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Klinische Studie: ADHS-Symptome bei Erwachsenen lassen sich mit digitaler Anwendung verringern

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Erwachsene mit ADHS sind oft unkonzentriert und haben Probleme, ihrem
Alltag eine Struktur zu geben. Viele Betroffene benötigen eine Therapie,
die Plätze dafür sind jedoch rar. Eine digitale Anwendung kann hier sofort
unterstützen und zeigt ähnliche Erfolge wie eine Verhaltenstherapie. Dies
hat eine wissenschaftliche Studie mit 337 Erwachsenen gezeigt, die im
renommierten Fachjournal Psychological Medicine veröffentlicht wurde.
Erstautor ist Roberto D'Amelio von der Universität des Saarlandes.

Schätzungen zufolge leiden in Deutschland etwa zwei Millionen Erwachsene
an einer Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung, kurz ADHS
genannt. Die Anzahl der Erstdiagnosen bei Erwachsenen hat sich seit 2015
verdreifacht. Dennoch bleibt die Störung im Erwachsenenalter häufig
unerkannt oder wird nur unzureichend behandelt. Hier setzt die digitale
Anwendung Attexis an, deren therapeutischer Einsatz seit vergangenem
August von den gesetzlichen Krankenkassen nach Vorlage eines Rezepts
finanziert wird. „Die App ist wie ein verhaltenstherapeutisches Gespräch
aufgebaut und hilft den Betroffenen, die für sie schwierigen Situationen
zu meistern“, sagt Psychotherapeut Roberto D’Amelio, der die Dialoge für
die digitale Anwendung entwickelt hat. Die virtuellen Gespräche werden
durch Funktionen ergänzt, mit denen sich die Nutzer selbst überwachen und
an das Gelernte erinnern können, wenn unerwünschte Verhaltensweisen wieder
auftreten.

In den Dialogen werden den Nutzern der App praktische Strategien für den
Alltag vermittelt, um zum Beispiel an einer Sache dranzubleiben und
gedanklich nicht abzuschweifen. „Auch geben wir Tipps, wie sich impulsives
Handeln bändigen lässt, denn ein Kernproblem bei ADHS ist, dass die
Personen häufig vorschnell und wenig reflektiert handeln. Wenn sie lernen,
Entscheidungen bewusster zu treffen und impulsives Verhalten zu
regulieren, lassen sich viele Alltagssituationen besser bewältigen“,
erklärt D’Amelio. Häufig litten Erwachsende mit ADHS-Diagnose zudem an
mangelndem Selbstwertgefühl, da sie in der Kindheit und Jugend durch ihre
Andersartigkeit oft „aneckten“ und gehänselt wurden. „Hierfür haben wir in
der App achtsamkeitsbasierte Techniken eingebaut, die den Betroffenen
helfen, sich selbst zu beobachten und dabei zu lernen, wie sie in
bestimmten Situationen selbstbewusster auftreten können“, erklärt
Diplompsychologe D’Amelio. Er verweist darauf, dass von ADHS betroffene
Erwachsen häufig kreativ und begeisterungsfähig seien und die Fähigkeit
hätten, andere zu motivieren.

„An unserer wissenschaftlichen Studie nahmen 337 Erwachsene im Alter von
18 Jahren und älter mit einer bestätigten ADHS-Diagnose teil. Diese haben
neben ihrer üblichen Anwendung in Form einer Medikation oder
Psychotherapie drei Monate lang die Attexis-App genutzt“, erläutert
Roberto D’Amelio. Im Vergleich zu einer Kontrollgruppe ohne diese digitale
Anwendung ließ sich beobachten, dass sich die Schwere der ADHS-Symptome
statistisch signifikant und klinisch relevant verbesserten. Auch gab es im
beruflichen Umfeld und im sozialen Miteinander weniger Probleme und das
Selbstwertgefühl und die Lebensqualität der Betroffenen konnte gesteigert
werden. Zudem nahmen depressive Symptome messbar ab. „Besonders
bemerkenswert ist dabei, dass die digitale Therapie ähnlich hohe Effekte
aufwies wie die persönliche Psychotherapie bei ADHS. Sie wurde zudem von
den Studienteilnehmern gut angenommen“, fasst D’Amelio die
Forschungsergebnisse zusammen.

Die digitale Anwendung soll klassische Therapien nicht ersetzen, sondern
sie begleiten oder die Wartezeit auf einen Therapieplatz überbrücken
helfen. „Wir wollen damit eine Versorgungslücke schließen, da leider viele
Erwachsene mit ADHS-Diagnose lange auf eine Therapie warten müssen und
häufig nicht leitliniengerecht behandelt werden. Die digitale Anwendung
eignet sich auch im Nachgang zu einer Psychotherapie, um dort eingeübte
Verhaltensänderungen im Alltag und Berufsleben zu stabilisieren“, sagt
Professor Wolfgang Retz, Leiter der ADHS-Forschungsambulanz am
Universitätsklinikum des Saarlandes, der die Studie mit betreut hat. Er
verweist darauf, dass digitale Interventionen bei ADHS bisher nur in
kleineren Studien untersucht wurden. „Die nun vorliegende Publikation ist
eine der größten randomisierten Studien zu diesem Thema und zeigt, dass
digitale Interventionen auf Basis der kognitiven Verhaltenstherapie eine
wirksame Ergänzung zur Behandlung von Erwachsenen mit ADHS sein können“,
unterstreicht Retz.

Für die randomisierte kontrollierte Studie hat der psychologische
Psychotherapeut Roberto D‘Amelio, der in diesem Kontext derzeit an der
Universität des Saarlandes promoviert, mit der ADHS-Forschungsambulanz am
Universitätsklinikum des Saarlandes zusammengearbeitet. Professorin Petra
Retz-Junginger war dort für die wissenschaftliche Planung und methodische
Umsetzung der Studie verantwortlich, damit auch für das Studiendesign, die
Evaluation sowie die statistische Auswertung. Professor Wolfgang Retz
begleitete als Leiter der ADHS-Forschungsambulanz die Studie in beratender
Funktion und unterstützte das Projekt als klinischer Supervisor. Zudem
waren zahlreiche Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der
Universitätskliniken in Mainz und Bonn, der Universitäten in Lübeck und
Kiel sowie der Firma Gaia in Hamburg beteiligt. Letztere hat die digitale
Anwendung Attexis didaktisch und technisch umgesetzt und vermarktet sie in
Zusammenarbeit mit den gesetzlichen Krankenkassen.