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Seltene Erkrankungen – eine große Herausforderung trotz geringer Häufigkeit

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Seltene Erkrankungen sind große Herausforderungen für die moderne Medizin.
Da jedes einzelne Krankheitsbild nur wenige Menschen betrifft, stehen
Betroffene und ihre Familien häufig vor langen Wegen bis zur richtigen
Diagnose und einer komplexen medizinischen Versorgung. Meist beginnen die
Erkrankungen bereits im Kindes- und Jugendalter. Für Familien bedeutet
dies oft jahrelange Unsicherheit, zahlreiche Arztbesuche und erhebliche
psychische Belastungen. Begrenzte spezialisierte Anlaufstellen und
unzureichend vernetzte Hilfsstrukturen erschweren den Zugang zu passender
Unterstützung.



Von einer seltenen Erkrankung spricht man, wenn sie bei maximal fünf von
10.000 Menschen auftritt. Obwohl jede einzelne Diagnose nur
vergleichsweise wenige Menschen betrifft, ist ihre gesellschaftliche
Bedeutung groß. Inzwischen sind weltweit mehr als 8.000 seltene
Erkrankungen beschrieben, und jedes Jahr kommen durch neue
wissenschaftliche Erkenntnisse weitere hinzu. In Deutschland leben
Schätzungen zufolge rund vier Millionen Menschen mit einer seltenen
Erkrankung, weltweit sind es rund 350 Millionen.

Die meisten seltenen Erkrankungen sind angeboren, manifestieren sich
bereits im Kindes- und Jugendalter und fallen damit überwiegend in den
Bereich der Kinder- und Jugendmedizin. Für Familien beginnt nicht selten
ein langer Weg voller Unsicherheit.

Wenn Symptome nicht zusammenpassen: Der schwierige Weg zur Diagnose

Die Krankheitsbilder vieler seltener Erkrankungen sind komplex, betreffen
mehrere Organsysteme gleichzeitig oder zeigen Beschwerden, die zunächst
unspezifisch wirken.
Ein Beispiel hierfür ist die Duchenne-Muskeldystrophie (DMD), eine seltene
genetisch bedingte Muskelerkrankung, die fast ausschließlich Jungen
betrifft. Sie zählt zu den häufigsten und gleichzeitig schwerwiegendsten
neuromuskulären Erkrankungen bei Kindern. Etwa einer von 3.500 bis 5.000
neugeborenen Jungen ist davon betroffen. In Deutschland leben rund 1.500
bis 2.000 Betroffene mit dieser Erkrankung.

Erste Hinweise zeigen sich häufig in den ersten Lebensjahren. Manche
Kinder entwickeln motorische Fähigkeiten langsamer als Gleichaltrige,
haben Schwierigkeiten beim Treppensteigen oder zeigen Unsicherheiten beim
Laufen. Auch häufiges Stolpern, Stürze oder ein auffälliges Gangbild
können frühe Warnzeichen sein. Da diese Symptome zunächst unspezifisch
erscheinen und auch andere Ursachen haben können, vergeht oft wertvolle
Zeit bis zur richtigen Diagnose.

Im weiteren Verlauf schreitet die Erkrankung fort. Die Muskelkraft nimmt
zunehmend ab, sodass viele Betroffene bereits im späten Kindesalter auf
einen Rollstuhl angewiesen sind. Zusätzlich können Herz und Atemmuskulatur
betroffen sein, wodurch später ernsthafte gesundheitliche Komplikationen
entstehen können. Eine ursächliche Heilung steht bislang nicht zur
Verfügung. Allerdings tragen eine frühzeitige Diagnose sowie eine eng
abgestimmte medizinische Betreuung dazu bei, Beschwerden zu lindern, die
Lebensqualität zu verbessern und die Lebenserwartung zu verlängern.

„Generell muss man betonen, dass nicht jede Auffälligkeit gleich auf eine
seltene Erkrankung hindeutet“, erklärt Prof. Dr. Berthold Koletzko,
Kinder- und Jugendarzt und Vorsitzender der Stiftung Kindergesundheit. „Es
ist entscheidend, an den Vorsorgeuntersuchungen (U-Untersuchungen)
teilzunehmen, um die Entwicklung von Kindern gut im Blick zu behalten. Ein
offenes und verständnisvolles Gespräch zwischen Ärztin bzw. Arzt, Kind und
Eltern ist besonders wichtig. Sorgen und Unsicherheiten sollten dabei Raum
bekommen und ernst genommen werden.“

Im Durchschnitt vergehen zwischen den ersten Beschwerden und einer
eindeutigen Diagnose einer seltenen Erkrankung mehrere Jahre. Dieser
langwierige Diagnoseprozess wird von vielen Familien als belastender
„Ärztemarathon“ erlebt. Je ungewöhnlicher ein Krankheitsbild ist, desto
schwieriger gestaltet sich zudem die Suche nach Fachleuten mit
entsprechender Erfahrung. Für Betroffene bedeutet dies oft lange Wege zu
spezialisierten Zentren und wiederholte Untersuchungen.

„Für viele Familien beginnt mit den ersten Auffälligkeiten eine Zeit
voller Unsicherheit. Sie spüren, dass etwas nicht stimmt, erhalten aber
oft lange keine eindeutige Antwort. Diese Zeit ist für Eltern und Kinder
enorm belastend. Deshalb ist es so wichtig, dass Warnzeichen ernst
genommen werden, Familien früh an spezialisierte Zentren überwiesen werden
und sie von Anfang an wissen, dass sie mit ihren Sorgen nicht allein
sind“, betont Silvia Hornkamp, Mutter eines an der Duchenne-
Muskeldystrophie erkrankten Sohnes und Geschäftsführerin des
Selbsthilfevereins Duchenne Deutschland e.V.

Mehr als eine medizinische Diagnose: Belastungen für die ganze Familie

Die Folgen einer seltenen Erkrankung reichen weit über körperliche
Beschwerden hinaus. Die oft lange Zeit der Ungewissheit, wiederholte
Untersuchungen und offene Fragen zur Zukunft wirken sich nicht nur auf die
betroffenen Kinder und Jugendlichen aus, sondern auf das gesamte familiäre
Umfeld.

Viele junge Patientinnen und Patienten erleben Sorgen, Ängste oder Gefühle
von Unsicherheit. Gleichzeitig verändert die Erkrankung häufig den Alltag
der Familie grundlegend. Arzttermine, Therapien und Pflegeaufgaben
erfordern viel Zeit und Organisation. Besonders Eltern übernehmen oft
einen erheblichen Teil der Versorgung und stehen dauerhaft unter hoher
Belastung.

Studien zeigen, dass Eltern chronisch erkrankter Kinder häufiger psychisch
belastet sind, Einschränkungen im sozialen Leben erleben und ihre
Lebensqualität vermindert sein kann. Geschwister geraten ebenfalls in
schwierige Situationen, wenn Aufmerksamkeit und familiäre Ressourcen über
längere Zeit auf die Erkrankung des Bruders oder der Schwester
konzentriert werden müssen.

Hier kann der Austausch mit anderen betroffenen Familien entlastend
wirken. Der Kontakt zu Menschen in ähnlichen Lebenssituationen kann
Verständnis und das Gefühl vermitteln, mit den eigenen Sorgen nicht allein
zu sein. Selbsthilfegruppen und Patientenorganisationen bieten mehr als
reine Informationsangebote. Sie können betroffene Kinder und Jugendliche,
Geschwister sowie Eltern im Alltag begleiten, Kontakte zu spezialisierten
Hilfsangeboten vermitteln und Unterstützung im Umgang mit medizinischen,
organisatorischen und emotionalen Herausforderungen leisten.
„Eine seltene Erkrankung verändert das Leben der gesamten Familie.

Patientenorganisationen können in dieser Situation Orientierung geben,
Erfahrungen teilen und Familien miteinander vernetzen. Der Austausch mit
Menschen, die ähnliche Herausforderungen bewältigen und bereits bewältigt
haben, gibt vielen Betroffenen Kraft, Zuversicht und das Gefühl,
verstanden zu werden“, schildert Silvia Hornkamp.
Daneben spielt auch die ärztliche Betreuung eine Schlüsselrolle.

„Gerade bei seltenen Erkrankungen fühlen sich Familien häufig allein
gelassen“, sagt Prof. Koletzko. „Kinderärztinnen und Kinderärzte können
hier eine wichtige Lotsenfunktion übernehmen, indem sie auf Netzwerke,
Selbsthilfeangebote und spezialisierte Unterstützungsstrukturen
hinweisen.“

Tipps für Eltern zum Umgang mit seltenen Erkrankungen:

•       Hilfe annehmen: Psychosoziale Unterstützung frühzeitig nutzen, um
Entlastung zu schaffen.
•       Austausch suchen: Selbsthilfegruppen und Patientenorganisationen
können Orientierung und Unterstützung bieten.
•       Fragen stellen: Bei Unsicherheiten offen z.B. bei der
(Kinder-)Ärztin/ dem (Kinder-)Arzt nachfragen und gegebenenfalls eine
Zweitmeinung einholen.
•       Eigene Kräfte schützen: Eigene Bedürfnisse formulieren und ernst
nehmen. Auch auf Wünsche und Bedürfnisse von Geschwisterkindern achten.
•       Navigationsplan: Auf gute Organisation und Dokumentation (z.B.
koordinierte Terminvereinbarungen) achten. Gegebenenfalls Kita bzw. Schule
einbinden, um Teilhabe zu sichern.

Unterstützungsangebote bei seltenen Erkrankungen:

https://www.achse-online.de/
https://selpers.com/seltene-erkrankungen/patientenorganisationen/
https://www.se-atlas.de/
https://www.orpha.net/de

Unterstützungsangebote für Betroffene mit DMD:

https://www.duchenne-deutschland.de/
https://www.muskelschwund.de/
https://www.dgm.org/