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CHIP-Mutationen: Neuer Risikofaktor für Herzpatienten enttarnt

Darstelleung des Prozesses der klonalen Hämatopoese mit unbestimmtem Potenzial (CHIP). Ältere Menschen sind naturgemäß häufiger betroffen.  Copyright: Deutsche Herzstiftung
Darstelleung des Prozesses der klonalen Hämatopoese mit unbestimmtem Potenzial (CHIP). Ältere Menschen sind naturgemäß häufiger betroffen. Copyright: Deutsche Herzstiftung
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Bei manchen Menschen kommt es beim Älterwerden in Blutzellen zu
Mutationen. Diese Blutzellen bilden zu viele Entzündungsstoffe, was die
Gefahr von Gefäßverkalkungen, Blutgerinnseln und schweren Herz-Kreislauf-
Erkrankungen erhöht. Diese Zusammenhänge untersucht eine von der
Herzstiftung geförderte Studie



Mit dem Alter steigt die Wahrscheinlichkeit, dass sich blutbildende
Stammzellen verändern und ungewollte Zellklone produzieren. Man spricht
dann von „klonaler Hämatopoese mit unbestimmtem Potenzial“, auf Englisch:
„clonal hematopoiesis of indeterminate potential“ – abgekürzt CHIP. Einige
dieser mutierten Blutzellen stehen im Verdacht, Entzündungsprozesse zu
befeuern. Sie können Herz-Kreislauf-Erkrankungen neu auslösen und bereits
bestehende kardiovaskuläre Probleme verschärfen. Wissenschaftler des
Uniklinikums Freiburg und der Charité – Universitätsmedizin Berlin wollen
den genauen Mechanismus bei diesen sogenannten CHIP-Mutationen
entschlüsseln, die besonders häufig bei Patienten mit Vorhofflimmern
vorkommen. Die Deutsche Herzstiftung treibt diese in Fachkreisen viel
beachtete Grundlagenforschung jetzt mit Fördergeldern in Höhe von rund
70.000 Euro voran.*
Veränderungen in der Erbsubstanz (DNA) können nicht nur von den Eltern
vererbt werden, sondern auch im Laufe des Lebens neu entstehen. Oft sind
davon Blutzellen betroffen. Jetzt ist erforscht worden, dass nicht nur
durch die vererbten Gene das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen
gesteigert werden kann, zum Beispiel wenn Verwandte ersten Grades (Eltern
und Geschwister) betroffen sind, sondern auch durch neu entstandene
Mutationen – ähnlich wie bei vielen Krebserkrankungen.
„Zwei Millionen Menschen in Deutschland leiden unter Vorhofflimmern – und
sind damit dem Risiko schwerer Folgeerkrankungen ausgesetzt. So wird das
Auftreten von Schlaganfall oder Herzschwäche durch das Vorhofflimmern
begünstigt. Mit den CHIP-Mutationen wird ein zusätzlicher Risikofaktor für
Patienten mit Vorhofflimmern und viele andere chronisch herzkranke
Menschen vermutet“, erklärt Prof. Dr. Heribert Schunkert,
stellvertretender Vorstandsvorsitzender Deutschen Herzstiftung. „Weitere
Erkenntnisse zu CHIP-Mutationen und ihren Einfluss auf das Herz-Kreislauf-
System sind deshalb enorm wichtig. Folgerichtig ist deshalb die
finanzielle Unterstützung dieses wegweisenden Projekts, das einen
wichtigen Beitrag zur personalisierten Medizin leistet“, so der Direktor
der Klinik für Herz- und Kreislauferkrankungen am TUM Klinikum Deutsches
Herzzentrum. Informationen zur Forschungsförderung unter:
https://herzstiftung.de/herzforschung

Jeder dritte Herzpatient zusätzlich von CHIP betroffen
Jetzt verdichten sich die Anzeichen, dass die Bedrohung für manche
Vorhofflimmer-Patienten noch massiver ist als bisher angenommen. „Mit
zunehmendem Alter treten im Körper CHIP-Mutationen auf; dabei entstehen
mutierte Blutzellen, die, so unsere Annahme, das Auftreten
kardiovaskulärer Erkrankungen zusätzlich begünstigen. Man könnte sagen,
sie wirken wie eine Art Brandbeschleuniger“, so Dr. sc. hum. Tsai-sang
Dederichs vom Universitäts-Herzzentrum Freiburg-Bad Krozingen. „Auffällig
ist, dass etwa jeder dritte Herzpatient zusätzlich von CHIP betroffen ist.
Wir sehen einen Zusammenhang zwischen Alter, Vorhofflimmern und CHIP, den
wir in unserer Studie untersuchen möchten. Langfristiges Ziel ist es, von
CHIP betroffene Herzpatienten effizienter behandeln zu können“, so Dr.
Dederichs weiter.

Doppelt gefährdet: CHIP-Mutationsträger haben häufig Vorhofflimmern
Betroffen sind vor allem ältere Menschen. „Wir gehen davon aus, dass in
der Generation 70 Plus etwa jeder Zehnte diese Mutationen in sich trägt“,
erläutern Professor Dr. Ingo Hilgendorf, Leiter der Klinik für Kardiologie
am Campus Virchow-Klinikum des Deutschen Herzzentrums der Charité Berlin
und Dr. Dederichs. Die Forscher wollen besser verstehen, welche konkrete
Rolle die CHIP-Mutationen beim weiteren Krankheitsverlauf spielen
beziehungsweise ob und wie die Mutationen ihn verschärfen. Dazu
untersuchen sie nun Patienten mit Vorhofflimmern. CHIP-Träger haben diese
Herzrhythmusstörung besonders häufig. „Der Anteil ist um zwölf Prozent
höher als in der Allgemeinbevölkerung – für bestimmte CHIP-Mutationen
sogar um 45 Prozent. Umgekehrt gilt: Beinahe jeder vierte Patient mit
Vorhofflimmern hat eine CHIP-Mutation“, berichten Hilgendorf und
Dederichs.
Vorhofflimmern wiederum ist ein gefürchteter Schlaganfall-Risikofaktor.
Bei dieser Herzrhythmusstörung ist der normale rhythmische Ablauf, bei dem
die Vorhöfe die Arbeit der Herzkammern unterstützen, durch unkoordinierte
elektrische Impulse gestört. Die Vorhöfe „flimmern“ nur noch. Dadurch
fließt das Blut so langsam durch den Vorhof, dass es verklumpen kann – ein
Blutgerinnsel entsteht. Diese Gerinnsel bilden sich besonders oft im
linken Vorhofohr, einer zipfelmützenartigen Aussackung des Vorhofs. Sie
können sich lösen, mit dem Blutfluss ins Gehirn gelangen und dort ein
Gefäß verschließen. Das Schlaganfallrisiko ist bei CHIP-Trägern um 14
Prozent erhöht.
Studien und Laboruntersuchungen zeigen, dass auch andere Herz-Kreislauf-
Erkrankungen im Zusammenhang mit CHIP-Mutationen stehen. So ist das Risiko
für eine Koronare Herzkrankheit (KHK) fast um das Zweifache erhöht und
jenes für einen Herzinfarkt in jungen Jahren sogar um das Vierfache. Auf
dem Weg zur Entschlüsselung der Mechanismen sind die Forscher bereits
vorangekommen: „Wir wissen beispielsweise, dass 70 Prozent aller CHIP-
Mutationen in drei Genen vorkommen. Deren Baupläne schauen wir uns genauer
an, das gelingt mithilfe einer Genanalyse, die wir als spezifische
Sequenzierung bezeichnen“, erläutert Hilgendorf. Dabei können die Forscher
auch auf die Rückendeckung der Deutschen Herzstiftung bauen, die pro Jahr
über 6 Millionen Euro für die Förderung innovativer Forschungsprojekte
bereitstellt. Eine von der Herzstiftung mitgeförderte und jüngst im
renommierten European Heart Journal publizierte Arbeit (1) liefert
überzeugende Belege dafür, dass CHIP ein bedeutender erworbener
genetischer Faktor ist, der den Schweregrad der KHK sowie die Mortalität
bei KHK-Patienten mit CHIP beeinflusst.

Weiterer Schlüssel zur personalisierten Medizin
Bei dem CHIP-Forschungsprojekt arbeiten die Freiburger Wissenschaftler eng
mit Schweizer Herzspezialisten zusammen. „Wir haben die Daten von 2400
Patienten mit Vorhofflimmern zur Verfügung. Von jedem liegt eine Blutprobe
vor. „Wir werden untersuchen, ob CHIP-Mutationen bei diesen Patienten
vorhanden sind und ob bei den CHIP-Trägern tatsächlich häufiger
beispielsweise Schlaganfälle, Herzinfarkte oder sogar Todesfälle
auftreten“, berichtet Dr. Carolin Ehlert, Forscherin und Assistenzärztin
am Universitäts-Herzzentrum Freiburg/Bad Krozingen. „Es geht auch um die
Frage, ob alle oder nur bestimmte CHIP-Mutationen das Risiko beeinflussen
– unabhängig von klassischen Risikofaktoren wie Rauchen, Übergewicht,
Diabetes oder Bluthochdruck.“
Die neuen Erkenntnisse der Freiburger und Berliner Forscher über die CHIP-
Mutationen sollen mithelfen, die Entwicklung der personalisierten Medizin
voranzutreiben. „Eine mögliche Konsequenz könnte sein, dass man CHIP-
Träger aufgrund bestimmter Risikoprofile künftig anders behandeln sollte,
um klinischen Ereignissen wie Schlaganfall oder Herzinfarkt vorzubeugen“,
sagt Hilgendorf. Insofern könnte das Forschungsprojekt mit Unterstützung
der Deutschen Herzstiftung ein weiterer Schlüssel zur Präzisionsmedizin
sein.

*Originaltitel des Forschungsförderprojekts: „Klonale Hämatopoese mit
unbestimmtem Potenzial und Risiko kardiovasculärer Ereignisse bei
Patienten mit Vorhofflimmern”

Literatur
(1) Eur Heart J. 2025 Sep 3:ehaf602. doi: 10.1093/eurheartj/ehaf602.
Online ahead of print.PMID: 40900105

Forschung nah am Patienten
Dank der finanziellen Unterstützung durch Stifterinnen und Stifter,
Spender und Erblasser kann die Deutsche Herzstiftung gemeinsam mit der von
ihr 1988 gegründeten Deutschen Stiftung für Herzforschung (DSHF)
Forschungsprojekte in einer für die Herz-Kreislauf-Forschung
unverzichtbaren Größenordnung finanzieren. Infos zur Forschung unter
https://herzstiftung.de/herzforschung

Kontakt zur Pressestelle der Deutschen Herzstiftung:
Michael Wichert (Ltg.), Tel. 069 955128114, Pierre König, Tel. 069
955128140, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein., www.herzstiftung.de