Mobilität für alle? Autonomes Fahren auf dem Land
Ein autonomes Testfahrzeug auf dem Campus Friedrich Streib der Hochschule
Coburg, dazu Fragen nach der Mobilität der Zukunft: Staatssekretär
Christian Hirte und der Bundestagsabgeordnete Dr. Jonas Geißler haben sich
an der Hochschule Coburg über die Forschung zum autonomen Fahren
informiert. Die Hochschule bringt dafür Erfahrung aus dem
Masterstudiengang Autonomous Driving am Lucas-Cranach-Campus in Kronach
und der Shuttle-Modellregion Oberfranken mit. Beim Austausch ging es auch
um strategische Entwicklungen auf Bundesebene und die Frage, ob
Oberfranken Modellregion für autonomes Fahren werden könnte.
Im Mittelpunkt steht dabei nicht das Privatauto, sondern die Frage, wie
autonome Fahrzeuge den öffentlichen Nahverkehr ergänzen können. In
verschiedenen deutschen Städten laufen Modellversuche, jetzt gilt es das
Angebot in die Fläche zu bekommen.
„Coburg ist geradezu idealtypisch eine Region, die wir überall in der
ganzen Bundesrepublik so wiederfinden würden“, sagte Hirte,
Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Verkehr. Die
Region sei kleinteilig und ländlich geprägt und verfüge zugleich über
einige Mittel- und Oberzentren. Vergleichbare Strukturen gebe es in vielen
Teilen Deutschlands.
Auch der Bundestagsabgeordnete Dr. Jonas Geißler plädierte dafür,
Modellregionen nicht nur in Großstädten einzurichten: „Die meisten
Menschen in Deutschland leben im ländlichen Raum und eben nicht im
städtischen Zentrum.“ Gerade auf dem Land müsse autonomes Fahren unter
unterschiedlichen Bedingungen funktionieren: auf bergigen Strecken, in
Waldgebieten und bei Schnee.
Vom Shuttle zur verlässlichen Mobilität
Was braucht es, um eine Modellregion Wirklichkeit werden zu lassen? Hirte
nannte drei Voraussetzungen: einen engagierten Industriepartner, der sich
auch finanziell beteiligt, einen geeigneten regulatorischen Rahmen und die
Klärung, in welchem Umfang öffentliche Mittel erforderlich sind. Besonders
aussichtsreich seien Anwendungen im öffentlichen Personennahverkehr, wo
sich die zusätzlichen Fahrzeugkosten durch den Wegfall eines Fahrers
vergleichsweise schnell rechnen könnten, sagte Hirte.
Prof. Dr. Mathias Wilde, Professor für Vernetzte Mobilität an der
Hochschule Coburg, untersucht, wie sich neue Mobilitätsangebote in
bestehende Verkehrssysteme integrieren lassen. Er verwies auf das
Forschungsprojekt Shuttle-Modellregion Oberfranken: „Die praktische
Erprobung hat bei Kommunen, Unternehmen und Hochschulen wertvolles Wissen
über technische Möglichkeiten und die betrieblichen Anforderungen
geschaffen. Nun sind wir gefragt, das in verlässliche Angebote zu
überführen, die über einzelne Modellprojekte hinaus Bestand haben.“
Technik und gesellschaftliche Fragen zusammendenken
Prof. Dr. Lucila Patiño Studencki, Professorin für Vehicle2X-Technologien,
forscht dazu, wie autonome Fahrzeuge ihre Umgebung wahrnehmen, ihre
Position bestimmen und mit anderen Verkehrsteilnehmern kommunizieren.
„Besonders interessant ist es, die Übergänge zwischen ländlichen Räumen
und Ballungsgebieten unter realen Bedingungen zu erproben.“ Das Fahrzeug
müsse sowohl im dichten Stadtverkehr mit manuell gesteuerten Fahrzeugen
als auch auf ländlichen Strecken mit teilweise eingeschränkter
Kommunikationsinfrastruktur sicher und zuverlässig funktionieren.
Prof. Dr. Thorben Struck bringt als Experte für Sozialraumanalyse und
Beteiligungskonzepte die gesellschaftliche Perspektive ein. „Wer Arbeit,
Bildung, Versorgung oder soziale Beziehungen nicht erreichen kann, ist
konkret in seinen Teilhabemöglichkeiten eingeschränkt.“ Autonome Mobilität
könne neue Möglichkeiten eröffnen, zugleich aber auch neue soziale
Ausschlüsse erzeugen. Deshalb müsse sie nicht allein als
Fahrzeugtechnologie, sondern als Veränderung im gesamten sozialen Gefüge
des Mobilitätssystems betrachtet werden.
Gemeinsam Zukunft gestalten
Für Prof. Dr. Felix Weispfenning, Vizepräsident für nachhaltige
Regionalentwicklung an der Hochschule Coburg, kommt es darauf an,
Wissenschaft, Wirtschaft und Politik zusammenzubringen. „Es braucht
Vertrauen, Mut, Innovationsgeist und ein gemeinsames Ziel, damit aus dem
Zusammenspiel von Wissenschaft, Wirtschaft und Politik konkrete Wirkung
für die Region entsteht“, sagte er. Entscheidend sei, diese Perspektiven
zusammenzuführen und gemeinsam ins Handeln zu kommen – an der Idee einer
Modellregion autonomes Fahren wird weitergearbeitet.
