S3-Leitlinie Zervixkarzinom aktualisiert: neuer Therapiestandard bei metastasiertem Gebärmutterhalskrebs
Aktualisiert im Leitlinienprogramm Onkologie: die S3-Leitlinie Diagnostik,
Therapie und Nachsorge der Patientin mit Zervixkarzinom. Aufgrund neuer
Studien wurden unter anderem die Empfehlungen zur Operation, zur
Systemtherapie im fortgeschrittenen Stadium und zur Radiochemotherapie
überarbeitet. Die Leitlinie entstand unter Federführung der Deutschen
Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG) und der
Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie (AGO) für die Deutsche
Krebsgesellschaft und unter Mitwirkung von 42 weiteren Fachgesellschaften
und Organisationen. Finanziert wurde das Leitlinienupdate von der
Deutschen Krebshilfe im Rahmen des Leitlinienprogramms Onkologie.
Das Zervixkarzinom ist weltweit eine der häufigsten Krebserkrankungen bei
Frauen. Laut Robert Koch-Institut erkrankten im Jahr 2023 rund 4.300
Frauen an Gebärmutterhalskrebs. In den letzten 30 Jahren hat das
Zervixkarzinom in seiner Inzidenz stark abgenommen, vor allem durch die
Einführung der gesetzlichen Früherkennung. Allerdings stagnieren die
Mortalitätszahlen in den letzten zehn Jahren.
An dieser Stelle setzt die aktualisierte S3-Leitlinie an: In der Vielzahl
der Therapieoptionen werden evidenzbasierte Standards empfohlen, die eine
Basis für eine qualitativ hochwertige, individuell zugeschnittene Therapie
schaffen.
Neuer Therapiestandard für das fortgeschrittene Zervixkarzinom
In den letzten Jahren wurden viele neue medikamentöse Therapieoptionen
entwickelt. Daher wurde das Kapitel für das nicht kurativ behandelbare
Lokalrezidiv und die Erkrankungssituation mit Fernmetastasen komplett
überarbeitet. „90 Prozent der Zervixkarzinome weisen das Protein PD-L1
auf. Das ist ein gutes Ziel für Checkpoint-Inhibitoren, die das
körpereigene Immunsystem wieder gegen den Tumor aktivieren“, sagt Prof.
Matthias Beckmann vom Uniklinikum Erlangen. Gemeinsam mit Prof. Tanja
Fehm, Uniklinikum Düsseldorf, koordinierte er die
Leitlinienaktualisierung. „Als neuen Therapiestandard für Betroffene mit
Rezidiv oder Metastasen empfehlen wir in der Leitlinie nun eine platin-
und taxanhaltige Chemotherapie in Kombination mit Pembrolizumab ±
Bevacizumab.”
Bleibt der Therapieerfolg aus, werden in der Leitlinie neue Alternativen
für die Zweitlinientherapie empfohlen: So sind das Antikörper-Wirkstoff-
Konjugat Tisotumab-Vedotin oder für Erkrankte, die bislang keinen
Checkpoint-Inhibitor erhalten haben, der Wirkstoff Cemiplimab empfohlen.
„Die neuen Therapiemöglichkeiten zeigen signifikante Überlebensvorteile
und verbesserte Lebensqualität. Wir freuen uns, dass diese Optionen jetzt
als Standard festgehalten sind“, ergänzt Beckmann.
Operation: Optionen für weniger radikale Eingriffe
Die klassische Operationstechnik beim Zervixkarzinom ist die radikale
Hysterektomie. Je nach Erkrankungsstadium können dabei der
Gebärmutterkörper und -hals, der obere Teil der Vagina, ein Teil des
Halteapparates und die zugehörigen Lymphknoten sowie ggf. die Eierstöcke
entfernt werden. Für die operative Therapie werden in der Leitlinie neue
Empfehlungen gegeben. Betroffenen soll unter bestimmten Bedingungen nun
eine einfache statt einer radikalen Hysterektomie empfohlen werden. Denn
letztere ist mit einer erhöhten Morbidität verbunden. „Beim frühen
Zervixkarzinom wurde mittlerweile gezeigt, dass auch die einfache
Hysterektomie, bei der lediglich der Gebärmutterkörper entfernt wird,
unter gewissen Voraussetzungen onkologisch sicher ist. Gleichzeitig ist
hierbei die Lebensqualität der Behandelten deutlich höher, da weniger
Komplikationen und Spätfolgen auftreten." Ist eine radikale Hysterektomie
indiziert, sollte zunächst eine Konisation stattfinden. Voraussetzung ist,
dass der Tumor auf den Gebärmutterhals begrenzt ist, maximal vier
Zentimeter groß ist und tumorfreie Resektionsränder möglich scheinen.
„Studien zeigen, dass eine Konisation, also die operative Entfernung eines
Gewebekegels, vor einer geplanten radikalen Hysterektomie die Prognose
verbessert. Zum einen können wir dadurch die Tumorbiologie besser
bestimmen, zum anderen besteht ein geringeres Risiko der
Tumorzellverschleppung. Wir empfehlen daher, diese Variante mit den
Betroffenen zu besprechen und gemeinsam das operative Therapiekonzept
festzulegen“, so Prof. Fehm.
Weitere Neuerungen in der S3-Leitline betreffen den Fertilitätserhalt beim
Zervixkarzinom und detaillierte Empfehlungen zur Radiochemotherapie.
Zur neuen S3-Leitlinie
Die neue S3-Leitlinie ist auf dieser Webseite abrufbar https://www
.leitlinienprogramm-onkologie.
Leitlinien-Hub unter https://hub.leitlinienprogramm
onkologie.de/leitlinie/zervixk
Zudem sind die Inhalte in der kostenfreien Leitlinien-App integriert, die
für Android- oder iOS-Systeme verfügbar ist.
Das Leitlinienprogramm Onkologie (OL)
Leitlinien sind systematisch entwickelte Entscheidungshilfen für
Leistungserbringer und Patient*innen zur angemessenen Vorgehensweise bei
speziellen Gesundheitsproblemen. Sie stellen ein wesentliches Instrument
zur Förderung von Qualität und Transparenz medizinischer Versorgung dar.
Die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen
Fachgesellschaften (AWMF), die Deutsche Krebsgesellschaft e. V. und die
Deutsche Krebshilfe haben sich mit dem im Februar 2008 gestarteten
Leitlinienprogramm Onkologie das Ziel gesetzt, gemeinsam die Entwicklung
und Fortschreibung sowie den Einsatz wissenschaftlich begründeter und
praktikabler Leitlinien in der Onkologie zu fördern und zu unterstützen.
Mittlerweile umfasst das Leitlinienprogramm 37 S3-Leitlinien, die zu einem
großen Teil auch als laienverständliche Patientenleitlinien vorliegen.
Mehr unter: https://www.leitlinienprogramm
Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e.V. (DGGG)
Die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe e.V. (DGGG) ist
eine der großen wissenschaftlichen Fachgesellschaften in Deutschland. Sie
hat sich der Stärkung der Fachgebiete der Frauenheilkunde und Geburtshilfe
verschrieben und fördert das gesamte Fach sowie seine Subdisziplinen, um
die Einheit des Faches Frauenheilkunde und Geburtshilfe
weiterzuentwickeln. Als medizinische Fachgesellschaft engagiert sich die
DGGG fortwährend für die Gesundheit von Frauen und vertritt die
gesundheitlichen Bedürfnisse der Frau auch in diversen politischen
Gremien.
Mehr unter: https://www.dggg.de/
Die Arbeitsgemeinschaft für Gynäkologische Onkologie
Die Arbeitsgemeinschaft Gynäkologische Onkologie (AGO) ist eine
selbstständige AG der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und
Geburtshilfe e.V. (DGGG) und der Deutschen Krebsgesellschaft e.V. (DKG).
Die AGO verfolgt die Förderung der Wissenschaft und Forschung sowie die
Aus- und Weiterbildung von Medizinerinnen und Medizinern in den Themen-
und Aufgabenbereichen der gynäkologischen Onkologie einschließlich der
Mammatumoren. Mehr unter: https://www.ago-online.de/
