Blutdrucktherapie bei Hochbetagten neu denken: „Manchmal ist weniger tatsächlich mehr“
Muss Bluthochdruck auch bei hochbetagten, gebrechlichen Menschen
konsequent behandelt werden – oder kann gerade im hohen Alter eine
Reduktion der Medikamente der bessere Weg sein? Diese Frage beschäftigt
die Geriatrie seit Jahren. Neue Antworten liefert jetzt der renommierte
Geriater und Kardiologe Prof. Dr. Athanase Benetos. „Bluthochdruck ist bei
älteren Menschen etwas anderes als bei jüngeren“, sagt Benetos. Mit
zunehmendem Alter veränderten sich nicht nur die Ursachen eines erhöhten
Blutdrucks, sondern auch Nutzen und Risiken einer Behandlung.
Seine neuesten Forschungsergebnisse und deren Bedeutung für die Versorgung
hochbetagter Menschen präsentiert er auf dem gemeinsamen Jahreskongress
der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) und der Deutschen
Gesellschaft für Gerontologie und Geriatrie (DGGG) vom 23. bis 26.
September 2026 in Frankfurt am Main.
Bisherige Versorgungslücken schließen
Athanase Benetos beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Frage, wie
sich Herz-Kreislauf-Erkrankungen im hohen Alter von denen jüngerer
Menschen unterscheiden. Im Mittelpunkt seiner Forschung stehen
hochbetagte, gebrechliche Menschen – eine Patientengruppe, die in
klinischen Studien lange kaum berücksichtigt wurde. Genau diese
Versorgungslücke schließt die multizentrische französische RETREAT-FRAIL-
Studie, deren Ergebnisse Ende 2025 im renommierten New England Journal of
Medicine veröffentlicht wurden. Athanase Benetos leitete die Studie und
stellt ihre wichtigsten Erkenntnisse nun auf dem gemeinsamen Kongress von
DGG und DGGG vor.
Weniger Medikamente ohne Nachteile
An der Studie beteiligten sich mehr als 1.000 Bewohnerinnen und Bewohner
von Pflegeeinrichtungen. Sie wurden nach dem Zufallsprinzip zwei
Behandlungsstrategien zugeteilt: Während eine Gruppe ihre bisherige
Blutdrucktherapie unverändert fortführte, wurde die Medikation in der
anderen unter engmaschiger ärztlicher Kontrolle schrittweise reduziert.
Das Ergebnis: Über einen Zeitraum von drei Jahren zeigte sich kein
Unterschied bei Sterblichkeit oder schweren Herz-Kreislauf-Komplikationen.
„Unter den richtigen Voraussetzungen kann eine schrittweise Reduktion der
Therapie sicher sein“, fasst Professor Benetos zusammen. Weniger
Medikamente könnten zudem Wechselwirkungen und Belastungen für die
Betroffenen verringern.
Deprescribing braucht klare Regeln
Für Benetos sind die Ergebnisse kein Freibrief zum pauschalen Absetzen
blutdrucksenkender Medikamente. Vielmehr gehe es darum, Nutzen und Risiken
einer Behandlung regelmäßig neu abzuwägen und Therapien konsequent an die
individuelle Situation älterer Menschen anzupassen. Ein hoher Grad an
Gebrechlichkeit ist einer dieser Zustände, da frühere epidemiologische
Studien darauf hindeuten, dass gebrechliche ältere Menschen am
anfälligsten für die Nebenwirkungen einer blutdrucksenkenden Behandlung
sind. Zudem wies die in der RETREAT-FRAIL-Studie untersuchte Population
einen niedrigen systolischen Blutdruck (SBP < 130 mmHg) auf, der bei
hochbetagten Menschen ebenfalls mit einer höheren Sterblichkeit assoziiert
ist. Schließlich wurden in der RETREAT-FRAIL-Studie nur jene Medikamente
reduziert, für die für den jeweiligen Patienten keine andere
kardiovaskuläre Indikation vorlag – und zwar nach einem klar definierten
Protokoll und unter regelmäßiger ärztlicher Überwachung.
„Die gleichen Regeln, die für das Verordnen von Medikamenten gelten,
müssen auch für deren Absetzen gelten“, betont der ehemalige Präsident der
Europäischen Gesellschaft für Geriatrie, der European Geriatric Medicine
Society (EuGMS). Gerade darin sieht der Geriater einen Paradigmenwechsel:
Nicht starre Zielwerte sollten im Mittelpunkt stehen, sondern die
individuelle Lebenssituation, die funktionelle Gesundheit und die
persönlichen Therapieziele älterer Menschen. „Unsere Studie öffnet ein
neues Fenster für die Frage, wie wir hochbetagte und gebrechliche Menschen
besser behandeln können“, sagt Benetos. „Sie zeigt, dass manchmal weniger
tatsächlich mehr sein kann.“
• Keynote: Advantages and challenges of deprescribing: lessons from
recent randomized clinical trials on reducing antihypertensive treatment
in older patients
Prof. Dr. med. Athanase Benetos
https://www.gerontologie-geria
Gemeinsamer Jahreskongress DGGG & DGG
Johann Wolfgang Goethe-Universität, Frankfurt a. M.
Campus Westend, Hörsaal 3
Mittwoch, 23. September 2026, 15.15 Uhr
www.gerontologie-geriatrie-kon
Zur Person
Der Kardiologe und Geriater Prof. Dr. Athanase Benetos ist Professor für
Geriatrie und Biologie des Alterns am Universitätsklinikum Nancy-Lorraine.
2023 wurde er in die französische Académie Nationale de Médecine gewählt.
Als ehemaliger Präsident der Europäischen Gesellschaft für Geriatrie, der
European Geriatric Medicine Society (EuGMS), zählt er zu den prägenden
Persönlichkeiten der europäischen Altersmedizin. Seine Forschung
konzentriert sich auf die Gefäßalterung, Gebrechlichkeit und die
Behandlung von Bluthochdruck im hohen Lebensalter. Mit mehr als 430
wissenschaftlichen Publikationen hat er die internationale Forschung auf
diesem Gebiet maßgeblich mitgeprägt.
