Wenn Diabetes dem Kinderwunsch im Weg steht: Hormonbehandlung muss zur Familienplanung passen
Ein Diabetes mellitus kann die Fruchtbarkeit von Frauen und Männern
gleichermaßen beeinträchtigen. Ist bei betroffenen Männern häufig ein
niedrigerer Testosteron-Spiegel als Folge des Diabetes der Grund,
verursacht die Stoffwechselerkrankung bei Frauen zumeist Zyklusstörungen,
ausbleibenden Eisprung oder eine frühzeitige Menopause. Doch in beiden
Fällen gilt: Eine Hormontherapie mit Testosteron beziehungsweise Östrogen
ist nicht unbedingt die richtige Behandlung. Darauf weist die Deutsche
Diabetes Gesellschaft (DDG) hin.
Die Fachgesellschaft empfiehlt Betroffenen mit Kinderwunsch, Fragen zur
Auswirkung des Diabetes und seiner Therapie frühzeitig mit Spezialistinnen
und Spezialisten zu besprechen.
Geht ein Kinderwunsch für Männer und Frauen mit Diabetes nicht in
Erfüllung, steht für Diabetologinnen und Diabetologen zuerst die Frage
nach der Ursache im Raum. „Da verschiedene Diabetes-Typen die
Fruchtbarkeit und Zeugungsfähigkeit unterschiedlich beeinflussen,
betrachten wir zunächst, welche Diabetesform vorliegt, wie der
Stoffwechsel und Körpergewicht eingestellt sind und ob Begleiterkrankungen
eine Rolle spielen“, sagt Professorin Dr. med. Julia Szendrödi,
Präsidentin der DDG und Ärztliche Direktorin der Klinik für
Endokrinologie, Diabetologie, Stoffwechselkrankheiten und Klinische Chemie
des Universitätsklinikums Heidelberg.
25 bis 40 Prozent der Männer mit Typ-2-Diabetes haben niedrige
Testosteronwerte – dahinter steckt meist eine Insulinresistenz und eine
Adipositas. Häufig resultiert dies in einem sogenannten funktionellen
Testosteronmangel: „Dabei stören Stoffwechselbelastungen durch den
Diabetes die für die Fortpflanzung essenzielle hormonelle Steuerung, ohne
dass die betreffenden Organe – Hoden oder Hirnanhangdrüse – dauerhaft
geschädigt sein müssen“, so Professor Dr. med. Michael Zitzmann, Facharzt
für Innere Medizin, Endokrinologie, Diabetologie und Andrologie am
Universitätsklinikum Münster.
Bei Typ-1-Diabetes tritt dieses Muster zwar deutlich seltener auf, wird
jedoch vor allem von einer Adipositas verstärkt. „Unabhängig vom
Diabetestyp können eine ungünstige Stoffwechsellage sowie Gefäß- und
Nervenschäden die Sexualfunktion und die Zeugungsfähigkeit
beeinträchtigen“, erläutert der Endokrinologe aus Münster. „In der Regel
reicht es nicht, lediglich einen niedrigen Hormonwert durch eine
Testosteron-Therapie auszugleichen. Von außen zugeführtes Testosteron kann
die Spermienbildung sogar weiter bremsen“, rät Zitzmann zu einer genauen
Diagnostik und Therapieplanung in Rücksprache mit andrologisch geschulten
Ärztinnen und Ärzten.
Bei Frauen können beide Diabetesformen mit Zyklusstörungen, ausbleibendem
Eisprung und eingeschränkter Fruchtbarkeit verbunden sein. Bei
Typ-2-Diabetes spielen häufig Insulinresistenz, Adipositas und das
polyendokrine metabolische Ovarialsyndrom (PMOS, früher PCOS) eine Rolle.
„Bei Typ-1-Diabetes stehen vor einer Schwangerschaft vor allem eine
möglichst optimale Glukoseeinstellung sowie die frühzeitige Erkennung und
Behandlung diabetesbedingter Folgeerkrankungen im Mittelpunkt“, erklärt
Szendrödi. Auch hier gibt die Expertin zu bedenken: „Die Optimierung des
Stoffwechsels, Gewichts und der Begleiterkrankungen ist meist der erste
therapeutische Schritt; hormonelle oder reproduktionsmedizinische
Maßnahmen richten sich anschließend nach der jeweiligen Ursache der
Fertilitätsstörung.“
Was Betroffene selbst tun können und warum Medikamente überprüft werden
sollten
Eine gute Glukoseeinstellung, mehr Bewegung und ein Rauchstopp können bei
Frauen und Männern die Chancen für eine Schwangerschaft verbessern.
„Sowohl Männer als auch Frauen mit Diabetes, die zudem an einer Adipositas
leiden, profitieren bei nicht erfülltem Kinderwunsch deutlich von einem
Gewichtsverlust. Dieser kann insbesondere bei Männern mit Adipositas und
funktionellem Testosteronmangel den körpereigenen Testosteronspiegel
verbessern, bei Frau Zyklusstörungen und Ovulationsstörungen günstig
beeinflussen“, so Szendrödi.
Auch bereits laufende medikamentöse Therapien sollten in solch einer
Situation überprüft werden. „Wer Testosteronpräparate oder anabole
Steroide einnimmt, sollte dies im ärztlichen Gespräch offen ansprechen“,
betont Zitzmann „Diese Mittel sind keine Fruchtbarkeitsbehandlung und
können die Spermienproduktion sogar noch unterdrücken. Im äußersten Fall
führen sie dazu, dass gar keine Spermien im Ejakulat enthalten sind.“ Nach
dem Absetzen solcher Präparate kann die Erholung Monate dauern, eine
vollständige Regeneration ist nicht garantiert, warnt der Experte.
Frauen sollten ihren Kinderwunsch früh ansprechen, damit Medikamente
vorsorglich umgestellt und mögliche Folgeerkrankungen rechtzeitig
behandelt werden. So hat sich gezeigt, dass die Behandlung mit GLP-1
Rezeptoragonisten und verwandte Substanzen, die zur Behandlung von
Typ-2-Diabetes und zur Gewichtsreduktion bei Adipositas eingesetzt werden,
die Fruchtbarkeit verbessern können. „GLP-1-Rezeptoragonisten können bei
Frauen mit Adipositas oder Typ-2-Diabetes die Voraussetzungen für eine
Schwangerschaft verbessern. Für eine Anwendung während der Schwangerschaft
liegen bislang keine ausreichenden Sicherheitsdaten vor. Deshalb empfehlen
die Fachinformationen, GLP-1-Rezeptoragonisten oder Tirzepatid vor einer
geplanten Schwangerschaft entsprechend der jeweiligen Fachinformation
rechtzeitig abzusetzen“, warnt Szendrödi und rät, diese Substanzen
mindestens 2 Monate vor einer geplanten Schwangerschaft abzusetzen.
Therapie richtet sich nach der Ursache
Neben der Überprüfung der bisherigen Therapie können Ärztinnen und Ärzte
die Erfüllung des Kinderwunsches mit gezielten therapeutischen Maßnahmen
unterstützen. Bei Frauen zielt die Behandlung darauf, einen Eisprung
auszulösen oder zu unterstützen. Je nach Ursache kommen eine medikamentöse
Ovulationsinduktion, die Behandlung von Insulinresistenz und PMOS oder
reproduktionsmedizinische Verfahren infrage. Parallel sollte die
Diabetestherapie so angepasst werden, dass die Schwangerschaft mit
möglichst stabilen Glukosewerten beginnt.
Bei einem Testosteronmangel beim Mann können – je nach Ursache – bestimmte
Verfahren die körpereigene Testosteron- und Spermienproduktion anregen.
„Diese spezialisierten Therapien gehören in die Hände andrologischer oder
reproduktionsmedizinischer Fachärztinnen und -ärzte“, sagt Zitzmann. „Ein
nicht erfüllter Kinderwunsch bei Menschen mit Diabetes erfordert eine
interdisziplinäre Zusammenarbeit von Diabetologie, Gynäkologie oder
Andrologie und Reproduktionsmedizin“, empfiehlt Szendrödi. „Ein
unerfüllter Kinderwunsch bei Menschen mit Diabetes erfordert eine enge
Zusammenarbeit von Diabetologie, Gynäkologie beziehungsweise Andrologie
und Reproduktionsmedizin“, so die Heidelberger Diabetologin.
Mini-Ratgeber: Gut vorbereitet ins ärztliche Gespräch
1. Kinderwunsch früh nennen: Auch ein erst später geplanter Kinderwunsch
kann die
Wahl einer Hormonbehandlung verändern.
2. Ursache klären: Diabetesform, Glukoseeinstellung, Körpergewicht,
Zyklus, Eisprung,
Hormonwerte und Begleiterkrankungen gehören in die Abklärung.
3. Medikamente prüfen: Diabetes- und Hormonpräparate nicht eigenständig
absetzen
oder umstellen. Vor einer Schwangerschaft sollte die gesamte Medikation
ärztlich
überprüft werden.
4. Fruchtbarkeit untersuchen: Bei Frauen können eine Zyklus- und
Eisprungdiagnostik, bei
Männern Hormonmessungen und ein Spermiogramm sinnvoll sein.
5. Fachübergreifend planen: Diabetologie und Reproduktionsmedizin sollten
die
Behandlung aufeinander abstimmen.
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