arznei-telegramm: Unabhängige Arzneimittelinformation darf nicht verloren gehen
Mit dem angekündigten Ende des arznei-telegramms zum Jahresende 2026 droht
eine wichtige Stimme für unabhängige und kritische Arzneimittelinformation
zu verstummen. Das EbM-Netzwerk würdigt die jahrzehntelange Arbeit von
Herausgeber und Redaktion und hofft, dass doch noch Wege für einen
Fortbestand gefunden werden.
Seit 1970 erscheint monatlich die medizinische Fachzeitschrift „arznei-
telegramm“ (a-t). Jetzt kündigte der Chefredakteur und Herausgeber,
Wolfgang Becker-Brüser, das Ende der Zeitschrift mit der Dezemberausgabe
2026 an. Aus Sicht des Netzwerks Evidenzbasierte Medizin ist dies sehr
bedauerlich.
Ein wesentliches Element der Evidenzbasierten Medizin ist das Critical
Appraisal, also die kritische Bewertung wissenschaftlicher Evidenz. Genau
dafür stand das a-t über Jahrzehnte: für eine unabhängige, sorgfältige und
konsequent kritische Einordnung von Arzneimitteln und
pharmakotherapeutischen Entwicklungen. Damit hat das a-t einen wichtigen
Beitrag zu einer evidenzbasierten und industrieunabhängigen
Arzneimittelinformation in Deutschland geleistet. Neben dem sogar noch
etwas früher gegründeten Arzneimittelbrief war das a-t die relevante
Industrie-unabhängige, kritische medizinische Fachzeitschrift mit Fokus
auf die Pharmakotherapie. Seit dem Jahr 2000 wurden die
Arzneimittelbewertungen auch zusätzlich in einer Datenbank bereitgestellt.
Das Archiv des a-t und die Arzneimitteldatenbank sollen auch weiterhin
zugänglich bleiben. Ohne eine kontinuierliche Aktualisierung werden diese
Informationsbestände jedoch unvermeidlich veralten.
Als Hauptgründe für das Ende des a-t gibt Becker-Brüser seinen
altersbedingten Ruhestand und eine bislang nicht gelungene
Nachfolgeregelung an. Für seine jahrzehntelange Arbeit und sein Engagement
für eine unabhängige und kritische Arzneimittelinformation gebühren ihm
große Anerkennung und Respekt. Ebenso gilt unser Dank dem gesamten Team
sowie den Autorinnen und Autoren, die das arznei-telegramm über viele
Jahre geprägt haben.
Gerade weil das a-t eine so besondere Stellung in der deutschsprachigen
medizinischen Publikationslandschaft einnimmt, wäre es aus Sicht des EbM-
Netzwerks sehr zu wünschen, dass die Suche nach Möglichkeiten für einen
Fortbestand noch nicht abgeschlossen ist. Eine Institution wie das a-t mit
ihrer über Jahrzehnte gewachsenen Expertise, ihrer festen Leserschaft und
ihrer hohen Bedeutung für eine unabhängige Arzneimittelinformation lässt
sich nur schwer ersetzen. Das EbM-Netzwerk möchte daher Herausgeber,
Redaktion und alle möglicherweise beteiligten Institutionen ermutigen,
weiterhin zu prüfen, ob sich neue organisatorische, personelle oder
institutionelle Modelle finden lassen, die zumindest wesentliche Elemente
dieses Angebots erhalten könnten.
Denn der Bedarf an unabhängiger, kritischer Bewertung medizinischer
Evidenz ist keineswegs geringer geworden – im Gegenteil. Die Zahl
wissenschaftlicher Publikationen wächst, neue Arzneimittel kommen in immer
kürzeren Abständen auf den Markt und zugleich wird es zunehmend
anspruchsvoll, relevante von weniger belastbarer Information zu
unterscheiden.
Für Menschen mit Erfahrung im Critical Appraisal bot das arznei-telegramm
einen verlässlichen und zeitsparenden Zugang zu bereits sorgfältig
bewerteter Evidenz. Für diejenigen, die diese Fähigkeiten erst erwerben,
war und ist es zugleich ein anschauliches Beispiel dafür, wie Evidenz
kritisch gelesen, eingeordnet und für die Praxis aufbereitet werden kann.
Sollte das arznei-telegramm tatsächlich Ende 2026 eingestellt werden,
würde dies daher eine erhebliche Lücke in der deutschsprachigen Landschaft
der Evidenzbasierten Medizin und der unabhängigen Arzneimittelinformation
hinterlassen. Wir hoffen sehr, dass sich vielleicht doch noch ein Weg
findet, die Arbeit der a-t-Redaktion in geeigneter Form fortzuführen.
