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Rückblick auf die Tage der Ukraine 2026 - Joachim Gauck: „Mut ist eine Menschenmöglichkeit“

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Mit einem Festabend in der Vertretung des Landes Brandenburg beim Bund
starteten am 7. Oktober die Ukraine-Tage 2026 in Berlin-Brandenburg. Gäste
aus Wissenschaft, Politik und Diplomatie würdigten das zehnjährige
Bestehen der Deutsch-Ukrainischen Akademischen Gesellschaft (DUAG).
Ausrichterin der diesjährigen Ukraine-Tage war die Technische Hochschule
Wildau (TH Wildau), wo am 8. und 9. Oktober wissenschaftliche Vorträge,
die Vorstellung deutsch-ukrainischer Kooperationsprojekte und der
Austausch über die Zukunft der ukrainischen Wissenschaft auf dem Programm
standen.

In seiner Rede „Nicht den Ängsten folgen – den Mut wählen“ warb
Bundespräsident a.D. Joachim Gauck bei der Eröffnung der Ukraine-Tage 2026
für verlässliche Unterstützung der Ukraine - humanitär, finanziell,
militärisch und wissenschaftlich. „Mut, meine Damen und Herren, ist eine
Menschenmöglichkeit“, sagte er. Die Arbeit der DUAG zeige, wie aus
wissenschaftlichen Kontakten stabile Partnerschaften würden. Gauck
erinnerte an Deutschlands historische Verantwortung: Die Ukraine war im
Zweiten Weltkrieg vollständig von Deutschland besetzt. Ihre Opfer seien im
Westen bis heute kaum bekannt. Ukrainische Forschende seien keine
Hilfsempfänger*innen, sondern gleichberechtigte Partner*innen. Seine
größte Sorge sei, dass die Aufmerksamkeit in den Medien und der
Gesellschaft mit der Dauer des Krieges schwindet.

Die Grußworte zeigten, wie stark die Zusammenarbeit seit 2022 gewachsen
ist. Für das Land Brandenburg begrüßte Staatssekretär David Kolesnyk die
Gäste: Fast alle Brandenburger Hochschulen arbeiteten mit ukrainischen
Partner*innen zusammen. Prof. Dr. Walter Rosenthal, Präsident der
Hochschulrektorenkonferenz, sprach für die Allianz der
Wissenschaftsorganisationen. Nach seinen Worten hat sich die Zahl der
deutsch-ukrainischen Hochschulkooperationen seit Beginn der großflächigen
Invasion auf rund 400 verdoppelt. Natalia Chernopaschenko, Botschaftsrätin
der Botschaft der Ukraine, nannte Deutschland nach der Europäischen Union
den größten Wissenschaftspartner ihres Landes. Zugleich warnte sie, dass
aus der Flucht von Forschenden eine dauerhafte Abwanderung werden könne.

DUAG-Präsidentin Prof. Dr. Olga Garaschuk erinnerte an die Gründung der
Gesellschaft 2016 durch 16 Forschende, als die Ukraine noch „ein blinder
Fleck auf der mentalen Landkarte Europas“ gewesen sei. Heute umfasst DUAG
mehr als 120 aktive Mitglieder und hat neben vielen anderen Aktivitäten
eine Informations- und Kollaborationsplattform mit 533
Kooperationsprojekten aufgebaut. Ohne einen Sieg der Ukraine, so
Garaschuk, ließen sich weder Sicherheit noch Frieden in Europa
garantieren.

„Wenn die Ukraine verliert, haben wir als Europa auch verloren“, sagte
Prof. Ulrike Tippe, Präsidentin der Technischen Hochschule Wildau (TH
Wildau). Hochschulen könnten im vorpolitischen Raum Brücken bauen. Nötig
seien keine kurzlebigen Projekte, sondern strukturelle, nachhaltige
Zusammenarbeit. Wie nah der Krieg emotional auch für ihn ist, schilderte
Tagungspräsident Prof. Marcus Frohme, TH Wildau, anhand seiner Eindrücke
aus Videokonferenzen mit Mitarbeiterinnen, während sie vor angreifenden
Raketen Schutz suchen und Aufnahmen eines nach einem Drohnenangriff
beschädigten Hauses seines ehemaligen Doktoranden. Mit großem Beifall
begrüßten die Gäste eine Delegation der Nationalen Universität für
Radioelektronik Charkiw (NURE), die rund zwei Tage für die Anreise
benötigte.

Für den musikalischen Rahmen des Abends sorgten die ausgezeichneten
Musiker Olga Glibovych (Violine) und Yaromyr Bozhenko (Klavier). Mit
großer Ausdruckskraft und feinem Gespür interpretierten sie Werke der
ukrainischen Komponisten Beresowskyj, Lyssenko und Barwinskyj.

Tag 2: Wissenschaft und Kooperation, Quanten-Allianz und Academic Evening
in der BBAW

Einen Tag später ging es dann auf dem Campus der TH Wildau mit dem
wissenschaftlichen Programm der Ukraine-Tage weiter. Nach einer
Schweigeminute für die Opfer des Krieges begann das wissenschaftliche
Programm in Halle 17 der TH Wildau. Erster Höhepunkt war die
Unterzeichnung der Kooperationsvereinbarung zwischen der TH Wildau und der
NURE, mit der die „Wildau – NURE Quantum IT Alliance“ (WiN Q-IT Alliance)
beschlossen wurde. Sie ist an den kürzlich gegründeten Quantum Application
Hub der TH Wildau angekoppelt und soll künftig auch Unternehmen aus der
Region Charkiw, dem Brandenburger Landkreis Dahme-Spreewald und Berlin
miteinander vernetzen.

Rund 30 Beiträge zeigten die Bandbreite der deutsch-ukrainischen Forschung
in der Region: von einem KI-Verfahren zur Identifizierung von Kriegsopfern
anhand der Keilbeinhöhle über Krebstherapie mit extrem hohen Dosisraten am
DESY in Zeuthen und KI-gestützte Rehabilitation bis zu den Folgen des
Krieges für Flüsse und Landschaften. Weitere Sessions widmeten sich
Förderprogrammen von DAAD und Alexander von Humboldt-Stiftung, der
Städtepartnerschaft Potsdam – Iwano-Frankiwsk sowie dem Deutsch-
Ukrainischen Hochschulnetzwerk, darunter dem gemeinsamen
Informatikstudiengang CoSMoS-NT von NURE und TH Wildau. „Die Freiheit, für
die die Menschen in der Ukraine kämpfen, ist unsere Freiheit“, sagte Prof.
Dr. Christian Stegmann, Direktor am DESY Zeuthen. Bewegend war das
Gedenken an Dr. Mariya Shcherbyna, eine aus Charkiw geflüchtete
Wissenschaftlerin, die kurz vor dem Antritt einer Postdoc-Stelle an der
BTU Cottbus-Senftenberg verstorben war.

Am Abend setzte die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften
(BBAW) den Tag mit einem akademischen Festabend fort. BBAW-Präsident Prof.
Dr. Christoph Markschies berichtete von seiner Reise nach Lwiw,
Friedensnobelpreisträgerin Oleksandra Matviichuk erinnerte per
Videobotschaft an die gezielten russischen Angriffe auf Schulen,
Universitäten und Bibliotheken. Im Namen von Wissenschaftsministerin Dr.
Manja Schüle betonte Dr. Carolin Roeder: „Wir stehen fest an der Seite der
Ukraine.“ Nachdem am Mittag bereits der PhD-Wettbewerb der DUAG
stattgefunden hatte, wurden nun Léo-Paul Barthélémy (Université de
Lorraine), Viktor Golovii (Nord University / Nationale Taras-
Schewtschenko-Universität Kyjiw) und Maria Grynevych (Justus-Liebig-
Universität Gießen) ausgezeichnet. Im Podium „Rebuilding Together“ ging es
darum, wie aus Nothilfe dauerhafte wissenschaftliche Strukturen werden.
Emotionaler Schlusspunkt war das eigens komponierte Lied „Kharkiv Sky“,
gesungen von Prof. Dr. Alina Nechyporenko.

Tag 3: Ukraine-Studien, Wälder und Desinformation

Am 9. Oktober zog die DUAG in ihrer Mitgliederversammlung Bilanz und
bekräftigte ihre Forderung, die deutsch-ukrainische Zusammenarbeit
institutionell zu verankern; zudem will sie der europäischen Koalition zur
Unterstützung der ukrainischen Wissenschaft beitreten. Die Europa-
Universität Viadrina Frankfurt/Oder zeigte, wie lange die Ukraine in
Deutschland übersehen wurde: Bis 2021/22 gab es hierzulande keinen
einzigen Studiengang zur Ukraine. Der Kompetenzverbund Interdisziplinäre
Ukrainestudien baut seitdem Forschung und Lehre auf. Die Hochschule für
nachhaltige Entwicklung Eberswalde stellte ihre 20-jährige Partnerschaft
mit ukrainischen Forstuniversitäten vor und diskutierte, wie
kriegsgeschädigte Wälder nachhaltiger und widerstandsfähiger
wiederhergestellt werden können.

Die Keynote hielt die ukrainische Desinformationsforscherin Dr. Halyna
Padalko (MIT): „Auch wenn Sie es nicht merken: Sie befinden sich im Krieg,
denn wir alle bewegen uns in einem Raum kognitiver Kriegsführung.“ Sie
zeigte, wie Russland Künstliche Intelligenz nutzt, um Desinformation
billiger und glaubwürdiger zu machen – bis hin zu Propaganda, die gezielt
in Trainingsdaten von Sprachmodellen eingeschleust wird.
Bilanz: „Krieg“ und „Resilienz“

Tagungspräsident Prof. Marcus Frohme von der TH Wildau hielt zum Abschluss
der Ukraine-Tage 2026 fest, dass das häufigste Wort der drei Tage wohl
„Krieg“ gewesen sei, gefolgt von „Resilienz“. Er hoffe, die Tage der
Ukraine blieben den Teilnehmenden „nicht nur in den Köpfen, sondern auch
in den Herzen“. Mit einem Vortrag zu ukrainischen Orten in Berlin sowie
Führungen über den Industriecampus Wildau und durch das Schloss Königs
Wusterhausen klangen die Ukraine-Tage 2026 aus.
Über die Ukraine-Tage

Die Ukraine-Tage werden jährlich von der Deutsch-Ukrainischen Akademischen
Gesellschaft (DUAG e.V.) veranstaltet. Sie machen die wissenschaftliche
Zusammenarbeit zwischen Deutschland und der Ukraine sichtbar und vernetzen
Forschende beider Länder. 2026 ist das Land Brandenburg Gastgeber,
Ausrichterin ist die TH Wildau. Die Schirmherrschaft hat Brandenburgs
Wissenschaftsministerin Dr. Manja Schüle. Gefördert werden die Ukraine-
Tage vom DAAD und vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur
des Landes Brandenburg.