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„Die Verantwortung wird ausgelagert, weil die großen Player sich nicht kümmern wollen“

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Die Beschlüsse oft zahnlos, die Klimapolitik weltweit auf Talfahrt und die
Folgen kaum beherrschbar – unter diesen Vorzeichen startet die 31.
Weltklimakonferenz (COP31) im November in der Türkei. Prof. Stefan Aykut
vom Exzellenzcluster CLICCS der Universität Hamburg hat bereits sieben
COPs vor Ort analysiert. Im Interview erzählt er, warum die EU aktuell
tiefstapelt, warum wir mitentscheiden sollten, wie groß Autos werden
dürfen, und wie wir morgen wieder Mehrheiten für Klimaschutz haben
könnten.

Die Stimmung gegen Klimaschutz nimmt weltweit zu. Für die Türkei wird
erneut eine so genannte „Umsetzungs-COP“ angekündigt. Wie optimistisch
sind Sie, dass es im November zu neuen Beschlüssen kommt?

Im Grunde bewegen wir uns seit dem Paris-Abkommen von 2015 im Modus der
Umsetzung. Es geht immer noch darum, die damals beschlossenen Ziele zu
erreichen. Das fällt aber auf den Konferenzen sehr schwer.

Warum?

Eine Klimakonferenz ist eine Arena für Verhandlungen, im Vordergrund steht
der Prozess. Klar ist, dass der Klimawandel sich nur über einen Ausstieg
aus fossilen Energien begrenzen lässt. Doch im letzten Jahr ließ sich das
Thema auf der COP in Brasilien kaum ansprechen, geschweige denn konkrete
Schritte verabschieden. Wir reden stets von Umsetzung, sind aber
eigentlich in einer tiefen Krise.

Müssen die COPs reformiert werden?

Durch das Konsensprinzip werden wichtige Beschlüsse immer wieder
blockiert, weil einige fossile Staaten widersprechen. Das verhindert, dass
die COP optimal funktioniert – ist jedoch schwierig zu ändern. Ein Ausweg
sind kleinere Koalitionen, in denen Staaten untereinander höhere Ziele
vereinbaren.

Der zweite Punkt ist Glaubwürdigkeit. Eine ganze Reihe von Konferenzen
haben in fossilen und in autoritären Staaten stattgefunden. Wer eine
Weltklimakonferenz ausrichtet, sollte Mindeststandards in puncto
Klimapolitik erfüllen. Und garantieren, dass die Zivilgesellschaft frei
teilnehmen kann.

Erwarten Sie Klimaproteste? Die Türkei ist ein repressiv regiertes Land.
Kann sich Präsident Erdoğan Bilder von festgenommenen Klimaschützer:innen
leisten?

Ich habe das Gefühl, dass die Regierung sich im Moment alle möglichen
Bilder leisten kann. Erdoğan hat wahrscheinlich wenig Skrupel. Der
Bürgermeister von Istanbul sitzt seit 2025 im Gefängnis, der größte TV-
Sender wurde gerade im Oktober 2026 gestürmt und geschlossen. Doch es gibt
eine sehr lebendige Zivilgesellschaft in der Türkei, die sicher versuchen
wird, dieses Fenster zu nutzen. Demonstrieren wird wohl möglich sein,
jedoch ohne jede politische Äußerung.

Die Türkei stellte vorab ein 10-Punkte-Programm vor und setzt neben
Müllvermeidung und Kreislaufwirtschaft auf Elektrifizierung. Demnach soll
der Anteil von Strom am weltweiten Energiemix von 20 auf 35 Prozent erhöht
werden. Es bleibt aber offen, ob dieser Strom aus Kohle-, Öl- oder
Gasverbrennung stammen darf.

Grundsätzlich ist Elektrifizierung durchaus ein Weg zum Klimaschutz, führt
allein aber nicht zu weniger Emissionen. Hier könnte die Idee sein, einen
Konsens für die Abschlusserklärung zu vorzubereiten, der heikle Fragen
ausklammert. Die Europäische Union sollte darauf drängen, den zusätzlichen
Strom grün zu erzeugen. Weil diese Abschlusserklärungen stets nur dem
Minimalkonsens entsprechen, haben kleinere Initiativen und Zusatzabkommen
stark an Bedeutung gewonnen. Diese schaffen ein Momentum, sie erzeugen das
Gefühl, es geht voran.

Sehen Sie das positiv?

Die Verantwortung wird ausgelagert, weil die großen Player sich nicht
darum kümmern wollen. In der internationalen Klimapolitik wird viel Wert
auf Narrative gelegt, fast wie Beschwörungen. Von COP zu COP werden neue
Sachen lanciert, neue Versprechungen gemacht, um die Erzählung von der
globalen Energiewende aufrechtzuerhalten. Gleichzeitig spricht viel
dagegen, dass die Wende jetzt passiert.

Also ein Ablenkungsmanöver?

Viele Menschen glauben daran und sind ehrlich engagiert. Aber Versprechen
können gemacht und schnell wieder einkassiert werden. Große Unternehmen
der Digitalbranche wie Microsoft haben regelmäßig versprochen, dass sie
null Emissionen erreichen werden. Seit dem AI-Boom ist nicht mehr die Rede
davon und niemand fragt mehr danach.
Auch die EU hat in einem Strategiepapier die Erwartungen gedämpft, damit
Menschen nicht demotiviert werden. Was halten Sie von dieser
psychologischen Strategie?
Um Druck zu erzeugen, setzen zivilgesellschaftliche Organisationen und
bestimmte Staaten die Erwartungen oft hoch. Die EU hat in diesem Fall
tiefgestapelt, um das Forum selbst zu schützen. Wir erleben zurzeit eine
autoritäre Welle, die sich gegen Klimapolitik wendet. Die USA haben das
Pariser Klimaabkommen aufgekündigt, es gibt Attacken auf demokratische
Institutionen, die Klimawissenschaften werden zurückgebaut, Datensätze
zerstört und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler entlassen. Den
Backlash spüren wir weltweit. Die Konferenzen selbst könnten also zur
Disposition stehen.

Wir leben in einer „Klimamutation“, sagen Sie. Das ist auch der Titel
Ihres neuen Buches. Demnach können wir heute nicht mehr vorausschauend und
rechtzeitig handeln, um die Risiken möglichst gering zu halten.

Das allgemeine Gefühl ist heute: Der Klimawandel ist durch und kaum mehr
rechtzeitig einzudämmen. Vor ein paar Jahren war noch ein ganz anderes
Gefühl dominant. Da ging man davon aus, dass ein relativ geordneter
Übergang zu emissionsarmen Gesellschaften gelingen könnte. Eine fossile
Welt mit hohen Emissionen würde stetig in eine postfossile ohne Emissionen
übergehen. Dazwischen könnte es zwar zu einigen Turbulenzen kommen, aber
die Marschroute erschien doch relativ klar.

Das ist nicht mehr realistisch?

Eher nicht. Heute sprechen wir von Transformationen, in denen Rückschläge
ein großer Teil des Prozesses sind. Der Umbau findet in großer
Unsicherheit statt. Wann immer wir über Klima reden, müssen wir
Verwerfungen auf globaler Ebene – man denke an geopolitische Spannungen,
an den Krieg in der Ukraine, an Trumps Angriffe auf Venezuela oder Iran –
und Fragen der Demokratie auf nationaler Ebene bedenken. Aufgrund dieser
Abhängigkeiten ist völlig offen, wie die Transformation verläuft. Diese
Unsicherheit beschreiben wir als Mutation.

Eine Mutation geschieht normalerweise ohne unseren Willen und Einfluss.
Sind wir hilflos?

Viele Veränderungen können wir jetzt nicht mehr richtig steuern.
Gesellschaften sind dabei zwei Prozessen gleichzeitig ausgesetzt: Die
Klimazonen, in denen sie sich entwickelt haben, verändern sich. Und ihre
materiellen Grundlagen, die sich häufig auf fossile Energien stützen,
müssen sich verschieben. Die auftretenden Probleme sind teilweise
vorhersehbar, teilweise unvorhersehbar, aber immer schwer zu
kontrollieren. Doch wir sind nicht völlig machtlos.

Wie lässt sich die Klimamutation wieder in aktive Transformation
umwandeln?

Selbst handeln und wirksam sein ist wichtig, am besten in Gruppen. Dem
Gefühl von Ohnmacht und Ausgeliefertsein etwas entgegensetzen. Dazu können
wir Klimafragen zunächst einmal kleiner machen, vor unsere Haustür schauen
und auch kurzfristiger denken. Wir holen uns quasi das globale Klima
zurück, kümmern uns um konkrete Fragen von Fahrradwegen, Gärten,
Nachbarschaft, Zusammenleben, von sozialer Gerechtigkeit, und verbinden
Klima mit anderen Themen, die uns wichtig sind. Dabei sollten wir aber die
große Frage der notwendigen Transformation nicht aus den Augen verlieren.

Wie lässt sich das konkret umsetzen?

Wir müssen Räume für kollektive Handlungsträgerschaft öffnen – das Klima
braucht eine lebendige Zivilgesellschaft! – und darüber hinaus positive
Rückkopplungen zwischen Klimaschutz und anderen gesellschaftlichen Zielen
nutzen. Wenn Gemeinden ihre Energieversorgung selbst in die Hand nehmen,
damit Gewinne erzeugen und dann lokal Geld verteilen können – solche
Initiativen sollten gefördert werden. Alle Hebel müssen gezogen werden, um
die Grundlage für den gesellschaftlichen Umbau zu erweitern.

Sie möchten auch die Wirtschaft unter demokratische Kontrolle bringen. Wo
ist dies nicht der Fall?

Zum Beispiel beim Konsum. Er verhindert erfolgreichen Klimaschutz
systematisch. Erste Fortschritte in Richtung zu nachhaltigem Konsum werden
immer wieder durch den Boom bei Fast Fashion, Digitalisierung und
künstlicher Intelligenz zunichtegemacht. Autos haben zwar E-Motoren,
werden aber immer größer. Immer neue Produkte konterkarieren, was wir an
grünen Innovationen haben. Angesichts dieser Probleme können wir uns nicht
auf die Märkte und deren grünes Wachstum verlassen. Wir müssen uns vom
Dogma des Wachstums um jeden Preis verabschieden. Ein umfassendes
Postwachstum ist politisch allerdings nicht mehrheitsfähig.

Wie wird Konsum trotzdem klimafreundlicher?

Wir sollten als Gesellschaft entscheiden, welche Bereiche wachsen sollen
und welche nicht. Ist es denn normal, dass wir keinen Einfluss darauf
haben, wie die nächste Generation von Autos aussieht, wie groß die sind,
wie schwer? Dass wir keinen Einfluss darauf haben, wie energieintensiv
Künstliche Intelligenz erzeugt wird? Wir brauchen politische
Steuerungsfähigkeit, einen Mittelweg zwischen Markt und Postwachstum.
Einige Bereiche werden schrumpfen müssen, aber um Wohlstand zu sichern,
brauchen wir auch andere Bereiche, die wachsen.

Der Klimaumbau braucht gleichzeitig die breite Unterstützung der
Bevölkerung. Wie kommt man da hin?

Wer finanziell gewinnt und wer verliert, sollte immer mit bedacht werden.
Oft diskutieren wir die gesamtgesellschaftlichen Kosten, zum Beispiel, wie
der CO2-Preis auf die Industrie wirkt. Er ist effizient, ja, aber
individuell trifft er die Menschen sehr ungleich. Wer wenig hat, für den
ist jede Preiserhöhung schmerzhaft – und die Zustimmung zum Klimaschutz
kann schwinden. Deshalb kommen wir nur voran, wenn wir Umverteilung
mitdenken und einen sozialen Ausgleich schaffen, zum Beispiel ein
Klimageld. Ganz wichtig ist: es bringt nichts, einen tollen Plan bis 2050
zu haben, wenn auf dem Weg der gesellschaftliche Rückhalt verloren geht.
Wir müssen heute die Bedingungen dafür schaffen, dass auch morgen wieder
Mehrheiten für den Klimaumbau bestehen.