Der Bettelstudent ist dem Stadttheater Sursee ein schwungvoller, musikalisch reich nuancierter Operettenabend gelungen. Regisseur Giuseppe Spina setzt auf eine klare, werknahe Erzählweise, die Humor, gesellschaftliche Satire und romantische Verwicklungen gleichermaßen ernst nimmt. Seine Inszenierung vertraut auf Tempo, präzise Figurenführung und ein lebendiges Zusammenspiel aller Beteiligten. Bereits die Ouvertüre, elegant und mit federnder Leichtigkeit vom Theaterorchester dargeboten, öffnete den Raum für einen Abend voller Spielfreude und Charme.
Musikalische Leitung mit Sinn für Stil und Dramaturgie
Die musikalische Gesamtleitung lag in den Händen von Francesco Cagnasso, der das Orchester mit sicherem Gespür für Millöckers melodische Finesse und rhythmischen Schwung führte. Unterstützt durch das musikalische Arrangement von Robbert Van Steijn entstand ein transparenter, farbiger Klang, der sowohl die großen Ensemble Nummern als auch die intimeren Passagen trug. Tempi und Dynamik waren fein austariert, sodass die Sängerinnen und Sänger jederzeit Raum zur Entfaltung hatten. Das Theaterorchester überzeugte mit Präzision, stilistischer Sicherheit und hörbarer Freude am Operettengenre.
Überzeugende Solistinnen und Solisten mit Charakter und Präsenz
Im Zentrum des Abends standen die Sängerinnen und Sänger, die ihre Rollen mit stimmlicher Qualität und darstellerischer Klarheit ausfüllten. Glenn Desmedt als Symon Rymanowicz beeindruckte mit geschmeidiger Linienführung, strahlender Höhe und glaubwürdiger Emotionalität. Livio Schmid als Jan ergänzte ihn ideal – kraftvoll im Ausdruck, lebendig im Spiel und mit feinem Sinn für komödiantische Details. Wolf Latzl gestaltete den Ollendorf als prägnante Figur zwischen Karikatur und verletzter Eitelkeit, während ein herausragender Stefan Wieland als Enterich mit präziser Diktion, Spielfreude und perfekt gesprochenem Sächsisch überzeugte – ohne die Leistung der anderen zu schmälern, gar herausragte.
Starke Nebenrollen und geschlossenes Ensemble
Auch die Nebenrollen waren sorgfältig besetzt: Priska Hürschler als Gefängnisschliesser Piffke setzte feine Akzente mit pointiertem Spiel, während Andreas Fitze als Puffke grosse Wandlungsfähigkeit und komödiantisches Timing bewies. Der Theaterchor, einstudiert von Peter Meyer, präsentierte sich klanglich ausgewogen und szenisch präsent. Kinderchor und Ballett fügten sich harmonisch ins Gesamtbild ein und bereicherten den Abend um zusätzliche Lebendigkeit.
Choreografie, Bühne und Ausstattung als stimmiges Gesamtbild
Die Choreografie von Catherine Treyvaud brachte Leichtigkeit und Bewegung auf die Bühne, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Das Ballett fügte sich organisch ins Bühnengeschehen ein und unterstützte den musikalischen Fluss wirkungsvoll. Das Bühnenbild unter der Leitung von Lars Bolliger schuf klare, funktionale Räume mit atmosphärischer Wirkung. Die Kostüme (Leitung Joachim Steiner) unterstützten die Figurenzeichnung, während Hanni Vievergelt mit der Maske für stimmige Charakterbilder sorgte. Die Requisite unter Marion Sidler rundete das visuelle Gesamtbild mit liebevollen Details ab.
Ein Premierenabend mit nachhaltiger Wirkung
Mit dem Bettelstudenten gelingt dem Stadttheater Sursee einmal mehr ein grosser Wurf, der durch handwerkliche Qualität, musikalische Sorgfalt und grosse Ensembleleistung überzeugt – und sicherlich nicht um Anerkennung betteln muss. Die Inszenierung zeigt, dass Operette – klug umgesetzt und ernst genommen – auch heute ihr Publikum begeistert. Der stürmische Schlussapplaus, mündend in eine langanhaltende stehende Ovation, bestätigte den nachhaltigen Eindruck dieses rundum gelungenen Abends.
Oder, wie es Stefan Wieland als „Enterich“ sagn dät:
„Äs worä runddrum g’lunnr Aamd, den de Theād’r gesellschafd vu Sursä dr Premjäärngäst gebodn had.“
Die bekanntesten Lieder:
Ach, ich hab‘ sie ja nur
Einen Mann hab ich gefunden
Ich setz` den Fall
Ich hab kein Geld, bin vogelfrei
Wenn man, wie ich, so hoch geboren
Text: www.leonardwuest.ch
Fotos: Roberto Conciatori https://rcfotografie.ch/ www.stadttheater-sursee.ch
www.gabrielabucher.ch www.herberthuber.ch







