Dresdner Neurochirurgie: Hirnschrittmacher gegen schwere Zwangsstörungen
Tiefe Hirnstimulation eröffnet Menschen mit schweren, therapieresistenten
Zwangsstörungen eine neue Perspektive. Millimetergenau platzierte
Elektroden im Gehirn beeinflussen krankhaft veränderte Hirnnetzwerke, wenn
Psychotherapie und Medikamente nicht ausreichend wirken. Die
Neurochirurgie am Uniklinikum Dresden gehört zu den wenigen Zentren in
Deutschland, die diesen Eingriff anbieten, und begleitet Betroffene
langfristig.
Wenn quälende Gedanken sich aufdrängen, Ängste auslösen und den gesamten
Alltag bestimmen, kann eine schwere Zwangsstörung das Leben massiv
einschränken. Für Betroffene, bei denen etablierte Therapien nicht
ausreichend helfen, kann die Tiefe Hirnstimulation eine weitere
Behandlungsoption sein. Bei diesem hochpräzisen neurochirurgischen
Verfahren werden dünne Elektroden millimetergenau in bestimmte
Hirnregionen implantiert, um krankhaft veränderte Aktivitätsmuster in
neuronalen Netzwerken zu beeinflussen. Die Klinik und Poliklinik für
Neurochirurgie am Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden führt als
eines von wenigen Zentren in Deutschland diese Operation bei Betroffenen
mit Zwangsstörungen durch und begleitet die Patientinnen und Patienten,
die sich für diese Therapieoption entschieden haben.
„Oft haben Betroffene einen sehr langen Leidensweg hinter sich. Die Tiefe
Hirnstimulation greift als Option erst, wenn alle anderen
leitlinienkonformen Therapien durchlaufen sind. Dass sich der Aufwand
lohnt, sehen wir an unseren Patientinnen und Patienten, die uns sehr
dankbar sind“, sagt PD Dr. Witold Polanski, stellvertretender Direktor der
Klinik für Neurochirurgie. Er verantwortet den Bereich der Tiefen
Hirnstimulation am Uniklinikum Dresden. „Operationen zur Tiefen
Hirnstimulation erfordern höchste Expertise, modernste Technik und ein
eingespieltes interdisziplinäres Team. Dass wir dieses anspruchsvolle
Verfahren als Uniklinikum auch Patientinnen und Patienten mit schweren
Zwangsstörungen anbieten können, gehört zu unserem Verständnis von
Verantwortung als Maximalversorger für Ostsachsen“, sagt Klinikdirektor
Prof. Ilker Eyüpoglu.
Die Tiefe Hirnstimulation ist ein etabliertes und seit Jahrzenten stetig
weiterentwickeltes neurochirurgisches Verfahren, das unter anderem bei
bestimmten Bewegungsstörungen zum Beispiel in Zusammenhang mit einer
Parkinsonerkrankung, bei genetisch bedingten Muskelverkrampfungen oder
Zittererkrankungen der Hand eingesetzt wird. Etwa 30 dieser Operationen
führt die Klinik und Poliklinik für Neurochirurgie am Universitätsklinikum
Dresden pro Jahr durch. Die Eingriffe erfolgen in Vollnarkose und werden
auf Basis hochauflösender Aufnahmen aus dem 3-Tesla-MRT millimetergenau
geplant. Ein kleiner Teil dieser Eingriffe erfolgt in sorgfältig
ausgewählten Fällen bei schweren Zwangsstörungen – insbesondere dann, wenn
psychotherapeutische und medikamentöse Therapieoptionen ausgeschöpft
wurden und die Erkrankung das Leben weiterhin erheblich beeinträchtigt.
Bei einer Zwangsstörung können sich Gedanken oder Impulse wiederholt
aufdrängen, obwohl sie den eigenen Wünschen und Wertvorstellungen
widersprechen. Das können Gewaltphantasien gegen sich selbst oder andere
sein, übersteigerte Ängste vor Keimen oder anderen Menschen oder das
zwangshafte Wiederholen von Tätigkeiten oder Bewegungsmustern. Betroffene
versuchen häufig, diese Gedanken zu kontrollieren oder zu unterdrücken.
Das kann mit großer Angst, innerer Anspannung und erheblichen
Einschränkungen im täglichen Leben verbunden sein. Neben Zwangshandlungen,
etwa wiederholtem Waschen oder Kontrollieren, können auch quälende
Zwangsgedanken im Vordergrund stehen. „Bei dieser Erkrankung gehen wir
davon aus, dass krankhaft veränderte Aktivitätsmuster in miteinander
verbundenen Hirnnetzwerken eine Rolle spielen“, sagt PD Dr. Witold
Polanski. „Mit der Tiefen Hirnstimulation setzen wir an einem Punkt dieses
Netzwerks an. Über dauerhaft implantierte Elektroden geben wir elektrische
Impulse ab, um die krankhafte Synchronisierung der Nervenzellaktivität zu
beeinflussen.“
Die Elektroden sind über Verbindungskabel mit einem Stimulator verbunden,
der unter der Haut implantiert wird. Das System gibt kontinuierlich
elektrische Impulse ab. Welche Einstellungen am besten wirken, ist
individuell unterschiedlich. Impulsstärke, Frequenz und weitere
Stimulationsparameter werden deshalb schrittweise angepasst. Patientinnen
und Patienten können die Stimulation innerhalb ärztlich freigegebener
Grenzen selbst über eine App auf dem Smartphone anpassen. Moderne Systeme
können zudem die Hirnaktivität direkt an den Elektroden messen, was eine
noch gezieltere Einstellung ermöglicht. Ziel ist es, die Belastung durch
die Zwangsgedanken zu verringern und den Betroffenen mehr Abstand zu ihnen
zu ermöglichen. Die Erkrankung muss dadurch nicht vollständig
verschwinden. Eine begleitende psychotherapeutische Behandlung ist deshalb
angeraten.
Das Monster im Kopf – der lange Weg zurück in den Alltag
Was die Therapie mittels Tiefer Hirnstimulation für die Betroffenen
bedeuten kann, schildert eine 41-jährige Patientin aus einer Kleinstadt in
Ostsachsen. Als sie 20 Jahre alt war, begannen bei ihr verstörende
Zwangsgedanken, die sich um martialische Gewalt und Aggression gegen
andere und sich selbst drehten. „Wie in den schlimmsten Horrorfilmen“,
sagt sie. Die Gedanken waren nicht Ausdruck dessen, was sie wollte. Gerade
weil sie den eigenen Wertvorstellungen widersprachen und sie die
Vorstellung, jemandem etwas antun zu können, zutiefst erschreckte, lösten
sie massive Angst aus. Die Folgen reichten weit über die belastenden
Gedanken hinaus. Die Patientin vermied Situationen, die solche Impulse
verstärken könnten. Sie hatte Schwierigkeiten, allein das Haus zu
verlassen, einkaufen zu gehen oder alltägliche Tätigkeiten in der eigenen
Wohnung auszuführen. Selbst vermeintlich selbstverständliche Dinge oder
Orte wie die eigene Küche wurden zu großen Herausforderungen. Über Jahre
war sie verzweifelt, geplagt von Panikattacken und auf die Anwesenheit
anderer Menschen angewiesen.
Nach Jahren vergeblicher Therapien mit Gesprächen und Medikamente stellte
sie sich im Mai 2025 in der Klinik für Neurochirurgie am Uniklinikum
Dresden vor. Aufwendig hatte sie vorher recherchiert, wer ihr noch helfen
könnte. Die Operation erfolgte im Juni 2025, nach einer Woche konnte sie
die Klinik verlassen. Seitdem hat sich das Leben der Patientin grundlegend
geändert, sie kann ihren Alltag wieder selbstbestimmt gestalten und
eigenständig leben. Sie schildert unter Tränen, wie sie das erste Mal nach
Jahren wieder allein in den Supermarkt gehen konnte. Oder sich heute wie
selbstverständlich Essen selbst zubereiten und kochen kann. „Ich kann
nicht in Worte fassen, wie dankbar ich bin. Ich habe extrem viel
Lebensqualität zurückgewonnen. Ich habe mein Leben zurück“, beschreibt die
Patientin ihre Erfahrung. Die Zwangsgedanken seien heute zwar nicht
komplett verschwunden, die Intensität sei jedoch weitaus geringer. Nur
noch wenige Stunden am Tag sei sie mit den Gedanken konfrontiert. Die Frau
hat gelernt, mit ihnen umzugehen. „Ich kann mich heute viel besser von
meinem Monster im Kopf distanzieren und habe meine Ängste im Griff“, sagt
sie.
Weitergehende Informationen
Die Implantation des Hirnschrittmachers erfolgt grundsätzlich
vollstationär an spezialisierten Universitätskliniken. In Deutschland
bieten nur wenige Universitätskliniken dieses Verfahren bei
Zwangsstörungen an. Das Universitätsklinikum Dresden gehört dazu und
bündelt hier langjährige Erfahrungen aus der Behandlung von
Bewegungsstörungen. Im Anschluss wird das System auf den Patienten
eingestellt – das kann mehrere Wochen dauern. Die Nachkontrolle erfolgt
anschließend einmal pro Jahr im ambulanten Bereich. Moderne Stimulatoren
verfügen über wiederaufladbare Batterien, die von außen über die Haut
aufgeladen werden und viele Jahre halten. Wechseloperationen sind dadurch
deutlich seltener nötig. Ob Krankenkassen in Deutschland die
Behandlungskosten für die Tiefe Hirnstimulation bei Zwangserkrankungen
übernehmen, hängt von der individuellen Einzelfallentscheidung ab.
Betroffene müssen nachweisen, dass andere Therapieoptionen bei
Zwangserkrankungen ausgeschöpft sind. Ärztinnen und Ärzte in
spezialisierten Zentren unterstützen und beraten sie dabei. Sie übernehmen
auch die Prüfung, ob eine Tiefe Hirnstimulation leitlinienkonform bei
einer individuellen Erkrankung zur Anwendung kommen kann.
