Diabetes und Zyklus: Automatisierte Insulinabgabe gleicht nicht alles aus
In der zweiten Zyklushälfte wirkt Insulin bei vielen Frauen mit
Typ-1-Diabetes weniger stark: Sie benötigen mehr Insulin, um ihre
Blutzuckerwerte im Zielbereich zu halten. Eine Beobachtungsstudie mit 77
Frauen und 380 Menstruationszyklen zeigt, dass in dieser Phase trotz
automatisierter Insulinabgabe sowohl die tägliche Insulinmenge als auch
die durchschnittlichen Blutzuckerwerte höher waren (1). Die individuellen
Muster unterschieden sich jedoch deutlich. Was dies für die Behandlung
bedeutet, erläuterte Dr. Martina Rothenbühler auf der Vorab-
Pressekonferenz der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) zur Diabetes
Herbsttagung 2026.
Systeme zur automatisierten Insulinabgabe, kurz AID, verbinden einen
Glukosesensor mit einer Insulinpumpe. Ein Steuerungsprogramm passt die
Insulinabgabe anhand der Messwerte an. Das erleichtert die Behandlung und
hilft, die Werte im Zielbereich zu halten. Die Studie, die in der
Septemberausgabe 2026 der Fachzeitschrift Diabetes Care erschien, zeigt
jedoch: Zyklusabhängige Veränderungen von Insulinbedarf und Glukosewerten
bestehen auch bei Nutzung dieser Systeme.
Wenn der Körper mehr Insulin braucht
Der Zyklus beginnt mit dem ersten Tag der Menstruation. Die zweite
Zyklushälfte liegt nach dem Eisprung und vor der nächsten Blutung. In
dieser Phase reagiert der Körper bei vielen Frauen weniger empfindlich auf
Insulin. Eine höhere Insulinabgabe kann diesen erhöhten Bedarf
ausgleichen, verhindert aber nicht zwangsläufig einen Anstieg der
Glukosewerte. In der untersuchten Gruppe lagen die Werte in dieser Phase
seltener im Zielbereich.
Bei rund 85 Prozent der Teilnehmerinnen zeigte sich ein Muster, das dem
Trend auf Gruppenebene entsprach: Die Insulinempfindlichkeit war in der
zweiten Zyklushälfte geringer und zu Beginn des Zyklus höher. Sie wurde
mithilfe eines statistischen Modells aus den Alltagsdaten geschätzt. Wie
stark sich die Empfindlichkeit veränderte, unterschied sich jedoch
erheblich. Die Beobachtungsstudie erfasst Zusammenhänge im Alltag: Neben
hormonellen Schwankungen können auch Ernährung, Schlaf und Bewegung
Insulinbedarf und Glukosewerte beeinflussen. Welchen Anteil die einzelnen
Faktoren an den beobachteten Veränderungen haben, lässt sich daraus nicht
eindeutig ableiten.
„Nicht jede Frau braucht vor der Menstruation mehr Insulin. Wir müssen die
individuellen Muster erkennen, statt eine pauschale Regel anzuwenden“,
sagt Dr. Martina Rothenbühler, Scientific Program Manager am Diabetes
Center Berne in Bern, Schweiz. Zu Beginn des Zyklus kann der Insulinbedarf
wieder sinken. Eine im Verhältnis zum Bedarf zu hohe Insulinabgabe kann zu
Unterzuckerungen führen. AID-Systeme können die Abgabe bei sinkenden
Glukosewerten reduzieren. Ob darüber hinaus Einstellungen angepasst werden
sollten, ist individuell mit dem Diabetesteam zu besprechen.
Automatisierung lässt einen Teil der Arbeit offen
AID-Systeme können auf einen steigenden Insulinbedarf reagieren, indem sie
die Insulinabgabe bei steigenden Glukosewerten automatisch erhöhen.
Automatische Anpassung bedeutet jedoch nicht, dass die Werte jederzeit im
Zielbereich bleiben. Die Studie zeigt, dass zyklusabhängige Unterschiede
trotz AID bestehen; sie klärt nicht, welche technischen oder
physiologischen Faktoren dafür im Einzelnen verantwortlich sind. „Bislang
berücksichtigt kein zugelassenes System den Menstruationszyklus
ausdrücklich bei der Steuerung der Insulinabgabe“, erklärt Rothenbühler.
Auch mit AID können deshalb individuelle Therapieanpassungen erforderlich
sein. Ob und welche Einstellungen verändert werden sollten, hängt vom
persönlichen Verlauf und vom verwendeten System ab. „Wir sollten die
Systeme nicht nur an den Glukosewerten messen, sondern auch daran, wie
viele Entscheidungen sie den Nutzerinnen tatsächlich abnehmen“, betont
Rothenbühler. Sie empfiehlt, Zyklusmuster in Beratung und Schulung
regelmäßig anzusprechen und hormonelle Lebensphasen in Studien und
Technikentwicklung stärker zu berücksichtigen.
Die Ergebnisse verdeutlichen, warum Diabetesbehandlung auch mit moderner
Technik individuell bleiben muss. Neue Wege für eine bessere Versorgung
stehen im Mittelpunkt der 20. Diabetes Herbsttagung, die am 13. und 14.
November 2026 in Dresden stattfindet.
Zur Pressemappe und dem Mitschnitt der Pressekonferenz:
https://www.ddg.info/pressekon
-diabetes-herbsttagung
Weitere Informationen:
(1) Hossmann S, Friedman M, … Reger-Tan S,… Rothenbühler M. Effects of
Menstrual Cycle on Insulin Sensitivity in Type 1 Diabetes: An
Observational Study of Individuals Using an AID System. Diabetes Care
2026;49(9):1673-1680. doi:10.2337/dc26-0692
(2) https://www.dcberne.com/en/fo
(3) https://www.dcberne.com/en/ti
______________________________
20. Diabetes Herbsttagung der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG)
Termin: 13. bis 14. November 2026
Ort: Messe Dresden
Anmeldung unter https://ddght.virtual-meeting.
Kongress-Pressekonferenz der Diabetes Herbsttagung 2026 (hybrid)
„Diabetologie der Zukunft: KI nutzen, Teilhabe sichern, nachhaltig
handeln“
Termin: Freitag, 13. November 2026, 12:30 bis 13:30 Uhr
Ort: Festsaal in der Messe Dresden oder hier online:
https://us06web.zoom.us/webina
Nm9MiQw#/registration
Zum vollständigen Programm: https://www.ddg.info/pressekon
/kongress-pressekonferenz-der-
Weitere Informationen finden Sie im Pressebereich auf der DDG Website:
https://www.ddg.info/presseber
