Zum Hauptinhalt springen

Konjunktur aktuell: Ölpreisschock gefährdet Erholu

Pin It

Weltweit höhere Energiepreise infolge des neuen Golfkriegs verschlechtern
die Aussichten für die deutsche Konjunktur, auch wenn Mehrausgaben der
öffentlichen Hand die gesamtwirtschaftliche Expansion in diesem und im
kommenden Jahr stützen werden. Nach der Frühjahrsprognose des Leibniz-
Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) dürfte die Produktion im
Jahr 2026 um 0,7% und im Jahr 2027 um 1% zunehmen. Ähnliche Ex-
pansionsraten sind auch für Ostdeutschland zu erwarten. Im Dezember waren
die IWH-Konjunkturforscher von einem Zuwachs von 1% sowohl für 2026 als
auch für 2027 ausgegangen.

Im Frühjahr 2026 kommt die Weltwirtschaft in unruhiges Fahrwasser, denn
infolge des Kriegsausbruchs am Golf ist der Ölpreis (Brent) zuletzt auf
über 100 US-Dollar je Barrel geklettert. Der Preisschock trifft auf eine
Weltwirtschaft, die sich bislang angesichts der drastischen US-
Zollerhöhungen als bemerkenswert robust erwiesen hat. Das gilt auch für
den Welthandel und speziell für die chinesische Exportwirtschaft.

In den USA wird die Konjunktur von Investitionen in den Tech-Sektor
getrieben. Zudem wird dort mit sinkenden Leitzinsen gerechnet. Zudem ist
die US-Finanzpolitik, wie auch die in Deutschland und in Japan, im
laufenden Jahr expansiv ausgerichtet. Im Euroraum bleibt die Dynamik zwar
bescheiden, sie wird aber weiter von steigenden Reallöhnen und recht
günstigen Finanzierungsbedingungen gestützt. Die vorliegende Prognose
unterstellt, dass die Energiepreise im zweiten Halbjahr 2026 wieder
deutlich zurückgehen. Sowohl im Jahr 2026 als auch im Jahr darauf dürfte
die Weltproduktion um 2,6% zunehmen.

Der Krieg am Golf verschlechtert die Aussichten auch für die deutsche
Konjunktur: Die gestiegenen Energiepreise belasten die Einkommen der
privaten Haushalte und erhöhen die Produktionskosten. In der vorliegenden
Prognose wird unterstellt, dass die Energiepreise in der zweiten
Jahreshälfte 2026 wieder sinken. Unter solchen Voraussetzungen beträgt der
Effekt auf die Inflation in Deutschland im Jahr 2026 etwa 0,5
Prozentpunkte, und der Dämpfer für die Realwirtschaft ist nicht groß.

Gestützt wird die Konjunktur in diesem und im kommenden Jahr von
Mehrausgaben der öffentlichen Hand für Rüstung und
Infrastrukturinvestitionen. Danach wird die Finanzpolitik allerdings auf
einen Konsolidierungskurs einschwenken müssen.

„Was die Konjunktur im laufenden Jahr zusätzlich stützen dürfte, ist eine
Stabilisierung der Exporte. Denn es wird wohl kein weiterer negativer
Impuls vonseiten der US-Zoll-politik kommen, und die internationale
Konjunktur bleibt nach vorliegender Prognose robust“, sagt Oliver
Holtemöller, Leiter der Abteilung Makroökonomik und Vizepräsident des IWH.
Im ersten Halbjahr 2026 dürfte die Erholung aber nur verhalten ausfallen,
auch weil die höheren Energiekosten den privaten Konsum etwas dämpfen.
Auch dürfte die kalte Witterung zu Jahresanfang die Bauaktivität im ersten
Quartal gesenkt haben. In der zweiten Jahreshälfte dürfte die Belebung
dann etwas an Schwung gewinnen.

Ein erhebliches Konjunkturrisiko stellen der Krieg am Persischen Golf und
insbesondere die in seiner Folge gestiegenen Energiepreise dar. Diese
könnten länger als hier unterstellt hoch bleiben, etwa wenn es für Tanker
weiter zu riskant ist, die Straße von Hormus zu benutzen. Weil es für
Flüssiggas ebenso wie für Erdöl einen integrierten Weltmarkt gibt, spielt
es dabei keine große Rolle, dass bisher wenig Gas aus der Golfregion nach
Europa geliefert wurde. Ein dauerhafter Preisanstieg für Energieträger in
Europa würde die Inflationsraten stärker erhöhen und möglicherweise die
Europäische Zentralbank veranlassen, ihre geldpolitischen Zügel
anzuziehen. Sollte es allerdings nach Kriegsende zu einer Reintegration
des Iran in den Welthandel kommen, wären mittelfristig auch positive
Effekte für die deutsche Wirtschaft denkbar.

Die Langfassung der Prognose enthält einen Kasten zur Schätzung des
Produktions-potenzials.