Krebsforschung: Forschende des Leibniz-Institut DSMZ identifizieren global 1. Zelllinie mit Fusionsgen KMT2A::SEPTIN6
DSMZ-Forschende erfolgreich: Weltweit existiert jetzt ein Labor-Modell für
eine seltene Leukämieform
Forschende des Leibniz-Institut DSMZ-Deutsche Sammlung von Mikroorganismen
und Zellkulturen GmbH haben erstmals eine Modellzelllinie für eine seltene
Form der akuten myeloischen Leukämie (AML) identifiziert. „Die Zelllinie
KOPM-88 ist bislang die erste und einzige bekannte Zelllinie weltweit, die
das Fusionsgen KMT2A::SEPTIN6 trägt“, erläutert Dr. Stefan Nagel, Leiter
der Arbeitsgruppe Molekulargenetik in der Abteilung Menschliche und
Tierische Zellkulturen der DSMZ. „Damit steht der Krebsforschung jetzt ein
dringend benötigtes Modellsystem zur Verfügung, um diesen aggressiven
Leukämie-Subtyp gezielt zu untersuchen und neue Therapieansätze zu
entwickeln“, so Dr. Nagel weiter.
Fusionsgene als Motor von Tumoren
Fusionsgene entstehen, wenn Chromosomen in Krebszellen fehlerhaft umgebaut
werden und dabei Teile verschiedener Gene miteinander verschmelzen. Solche
genetischen Veränderungen kommen besonders häufig bei Leukämien
(Blutkrebs) vor. Diese spezifischen Veränderungen helfen ärztlichem
Personal dabei, Krebserkrankungen genauer zu klassifizieren und können in
einigen Fällen auch direkt therapeutisch angegriffen werden. Das Gen KMT2A
nimmt dabei eine besondere Rolle ein: Es kann mit mehr als 100
verschiedenen Partnergenen fusionieren, die sich in fünf Gruppen einteilen
lassen. Solche KMT2A-Fusionsgene sind meist mit einem ungünstigen
Krankheitsverlauf verbunden und bislang therapeutisch nur schwer zu
behandeln. Umso wichtiger sind geeignete Modellsysteme, mit denen sich die
biologischen Eigenschaften dieser Krebsformen im Labor nachvollziehen
lassen.
Ein seltenes Fusionsgen aus der pädiatrischen Leukämie
Das Fusionsgen KMT2A::SEPTIN6 wurde in Tumorzellen von Kindern mit akuter
myeloischer Leukämie beschrieben. Die Zelllinie KOPM-88 wurde ursprünglich
aus dem peripheren Blut eines 11-jährigen Jungen mit AML etabliert. Das
Forschungsteam um Dr. Stefan Nagel konnte nun nachweisen, dass genau diese
Zelllinie das seltene Fusionsgen KMT2A::SEPTIN6 trägt. Damit ist KOPM-88
nicht nur die erste bekannte Zelllinie mit diesem Fusionsgen, sie ist
zugleich der einzige verfügbare Zelllinienvertreter aus Gruppe 3 der
KMT2A-Fusionsgene. Für die Forschung ist das ein bedeutender Fortschritt,
weil sich dieser Leukämie-Subtyp nun erstmals systematisch in vitro
untersuchen lässt.
Unerwartete Biologie eröffnet neue Therapieideen
Die in der Fachzeitschrift Cells veröffentlichten Ergebnisse zeigen, dass
sich KMT2A::SEPTIN6 funktionell deutlich von anderen KMT2A-Fusionsgenen
unterscheidet. Während bei anderen KMT2A-Fusionen bestimmte Zielgene
typischerweise aktiviert werden, beobachteten die Forschenden der DSMZ in
Braunschweig hier das Gegenteil: Das klassische Zielgen HOXA7 wurde
gehemmt statt angeschaltet. Gleichzeitig zeigte sich eine Aktivierung des
BMP-Signalwegs, der die Zellteilung fördern kann. Diese Befunde deuten
darauf hin, dass bei dieser seltenen AML-Form andere molekulare
Mechanismen wirken als bislang angenommen. Genau daraus ergeben sich neue
Ansatzpunkte für die Entwicklung gezielter Therapien.
Zelllinie steht der internationalen Forschung zur Verfügung
Damit die Ergebnisse rasch in weitere Forschungsarbeiten einfließen
können, stellt das Leibniz-Institut DSMZ die Zelllinie KOPM-88 Forschenden
weltweit zur Verfügung
(www.dsmz.de/collection/catalo
bioressourcenbasierten Modelle sind eine wichtige Grundlage, um
Krankheitsmechanismen besser zu verstehen und neue Wirkstoffe präklinisch
zu testen.
DSMZ-Pressekontakt
PhDr. Sven-David Müller, Pressesprecher des Leibniz-Instituts DSMZ-
Deutsche Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen GmbH
Tel.: 0531/2616-300
E-Mail: press(at)dsmz.de
Über das Leibniz-Institut DSMZ
Das Leibniz-Institut DSMZ-Deutsche Sammlung von Mikroorganismen und
Zellkulturen GmbH ist die weltweit vielfältigste Sammlung für biologische
Ressourcen (Bakterien, Archaeen, Protisten, Hefen, Pilze, Bakteriophagen,
Pflanzenviren, genomische bakterielle DNA sowie menschliche und tierische
Zellkulturen). An der DSMZ werden Mikroorganismen sowie Zellkulturen
gesammelt, erforscht und archiviert. Als Einrichtung der Leibniz-
Gemeinschaft ist die DSMZ mit ihren umfangreichen wissenschaftlichen
Services und biologischen Ressourcen seit 1969 globaler Partner für
Forschung, Wissenschaft und Industrie. Die DSMZ ist als gemeinnützig
anerkannt, die erste registrierte Sammlung Europas (Verordnung (EU) Nr.
511/2014) und nach Qualitätsstandard ISO 9001:2015 zertifiziert. Als
Patenthinterlegungsstelle bietet sie die bundesweit einzige Möglichkeit,
biologisches Material nach den Anforderungen des Budapester Vertrags zu
hinterlegen. Neben dem wissenschaftlichen Service bildet die Forschung das
zweite Standbein der DSMZ. Das Institut mit Sitz auf dem Science Campus
Braunschweig-Süd beherbergt mehr als 95.000 Bioressourcen und hat rund 210
Beschäftigte. www.dsmz.de
Über die Leibniz-Gemeinschaft
Die Leibniz-Gemeinschaft verbindet 96 eigenständige
Forschungseinrichtungen. Ihre Ausrichtung reicht von den Natur-,
Ingenieur- und Umweltwissenschaften über die Wirtschafts-, Raum- und
Sozialwissenschaften bis zu den Geisteswissenschaften. Leibniz-Institute
widmen sich gesellschaftlich, ökonomisch und ökologisch relevanten Fragen.
Sie betreiben erkenntnis- und anwendungsorientierte Forschung, vernetzen
sich in übergreifenden Leibniz-Forschungsverbünden, sind oder unterhalten
wissenschaftliche Infrastrukturen und bieten forschungsbasierte
Dienstleistungen an. Die Leibniz-Gemeinschaft berät und informiert
Politik, Wissenschaft, Wirtschaft und Öffentlichkeit. Sie setzt
Schwerpunkte im Wissenstransfer, insbesondere mit den Leibniz-
Forschungsmuseen. Ein besonderer Fokus liegt zudem auf technologisch
relevanter Forschung und aktivem Technologietransfer: Leibniz-Institute
bringen innovative Entwicklungen gezielt in die Anwendung und fördern
durch Kooperationen mit Wirtschaft und Industrie die Umsetzung neuer
Technologien in die Gesellschaft. Leibniz-Einrichtungen pflegen enge
Kooperationen mit den Hochschulen – unter anderem in Form der Leibniz-
WissenschaftsCampi, mit der Industrie und anderen Partnern im In- und
Ausland. Sie unterliegen einem transparenten und unabhängigen
Begutachtungsverfahren. Aufgrund ihrer gesamtstaatlichen Bedeutung fördern
Bund und Länder die Institute der Leibniz-Gemeinschaft gemeinsam. Die
Leibniz-Institute beschäftigen rund 21.400 Personen, darunter 12.200
Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Das Finanzvolumen liegt bei gut
2,3 Milliarden Euro. www.leibniz-gemeinschaft.de
Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Dr. Stefan Nagel
Originalpublikation:
Nagel S, Meyer C, Kaufmann M, Fähnrich S, Rand U, Pommerenke C, MacLeod
RAF, Eberth S. Fusion Gene KMT2A::SEPTIN6 in Acute Myeloid Leukemia Cell
Line KOPM-88. Cells. 2026;15(14):1286. doi: 10.3390/cells15141286
