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Oberschenkelbruch im Alter: Neue Leitlinie verbindet OP und Begleiterkrankungen

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Die Behandlung von älteren Menschen mit einem hüftgelenknahen
Oberschenkelbruch wird weiter verbessert. Grundlage dafür ist die neue
S3-Leitlinie „Pertrochantäre Oberschenkelfrakturen“. Sie soll zu einem
besseren Ergebnis führen, indem sie Begleiterkrankungen der Betroffenen in
das Behandlungskonzept einbezieht und nicht nur die rein chirurgische
Versorgung des Knochenbruchs durch eine OP betrachtet.

„Da Altersfrakturen zunehmen, erkennen wir heute deutlicher die Bedeutung
der Mitbehandlung von Begleiterkrankungen. Dieses Wissen wurde in die neue
Leitlinie aufgenommen“, sagt Prof. Dr. Frank Hildebrand, Präsident der
Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) und
Präsident der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU). Die unter
Federführung der DGOU entstandene Leitlinie ist jetzt im Leitlinien-
Register erschienen. Ein Beitrag in der Zeitschrift „Orthopädie und
Unfallchirurgie – Mitteilungen und Nachrichten“ (OUMN) und ein
Expertenvideo informieren zudem über die wichtigsten Neuerungen.

Pertrochantäre Oberschenkelfrakturen, also Brüche knapp unterhalb des
Hüftgelenks, gehören in Deutschland zu den häufigsten Knochenbrüchen, über
70.000 werden jährlich in Deutschland behandelt. Sie machen etwa die
Hälfte aller hüftgelenknahen Frakturen aus. Die meisten Betroffenen sind
über 70 Jahre alt. Bei ihnen reicht häufig schon ein einfacher Sturz aus
dem Stand. Ihre Knochen halten einem Aufprall nicht mehr Stand – oftmals
begünstigt durch Knochenbrüchigkeit, die sogenannte Osteoporose. Solche
Altersbrüche führen oft dazu, dass hochbetagte Menschen ihre Beweglichkeit
und Lebensqualität verlieren. Die 1-Jahres-Sterblichkeit nach
Hüftfrakturen liegt bei 11 bis 29 Prozent, wobei in der Regel nicht die
Fraktur selbst der Grund ist, vielmehr sind es Folgekomplikationen wie
eine Lungenentzündung oder ein Harnwegsinfekt infolge der Immobilität. Ein
zentrales Problem ist auch der rasche Abbau an Muskelmasse älterer
Menschen durch die Immobilisation. Bereits wenige Tage Bettruhe führen zu
irreversiblem Verlust an Muskelkraft, der die Mobilität weiter einschränkt
und das Risiko für erneute Stürze erhöht.

Um die Behandlung von Patienten mit Hüftfrakturen wie der pertrochantären
Oberschenkelfraktur zu verbessern, hat der Gemeinsame Bundesausschuss
(G-BA) im Januar 2021 eine verbindliche Richtlinie eingeführt. Diese legt
fest, dass nur maximal 24 Stunden zwischen Sturz und Operation vergehen
sollen. Denn Verzögerungen erhöhen das Risiko für Komplikationen und
Todesfälle. Außerdem soll das Behandlungsteam aus verschiedenen
Fachrichtungen zusammenarbeiten, damit Komplikationen reduziert und die
hohe Sterblichkeit gesenkt werden. „Insbesondere hinsichtlich des
optimalen Zeitpunkts für die Operation herrschten in der Praxis häufig
Unsicherheiten“, erklärt Prof. Dr. Carl Neuerburg, Leiter der DGU-Sektion
Alterstraumatologie. „Viele Patientinnen und Patienten nehmen aufgrund von
Begleiterkrankungen, wie beispielsweise am Herzen, blutverdünnende
Medikamente ein, die vor einer Operation zunächst reduziert oder pausiert
werden müssen – das kostet Zeit. Anderenfalls besteht das Risiko
lebensbedrohlicher Blutungen unter der Operation.“ Ein neuer
Behandlungsalgorithmus zum Thema Blutverdünner bietet nun klare
Orientierung: Er gibt einen Überblick über alle derartigen Medikamente und
schätzt das Blutungsrisiko ein. Ebenso hilft ein neuer Algorithmus zur
Implantatauswahl, das geeignete Medizinprodukt je nach Instabilität der
Fraktursituation zu bestimmen.

Das Leitlinienprojekt entwickelte insgesamt 66 Empfehlungen für die
Behandlung pertrochantärer Oberschenkelfrakturen und fasste sie zu einem
strukturierten klinischen Behandlungspfad zusammen. Mit Förderung durch
den Innovationsausschuss des Gemeinsamen Bundesausschusses wurde die
bisherige S2e-Leitlinie auf S3-Niveau angehoben, der höchsten
Qualitätsstufe.