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Promotion zu subjektiven Gesundheitstheorien pädagogischer Kräfte

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Dr. Maria Barthel, Wissenschaftliche Mitarbeiterin für Netzwerk- und
Forschungskoordination im Studiengang
Therapiewissenschaften/Studienrichtung Logopädie an der Fakultät
Ingenieurwissenschaften und Gesundheit der HAWK Hochschule für angewandte
Wissenschaft und Kunst Hildesheim/Holzminden/Göttingen am Standort
Göttingen, hat eine Studie bei Fachkräften in Kindertagesstätten zur deren
Verständnis von Gesundheit durchgeführt. In einem Interview beschreibt sie
die Hintergründe zu ihrer Arbeit und wie sie mit ihrer Forschungsarbeit
weiter vorgehen möchte.



Ihre als Monographie veröffentlichte Arbeit trägt den Titel: „Subjektive
Gesundheitstheorien pädagogischer Kräfte: Eine qualitativ-rekonstruktive
Studie im Kontext von Biografie und Erwerbsarbeit in
Kindertageseinrichtungen“.
Was bedeutet Gesundheit für pädagogische Kräfte? Die qualitative
Interviewstudie von Maria Barthel untersucht die subjektiven
Gesundheitstheorien pädagogischer Kräfte, die mit Kindern unter 3 Jahren
in Kindertageseinrichtungen arbeiten. Die Autorin rekonstruiert die
biografischen, arbeitsplatzspezifischen und lebensweltlichen Bedingungen,
die das subjektive Gesundheitshandeln und -verständnis in der „Care-
Arbeit“ prägen. Ihre Ergebnisse eröffnen den Blick auf das Verhältnis von
gesundheitsbezogenen, individuellen und kollektiven Fürsorge- und
Selbstsorgestrategien in der Arbeits- und Lebenswelt. Damit bietet das
Buch eine theoretische Basis, mit biografischer und salutogenetischer
Perspektive die Gesundheit pädagogischer Kräfte zu betrachten und für
Konzepte der Gesundheitsförderung und Prävention nutzbar zu machen.

Wie sind Sie auf das Thema gekommen?

Ich habe als Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsprojekt
„Arbeits- und Gesundheitsschutz pädagogischer Fachkräfte in
niedersächsischen Kindertageseinrichtungen (Kinder 0-3 Jahre) ‒
Entwicklung, Implementierung und Evaluation eines präventiven Konzeptes“
(AGnEEs) (2016‒2019) gearbeitet. Das Ziel des Projekts bestand darin,
arbeitsbedingte und personenbezogene, gesundheitshemmende und -förderliche
Einflussfaktoren von pädagogischen Kräften in niedersächsischen
Kindertageseinrichtungen für Kinder unter 3 Jahren unterschiedlicher
Trägerschaften zu erfassen, zu analysieren und zu beschreiben. Hierfür
kamen sowohl qualitative als auch quantitative Forschungsmethoden der
Datenerhebung und -auswertung zum Einsatz. Dabei habe ich zu verschiedenen
Zeitpunkten in unterschiedlichen Ausprägungen die pädagogischen Kräfte,
Einrichtungsleitungen und Vertretungen der Trägerschaft partizipativ
einbezogen. Ein darauf entwickeltes Präventionskonzept habe ich auf die
jeweiligen pädagogischen Konzepte abgestimmt, implementiert und evaluiert.
Das Forschungsprojekt siedelte sich an der HAWK Hochschule für angewandte
Wissenschaft und Kunst Hildesheim/Holminden/Göttingen an.

Das Projekt „AGnEEs“ zeigte deutlich, dass die biografische Perspektive
auf Gesundheit – also prägende Lebensereignisse sowie biografische
Erfahrungen und Wandlungsprozesse, die das subjektive
Gesundheitsverständnis und Gesundheitshandeln beeinflussen – im
Forschungsvorgehen keine notwendige Beachtung fand, um die Annahme und das
Ablehnen gesundheitsförderlicher Maßnahmen durch die pädagogischen Kräfte
als Einzelperson und im Team verstehen zu können. Dies weckte dann bei mir
das Forschungsinteresse, die biografische Konstruktion von Gesundheit
sowie die Bedeutung von Gesundheitsbiografien und die darin verankerte
subjektive und soziale Konstruktion von Gesundheit zu untersuchen.

Wie kamen Sie auf Ihr Forschungsthema und warum hat es Relevanz?

Besonders im Kontext der Erwerbsarbeit kommt der Gesundheit pädagogischer
Kräfte in Kindertageseinrichtungen eine zentrale Bedeutung zu, um die
frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung (FBBE) für Kinder im Alter
von bis zu 6 Jahren zu gewährleisten. Das Erleben von Arbeitsbedingungen
als Ressourcen oder Stressoren und deren gesundheitsbezogenen Auswirkungen
ist für pädagogische Kräfte, die mit Kindern zwischen 3 bis 6 Jahren in
Kindertageseinrichtungen arbeiten, empirisch gut belegt.
Arbeitsbedingungen wie beispielsweise Personal, Lautstärke und
Konzentration sowie deren Bezug zu physischen und psychischen Erkrankungen
und zu krankheitsbedingten Arbeitsunfähigkeiten und Fehltagen, zur
eingeschränkten Leistungs- und Arbeitsfähigkeit und zur
Arbeitsunzufriedenheit spielen hier eine wichtige Rolle. Zudem beeinflusst
der seit 2013 geltende Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz für Kinder
vom vollendeten 1. bis zum vollendeten 3. Lebensjahr, die Care-Arbeit mit
Kindern unter 3 Jahren. Dies hat zu einem stark gestiegenen Ausbau von
Betreuungsplätzen, sowie zur erhöhten gesellschaftlichen Bedeutung und zu
Qualitätsanforderungen an die frühkindliche Bildung, Betreuung und
Erziehung (FBBE) geführt.

Der bisherigen Studienlage mangelt es an einer salutogenetischen
Perspektive auf die Gesundheit pädagogischer Kräfte und deren
Arbeitsbedingungen in Kindertageseinrichtungen für Kinder unter 3 Jahren,
um Handlungsstrategien und Ressourcen zur subjektiven Gesunderhaltung zu
erheben. Zudem fehlte der Bezug zur biografischen Entwicklung des
subjektiven Gesundheitshandelns und -verständnisses. Soziale
Repräsentationen von Gesundheit, biografische und lebensweltliche
Erfahrungen und deren Deutungen sowie soziokulturelle Normen prägen das
subjektive Gesundheitsverständnis und -handeln. Erkenntnisse über diese
subjektiven und sozialen Konstruktionen von Gesundheit lassen sich durch
die Rekonstruktion subjektiver Gesundheitstheorien gewinnen.

Durch die Analyse sozialer Prozess im Zeitverlauf als
Gesundheitsbiografien lassen sich Erfahrungen und deren retrospektiven
Deutungen untersuchen. Diese sind für das subjektive
Gesundheitsverständnis und die daraus entstehenden Orientierungen für
subjektives Gesundheitshandeln von Bedeutung.

Was kam bei der Forschung heraus und wo soll die Forschung hinführen?

Die Arbeit hebt hervor, dass die Wechselwirkungen zwischen
gesundheitsbezogenen, selbstsorgenden Handlungsstrategien und
professioneller Fürsorge in der beruflichen und biografischen
Sozialisation pädagogischer Kräfte mehr Beachtung finden sollten.
Zukünftige Studien könnten untersuchen, wie unter anderem Merkmale von
Care-Arbeit, etwa die Abhängigkeit oder die Asymmetrie, in sozialen
Interaktionen ausgeprägt sind und wie sie das Verständnis von Fürsorge,
also Wechselwirkungen in der Care-Arbeit beeinflussen und wie verschiedene
Vorstellungen von Fürsorge das subjektive Gesundheitsverständnis und
-handeln, also den Einfluss von Fürsorge auf Gesundheit beeinflussen.
Zudem ist die Verknüpfung von Gesundheitsbiografie und Bildungsauftrag ein
zu beachtendes Phänomen. Erkenntnisse zur sozialen Gesundheit durch Care-
Arbeit lassen sich unter Umständen mit dem gesetzlichen Bildungs-,
Erziehungs- und Betreuungsauftrag verknüpfen, um das Verhältnis von
Selbstsorge und Fürsorge besser zu verstehen und in Ausbildungs- sowie
Weiterbildungsinhalte zu integrieren. Auch die Zusammenhänge zwischen
biografischen Erfahrungen, Arbeitsansprüchen, gesellschaftlicher Relevanz
und der Selbstsorge sowie Fürsorge ließen sich weiter differenzieren. Dies
würde die Bedeutung der Gesundheit pädagogischer Kräfte als Voraussetzung
ihrer Arbeitsfähigkeit unterstreichen.

Die Forschungsergebnisse leisten nicht nur einen Beitrag zur theoretischen
Weiterentwicklung, sondern haben auch praktische Implikationen: für die
Ausbildung und Arbeitsbedingungen pädagogischer Kräfte sowie für die
betriebliche Gesundheitsförderung und Prävention in
Kindertageseinrichtungen. Damit tragen sie zu einem besseren Verständnis
der subjektiven und sozialen Konstruktion von Gesundheit bei.

Zum Inhalt des Buches:

Das Buch widmet sich der empirischen Datenlage zu Gesundheit und Krankheit
am Arbeitsplatz pädagogischer Kräfte in Kindertageseinrichtungen sowie der
Bedeutung von Gesundheit für die Erwerbsfähigkeit. Es leistet einen Betrag
zur salutogenetischen Perspektive auf die Gesundheit pädagogischer Kräfte
als Erwerbstätige in der FBBE für Kinder unter 3 Jahren. Die
Subjektperspektive der pädagogischen Kräfte ist eminent, um zum einen
subjektives Gesundheitshandeln in der Arbeits- und Lebenswelt und zum
anderen alltägliche, auf biografischen und aktuellen Erfahrungen beruhende
Wissensbestände zu erfassen. Mit der salutogenetischen Betrachtung erfolgt
die Fokussierung auf die Verarbeitung von Stressoren und demnach auf das
Bewältigungshandeln des Subjekts und weniger auf die Art und Weise des
Stressors.

Das Erkenntnisinteresse bezieht sich auf die biografische, lebensweltliche
und arbeitsplatzspezifische Perspektive, das subjektive Gesundheitshandeln
und das damit assoziierte subjektive Gesundheitsverständnis von
pädagogischen Kräften als Erwerbstätige in Kindertageseinrichtungen für
Kinder unter 3 Jahren. Das Ziel der Untersuchung ist die Herausarbeitung
einer gegenstandsbezogenen, konzeptionellen Theorie. Kategorien
gesundheitsbezogener Handlungsstrategien sollen aus salutogenetischer
Sicht die Aufrechterhaltung beziehungsweise Herstellung des subjektiven
Gesundheitszustands unter den Lebens- und Arbeitsbedingungen und deren
Konsequenzen erklären. Das soll die bisherige empirische Datenlage zu
gesundheitsbezogenen Arbeitsbedingungen, deren subjektiven Bewertung als
Arbeitsbelastungen und -beanspruchungen und deren Auswirkungen auf die
Arbeitsfähigkeit um eine salutogenetische, biografische
Gesundheitsperspektive erweitern.

Zur Person:

Seit Januar 2020 arbeitet Dr. Maria Barthel als Wissenschaftliche
Mitarbeiterin im Studiengang Therapiewissenschaften in der Studienrichtung
Logopädie am Gesundheitscampus Göttingen, eine Kooperation der HAWK-
Fakultät Ingenieurwissenschaften und Gesundheit und der
Universitätsmedizin Göttingen. Von 2004 bis 2016 war sie Logopädin in der
ambulanten und stationären Gesundheitsversorgung und arbeitete von 2014
bis 2019 als Wissenschaftliche Mitarbeiterin und Lehrbeauftragte an der
Fakultät Soziale Arbeit und Gesundheit der HAWK.

Ihre akademische Ausbildung begann mit dem Bachelorstudium im
„Integrierten Studiengang Logopädie/Physiotherapie“ an der Hochschule
Emden/Leer in den Jahren 2009 bis 2011. Anschließend absolvierte sie den
Masterstudiengang „Ergotherapie, Logopädie, Physiotherapie“ an der HAWK
von 2011 bis 2014. Es folgte der Promotionsstudiengang „Qualitative
Sozial- und Bildungsforschung“ am Zentrum für Sozialweltforschung und
Methodenentwicklung an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg in den
Jahren 2015 bis 2019. Die Promotion von 2020 bis 2025 zum Thema „Care-
Arbeit und Gesundheit. Eine qualitative Studie zur Rekonstruktion
subjektiver Gesundheitstheorien pädagogischer Kräfte in
Kindertageseinrichtungen (Kinder unter 3 Jahre)“ absolvierte sie bei Prof.
Dr. Heike Ohlbrecht im Fachbereich Soziologie, Fakultät für
Humanwissenschaften an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg.

Wissenschaftliche Ansprechpartner:
Dr. Maria Barthel; https://www.hawk.de/de/hochschule/organisation-und-
personen/personenverzeichnis/maria-barthel-msc-slt-logopaedin


Originalpublikation:
„Subjektive Gesundheitstheorien pädagogischer Kräfte: Eine qualitativ-
rekonstruktive Studie im Kontext von Biografie und Erwerbsarbeit in
Kindertageseinrichtungen“