Vorhofflimmern: Herzchirurgie gewinnt an Bedeutung
Der Deutsche Herzbericht – Update 2026 wurde am 16. September der
Öffentlichkeit vorgestellt. Im Mittelpunkt steht in diesem Jahr ein Thema,
das auch für die Herzchirurgie von besonderer Bedeutung ist:
Herzrhythmusstörungen. Sie zählen zu den häufigsten Herzerkrankungen in
Deutschland und führen zu mehr als 500.000 stationären
Krankenhausaufnahmen pro Jahr. Besonders im Fokus steht das
Vorhofflimmern: Die Volkskrankheit betrifft in Deutschland mehr als 1,6
Millionen Menschen und stellt die medizinische Versorgung angesichts
steigender Erkrankungszahlen und der damit verbundenen Risiken vor
wachsende Herausforderungen.
Für die Herzchirurgie ist diese Entwicklung besonders relevant. Denn
Vorhofflimmern tritt bei Menschen, die sich einer Herzoperation
unterziehen müssen, deutlich häufiger auf als in der Allgemeinbevölkerung.
„Etwa 12 bis 13 Prozent der herzchirurgischen Patientinnen und Patienten
sind zusätzlich von Vorhofflimmern betroffen – das ist etwa jede achte
Person“, sagt Prof. Dr. Nicolas Doll, Chefarzt der Herzchirurgie an der
Schüchtermann-Klinik Bad Rothenfelde und Experte für die herzchirurgische
Behandlung von Herzrhythmusstörungen.
Dabei bietet eine Herzoperation häufig die Möglichkeit, das Vorhofflimmern
direkt mitzubehandeln. Bei der sogenannten Ablation werden gezielt kleine
Narben im Herzgewebe gesetzt, um die elektrischen Signale zwischen den
Herzmuskelzellen zu unterbrechen, die das Vorhofflimmern auslösen oder
aufrechterhalten. Das geschieht nach Einschätzung von Nicolas Doll bislang
zu selten, obwohl die wissenschaftliche Evidenz dafürspricht. Für die
Mitralklappenchirurgie empfehlen die europäischen Leitlinien eine
begleitende Ablation ausdrücklich. Auch bei Bypass- und Aortenklappen-
Operationen sollte eine Ablation in Betracht gezogen werden.
Laut Doll liegt das Problem in der Finanzierung: Die zusätzliche Ablation
verursacht für die Kliniken einen Mehraufwand – unter anderem durch die
dafür benötigten speziellen medizinischen Geräte. Bei bestimmten
Herzoperationen wird dieser Aufwand jedoch nicht zusätzlich vergütet.
Daraus ergibt sich ein Widerspruch: Eine Behandlung wird von den
Leitlinien empfohlen, ist aber mit zusätzlichen Kosten verbunden, ohne
dass dieser Mehraufwand entsprechend erstattet wird.
Ebenfalls in einem Spannungsfeld stehen sogenannte Hybridverfahren. Sie
kommen ins Spiel, wenn keine andere Herzoperation notwendig ist. Bei einem
solchen Hybridverfahren arbeiten Herzchirurgie und Kardiologie eng
zusammen: Herzchirurgisch werden zunächst bestimmte Bereiche des
Herzvorhofs von außen behandelt, anschließend wird die Behandlung
kardiologisch mit einem Kathetereingriff von innen ergänzt. Auch hier ein
ähnliches Bild: Obwohl die Leitlinien solche Verfahren inzwischen für
bestimmte Patienten empfehlen, werden sie in Deutschland bislang nur
selten eingesetzt. Ein Grund dafür ist, dass Herzchirurgie und
Elektrophysiologie die Behandlung von Vorhofflimmern lange weitgehend
getrennt voneinander verfolgt haben. Prof. Dr. Nicolas Doll: „Gerade bei
komplexem, langanhaltendem Vorhofflimmern zeigt sich zunehmend, dass die
Kombination beider Verfahren erfolgversprechender sein kann als eine
alleinige Katheterbehandlung. Dafür müssen Kardiolog:innen und
Herzchirurg:innen ihre Expertise zusammenbringen – und genau diese
Zusammenarbeit etabliert sich jetzt erfreulicherweise zunehmend.“
Den besten Therapieweg finden und umsetzen
Wie eine solche Zusammenarbeit konkret aussehen kann, zeigt das Hy⁵-
Konzept, das Nicolas Doll gemeinsam mit Prof. Dr. Philipp Sommer, Direktor
der Klinik für Elektrophysiologie und Rhythmologie am Herz- und
Diabeteszentrum Nordrhein-Westfalen, initiiert hat
(https://www.hy5afib.com). Dahinter steht ein Netzwerk spezialisierter
Zentren, in denen Patient:innen mit besonders schwer behandelbarem
Vorhofflimmern gemeinsam von Herzchirurgie und Kardiologie nach einem
einheitlichen Konzept therapiert werden. Entscheidend sei also nicht,
durch welches Fachgebiet eine Behandlung durchführt wird, betont Nicolas
Doll, sondern, dass interdisziplinär die beste Therapie gefunden,
indiziert und umgesetzt wird.
Dass solche Schritte wichtig sind, zeigt auch der Blick in die Zukunft:
Unsere Gesellschaft wird immer älter – und mit zunehmendem Alter steigt
die Wahrscheinlichkeit, an Vorhofflimmern zu erkranken. Nach Einschätzung
von Nicolas Doll könnte sich die Zahl der Menschen mit Vorhofflimmern bis
2050 sogar verdoppeln. Dabei ist Vorhofflimmern weit mehr als ein
unregelmäßiger Herzschlag: Die Erkrankung kann die Lebensqualität
erheblich beeinträchtigen, erhöht unter anderem das Risiko für einen
Schlaganfall und kann zu einer erheblichen Herzschwäche führen.
Jahrestagung der DGTHG im Februar 2027 rückt ebenfalls
Herzrhythmusstörungen in den Fokus
Gleichzeitig gibt es Grund zur Zuversicht. Die Behandlung von
Vorhofflimmern hat sich in den vergangenen Jahren deutlich
weiterentwickelt. Auch bei lange unentdecktem Vorhofflimmern stehen heute
wirksame Behandlungsmöglichkeiten zur Verfügung –auch für ältere
Patient:innen. Neue Studien zeigen zudem, wer besonders von
herzchirurgischen und Hybrid-Verfahren profitieren kann. Die daraus
gewonnenen Erkenntnisse finden zunehmend Eingang in die wissenschaftlich-
medizinischen Leitlinien.
„Ich freue mich sehr, dass der Herzbericht die Herzrhythmusstörungen in
den Fokus gerückt hat und damit dazu beiträgt, das Thema stärker in die
Öffentlichkeit zu tragen“, sagt Prof. Dr. Nicolas Doll. Auch bei der
kommenden Jahrestagung der DGTHG im Februar 2027 in Köln wird das Thema
eine wichtige Rolle spielen. Als Tagungspräsident möchte Doll dort die
Aufmerksamkeit erneut auf Herzrhythmusstörungen und deren Behandlung
lenken. „Auch hier werde ich entsprechende Impulse setzen, um noch mehr
Sichtbarkeit zu schaffen.“
