Weltschlaganfalltag: Jede Minute zählt – und jede Chance, die Durchblutung des Gehirns wiederherzustellen
Bei einem Schlaganfall zählt jede Minute. Darauf macht der
Weltschlaganfalltag am 29. Oktober aufmerksam. Je schneller die
Durchblutung des Gehirns wiederhergestellt wird, desto größer ist die
Chance, bleibende Schäden zu verhindern. Dank moderner Therapieverfahren
können heute viele Menschen erfolgreich behandelt werden. Doch was
geschieht, wenn sich ein verschlossenes Hirngefäß auch mittels
Thrombektomie nicht ausreichend öffnen lässt? Eine aktuelle Studie [1]
zeigt, dass es auch in solchen Situationen eine weitere
Behandlungsmöglichkeit geben kann.
„In der Schlaganfallmedizin haben wir in den vergangenen Jahren große
Fortschritte erzielt. Trotzdem gibt es immer wieder Patientinnen und
Patienten, bei denen wir mit den etablierten Verfahren an Grenzen stoßen“,
erklärt Prof. Dr. Götz Thomalla vom UKE in Hamburg, Mitautor der Studie
und Präsident des DGN-Kongresses, der vom 4. – 7. November in Berlin
stattfinden wird. „Die neuen Ergebnisse machen Hoffnung, dass wir auch in
dieser schwierigen Situation eine zusätzliche Behandlung anbieten können.“
Bei einem kleinen Teil der Betroffenen gelingt die Entfernung des
Blutgerinnsels nicht
Ein ischämischer Schlaganfall entsteht, wenn ein Blutgerinnsel ein
Hirngefäß verschließt und dadurch Teile des Gehirns nicht mehr ausreichend
mit Sauerstoff versorgt werden. Eine wichtige Standardtherapie ist die
intravenöse Thrombolyse, bei der das Blutgerinnsel mithilfe eines
Medikaments aufgelöst werden soll. Bei einem Teil der Betroffenen, bei
etwa 9 % [2], insbesondere bei Verschlüssen großer Hirnarterien, ist
zusätzlich oder alternativ eine mechanische Thrombektomie notwendig. Dabei
wird das Blutgerinnsel mithilfe eines Katheters aus dem Gefäß entfernt, um
die Durchblutung wiederherzustellen. Allerdings gelingt dies nicht in
jedem Fall. Bei bis zu 20 % der thrombektomierten Patientinnen und
Patienten wird keine ausreichende Wiedereröffnung des Gefäßes erreicht.
Die behandelnden Ärztinnen und Ärzte müssen dann entscheiden, ob ein
weiterer Eingriff sinnvoll ist.
Deutlich bessere Behandlungsergebnisse nach 90 Tagen nach intrakraniellen
Rescue-Stenting
Eine mögliche Option ist das sogenannte intrakranielle Rescue-Stenting.
Dabei wird ein kleines Gefäßstützgerüst, ein Stent, in die betroffene
Hirnarterie eingesetzt. Es soll das Gefäß offenhalten und so die
Blutversorgung des Gehirns verbessern. Ob dieses Verfahren nach einer
erfolglosen Thrombektomie tatsächlich Vorteile bietet und wie sicher es
ist, ist bislang nicht ausreichend geklärt. Eine vom UKE initiierte,
aktuelle Analyse [1] wertete deshalb Daten aus dem Deutschen
Schlaganfallregister, an dem 25 deutsche Schlaganfallzentren beteiligt
sind, aus den Jahren 2015 bis 2023 aus.
Von insgesamt 14.714 geeigneten Patientinnen und Patienten erhielten 352
ein intrakranielles Stenting. Für den Vergleich bildeten die Forschenden
mithilfe eines statistischen Verfahrens zwei möglichst ähnliche
Patientengruppen mit jeweils 218 Personen. In der einen Gruppe war ein
Rescue-Stenting durchgeführt worden, in der anderen war nach einer nicht
ausreichend erfolgreichen Thrombektomie keine weitere endovaskuläre
Behandlung erfolgt.
Die Ergebnisse zeigen deutliche Unterschiede: 39 % der Patientinnen und
Patienten mit Rescue-Stenting waren nach 90 Tagen funktionell unabhängig,
konnten also ihren Alltag ohne wesentliche fremde Hilfe bewältigen. In der
Vergleichsgruppe waren es 22 %. Auch die Sterblichkeit innerhalb von 90
Tagen war in der Stent-Gruppe niedriger: Sie betrug 26 % gegenüber 37 %.
Das Risiko symptomatischer Hirnblutungen unterschied sich dagegen nicht
signifikant zwischen den Gruppen (4 gegenüber 5 %). Bei 87 % der mit einem
Stent behandelten Personen konnte eine ausreichende Durchblutung
wiederhergestellt werden.
Allerdings handelt es sich bei der Untersuchung um eine
Beobachtungsstudie. Deshalb lässt sich daraus noch nicht zweifelsfrei
ableiten, dass die besseren Behandlungsergebnisse ausschließlich auf das
Rescue-Stenting zurückzuführen sind oder womöglich andere Faktoren eine
Rolle gespielt haben. Die Forschenden betonen, dass weitere randomisierte
Studien notwendig seien, um diese Frage zu klären.
Fortschritt durch erweiterte Therapieoptionen – aber nach wie vor zählt
bei einem Schlaganfall jede Minute
„Das Entscheidende ist, dass wir uns wissenschaftlich mit den Situationen
beschäftigen, in denen unsere bisherigen Behandlungsmöglichkeiten nicht
ausreichen“, sagt Thomalla. „Wenn wir durch zusätzliche Verfahren die
Durchblutung wiederherstellen können, besteht die Chance, Hirngewebe zu
retten und schwere Behinderungen zu verhindern. Genau deshalb ist es
wichtig, bestehende Therapiekonzepte kontinuierlich weiterzuentwickeln.“
Die wichtigste Voraussetzung für eine erfolgreiche Schlaganfallbehandlung
bleibe jedoch, dass die Betroffenen so schnell wie möglich medizinisch
versorgt werden, betont Thomalla. Das Motto des diesjährigen
Weltschlaganfalltag am 29. Oktober „EVERY M1NUTE COUNTS“ bringt diese
Botschaft auf den Punkt. „Je früher wir behandeln können, desto mehr
Möglichkeiten haben wir, das Gehirn vor dauerhaften Schäden zu schützen.
[1] Konrad M, Meyer L, Broocks G, Bechstein M, Thaler C, Heitkamp C,
Winkelmeier L, Geest V, Schlicht F, Heitkamp A, Peter G, Meucci L,
Tokareva B, Faizy T, Brekenfeld C, Schell M, Thomalla G, Fiehler J,
Gellißen S, Kniep H, Flottmann F; German Stroke Registry -Endovascular
Treatment (GSR-ET). Intracranial rescue stenting in the German stroke
registry: a propensity score-matched multicenter study. J Neurol. 2026 Oct
9;273(11):653. doi: 10.1007/s00415-026-14180-7. PMID: 42853400; PMCID:
PMC13652770.
[2] Hirsch S, Kostev K, Tanislav C, Hammed A. Acute Ischemic Stroke
Treatment in Germany (2015-2023): Nationwide Trends in Thrombolysis and
Thrombectomy by Age and Sex. Brain Sci. 2025 Aug 2;15(8):832. doi:
10.3390/brainsci15080832. PMID: 40867164; PMCID: PMC12384785.
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