99. DGN-Kongress: Neue Perspektiven für die Schlaganfallmedizin
Neue Wege in der Schlaganfalltherapie, innovative Ansätze zur Prävention
und große Forschungsinitiativen „Made in Germany“: Die vaskuläre
Neurologie ist unter dem Motto „Vaskuläre Neurologie – Innovation,
Präzision, Prävention“ einer der Schwerpunkte des 99. Kongresses der
Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN). Ab morgen diskutieren
nationale und internationale Expertinnen und Experten auf der Neurowoche
2026 in Berlin, wie sich Schlaganfälle künftig noch gezielter behandeln
und verhindern lassen.
Moderne Bildgebung und die mechanische Thrombektomie haben die
Schlaganfalltherapie grundlegend verändert. Heute können selbst Menschen
mit schweren Gefäßverschlüssen oder unbekanntem Schlaganfallzeitpunkt
häufig noch erfolgreich behandelt werden.
Doch trotz aller Fortschritte bleibt der Schlaganfall eine der häufigsten
Ursachen für dauerhafte Behinderungen im Erwachsenenalter. „Entscheidend
ist daher, dass auch weiterhin aus wissenschaftlichen Erkenntnissen
möglichst schnell konkrete Verbesserungen für unsere Patientinnen und
Patienten werden. Dafür brauchen wir leistungsfähige Forschungsnetzwerke
und eine enge internationale und interdisziplinäre Zusammenarbeit. Gerade
in der Schlaganfallmedizin zeigt sich, wie viel wir gemeinsam erreichen
können“, betont Kongresspräsident Professor Dr. Götz Thomalla aus Hamburg.
Schlaganfalltherapie: Wie lässt sich die Thrombektomie weiter
perfektionieren?
Die mechanische Thrombektomie gehört zu den größten Erfolgsgeschichten der
modernen Neurologie. Bei diesem Verfahren werden Blutgerinnsel mithilfe
eines Katheters aus verschlossenen Hirngefäßen entfernt. Die Behandlung
hat die Prognose bei schweren ischämischen Schlaganfällen deutlich
verbessert. Inzwischen ist ihr Nutzen auch bei Verschlüssen der
Basilararterie, die den Hirnstamm versorgt, wissenschaftlich belegt.
Doch wie lässt sich die Therapie weiter optimieren? Welche Patientinnen
und Patienten profitieren besonders? Und welche neuen Möglichkeiten
eröffnet die Kombination aus hochauflösender Bildgebung und
interventionellen Verfahren?
Diesen Fragen widmen sich auf dem DGN-Kongress mehrere wissenschaftliche
Sitzungen zur mechanischen Thrombektomie, zur modernen
Schlaganfallbildgebung und zu neuen Perspektiven der Neurointervention.
Sie werden gemeinsam mit internationalen Expertinnen und Experten sowie
der Deutschen Gesellschaft für Neuroradiologie gestaltet. Im Mittelpunkt
steht die Frage, wie sich therapeutische Entscheidungen künftig noch
präziser treffen und die Behandlungsergebnisse weiter verbessern lassen.
Präsidentensymposium: Warum ein Schlaganfall den ganzen Körper betrifft –
und welche therapeutischen Konsequenzen daraus folgen
Ein Schlaganfall ist weit mehr als ein plötzliches Ereignis im Gehirn. Er
kann komplexe Reaktionen im gesamten Organismus auslösen. Besonders das
Immunsystem rückt dabei zunehmend in den Fokus der Forschung. Welche Rolle
spielen Entzündungsprozesse nach einem Schlaganfall? Wie beeinflussen
immunologische Veränderungen den weiteren Krankheitsverlauf? Und ergeben
sich daraus neue therapeutische Ansatzpunkte?
Auch Erkrankungen der kleinen Hirngefäße gewinnen wissenschaftlich an
Bedeutung. Die sogenannte zerebrale Small-Vessel-Disease kann unter
anderem mit Schlaganfällen und kognitiven Beeinträchtigungen einhergehen
und ist eine wichtige Ursache von Demenz. Ihr besseres Verständnis ist
wichtig, um vaskuläre Risiken genauer einzuschätzen und gezielter
behandeln zu können.
Diesen übergreifenden Fragen widmet sich das Präsidentensymposium des 99.
DGN-Kongresses. Im Mittelpunkt stehen die systemischen Dimensionen des
Schlaganfalls, insbesondere seine immunologischen Folgen und die Bedeutung
der zerebralen Kleingefäßerkrankungen. Damit richtet das Symposium den
Blick auf Forschungsfelder, die neue Perspektiven für die
Schlaganfallmedizin eröffnen könnten.
Herz und Gehirn: Neue Perspektiven für die Schlaganfallprävention
Wie lassen sich erneute Schlaganfälle noch wirksamer verhindern? Diese
Frage gehört zu den zentralen Herausforderungen der vaskulären Neurologie.
Ein wichtiger Forschungsbereich sind neue gerinnungshemmende Medikamente,
insbesondere Hemmstoffe der Gerinnungsfaktoren XI und XII. Sie könnten
künftig zusätzliche Möglichkeiten für die Schlaganfallprävention eröffnen.
Ob und für welche Patientengruppen sie einen klinischen Vorteil bieten,
wird derzeit untersucht. Für Medikamente zur Hemmung von Faktor XI gibt es
bereits Ergebnisse großer klinischer Studien, weitere laufen aktuell.
Ein weiterer Schwerpunkt ist das Vorhofflimmern. Die Herzrhythmusstörung
zählt zu den wichtigsten Risikofaktoren für ischämische Schlaganfälle.
Fortschritte bei der Diagnostik und Behandlung können deshalb auch für die
neurologische Prävention von großer Bedeutung sein.
Aktuelle Entwicklungen an der Schnittstelle von Herz und Gehirn stehen im
Mittelpunkt einer gemeinsamen wissenschaftlichen Sitzung mit der Deutschen
Gesellschaft für Kardiologie. Hier werden neurologische und kardiologische
Perspektiven zusammengeführt – mit dem Ziel, Risiken früher zu erkennen
und Präventionsstrategien weiterzuentwickeln.
Neurowoche 2026: Internationale Expertise trifft interdisziplinäre
Forschung
Die großen Fortschritte in der vaskulären Neurologie sind heute kaum noch
ohne internationale Zusammenarbeit denkbar. Der DGN-Kongress bringt
deshalb Expertinnen und Experten aus Deutschland und aller Welt zusammen.
Zu den internationalen Partnerorganisationen gehören die European Academy
of Neurology (EAN), die American Academy of Neurology (AAN), die World
Federation of Neurology (WFN) und die European Stroke Organisation (ESO).
Zugleich bietet die Neurowoche eine Plattform für den Austausch mit
benachbarten Fachgebieten, darunter Neuroradiologie, Neurochirurgie und
Kardiologie. Denn viele der drängenden Fragen der Schlaganfallmedizin
lassen sich nur gemeinsam beantworten.
Schlaganfallstudien „Made in Germany“: Ein neues Netzwerk soll die
deutsche Forschung weiter voranbringen
Deutschland gehört zu den wichtigen Standorten der internationalen
Schlaganfallforschung. Zahlreiche Studien, die die heutige Diagnostik und
Therapie geprägt haben, wurden unter maßgeblicher deutscher Beteiligung
durchgeführt. Damit auch künftig neue Erkenntnisse rasch gewonnen und in
die Versorgung übertragen werden können, sollen die Forschungsstrukturen
weiter gestärkt werden.
Eine zentrale Rolle spielt dabei das Fachnetzwerk Schlaganfall (SN Stroke)
im Netzwerk Universitätsmedizin (NUM). Es soll die Planung und
Durchführung klinischer Schlaganfallstudien erleichtern und die
Zusammenarbeit zwischen Forschungszentren intensivieren. Ein erstes
wichtiges Vorhaben ist der Aufbau einer großen prospektiven
Schlaganfallkohorte, um neue Erkenntnisse über Krankheitsverläufe,
Behandlungsstrategien und Versorgungsergebnisse zu gewinnen.
Wie das Netzwerk arbeitet und welche neuen Möglichkeiten sich daraus für
die klinische Forschung ergeben, wird in der Kongresssitzung „New Concepts
for Clinical Trials – Stroke Trials 'Made in Germany'“ vorgestellt.
Zum Kongress ist eine wissenschaftliche Artikelsammlung in der DGN-
Fachzeitschrift „Neurological Research and Practice“ erschienen. Sie
beleuchtet aktuelle Fragen der Schlaganfallversorgung und -forschung und
stellt unter anderem das Studienprotokoll der neuen Schlaganfallkohorte
vor. Unter diesem Link finden Sie alle Artikel der NRP-„Collection“:
https://link.springer.com/coll
