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Statement: Warnstreiks ab Sonntag, Milliardenverlust bei VW: Lohnverzicht allein rettet die Autoindustrie nicht

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Prof. Dr. Dirk Dohse (https://www.kielinstitut.de/de/expertinnen-und-
experten/dirk-dohse/
), Leiter der Forschungsgruppe Innovation und
Internationaler Wettbewerb am Kiel Institut für Weltwirtschaft,
kommentiert die am Samstag, 31. Oktober, auslaufende Friedenspflicht in
der Metall- und Elektroindustrie und die heute vorgelegten Quartalszahlen
von Volkswagen:



„Ab Sonntag sind in weiten Teilen der Autoindustrie Warnstreiks möglich,
bei Volkswagen, das heute einen Milliardenverlust gemeldet hat, wegen
seines Haustarifs erst ab Januar. Klar ist: Die deutsche
Automobilindustrie steht mit dem Rücken zur Wand. Die Gewinnmargen sinken,
weltweit gehen Marktanteile verloren und selbst auf dem europäischen
Heimatmarkt greifen chinesische Wettbewerber auf breiter Front an. Die
Hersteller müssen in erheblichem Umfang Kosten senken und drohen mit
Arbeitsplatzabbau, Werksschließungen und einem langfristigen Einfrieren
der Löhne und Gehälter. In den laufenden Tarifverhandlungen stehen die
Zeichen auf Konfrontation. Aber kann Lohnverzicht den Automobilstandort
Deutschland retten, oder liegen die Gründe tiefer?

Tatsache ist: Die Stundenlöhne in der deutschen Automobilindustrie sind
die höchsten weltweit. Mit 65 EUR sind sie mehr als anderthalbmal so hoch
wie in den USA, mehr als zweieinhalbmal so hoch wie in Japan und mehr als
dreimal so hoch wie in den EU-Ländern Polen, Ungarn und Portugal. Zu
erklären ist dies durch die jahrzehntelange Dominanz und
Technologieführerschaft deutscher Unternehmen auf den internationalen
Automobilmärkten. Aber diese Dominanz ist Geschichte, und die
Technologieführerschaft in den wichtigen Zukunftssegmenten
Elektrofahrzeuge und Batterien liegt heute eindeutig bei chinesischen
Wettbewerbern. Wie hart das durchschlägt, zeigen die VW-Zahlen: In China
ist der Absatz im dritten Quartal um fast 40 Prozent eingebrochen.

Ohne eine drastische Senkung der Personalkosten, wird es nicht möglich
sein, die langfristige Wettbewerbsfähigkeit der deutschen
Automobilindustrie zurückzugewinnen. Dies bedeutet konkret Personalabbau
und/oder Lohnzurückhaltung. Auch die überaus großzügigen Sonderzahlungen
und überkommene Arbeitszeitmodelle wie die 35-Stunden-Woche dürfen kein
Tabuthema sein. Volkswagen hat diese Debatte bereits eröffnet und in
seinem Haustarif unter anderem die Regeln zur Arbeitszeit gekündigt. Dort
endet die Friedenspflicht jedoch erst zum Jahreswechsel.

Allerdings wäre es falsch (und langfristig nutzlos) die Anpassungskosten
allein den Arbeitnehmern aufzubürden. Die Personalaufwandsquote liegt je
nach Hersteller bei rund 10 bis 15 Prozent, während die Materialkosten
(zugekaufte Teile, Rohstoffe, Komponenten) den größten Kostenblock mit
weit über 50 Prozent am Umsatz ausmachen. Hier ließen sich durch Reduktion
der Produktpalette auf die rentabelsten Modelle, eine vorausschauende
Einkaufspolitik und bessere konzerninterne Abstimmung (etwa durch
Reduktion und Vereinheitlichung bestehender Technologie-Plattformen)
erhebliche Einsparungen realisieren.

Noch wichtiger ist jedoch, dass die deutschen Hersteller ihre
Technologieführerschaft wiedergewinnen. Dies erfordert massive
Investitionen in Forschung und Entwicklung und die Bereitschaft, neue
Technologien schneller zu adoptieren und kreativer umzusetzen als die
chinesische Konkurrenz. Zwar existieren ehrgeizige Zukunftspläne, aber es
fehlt an Tempo bei der Umsetzung und Risikobereitschaft des Managements.
Die z.T. drastischen Kürzungen fast aller Hersteller beim F&E-Personal,
senden ein fatales Signal. Eine reine Kostensenkungsstrategie kann zwar
Zeit kaufen; sie wird aber das Kernproblem der verlorenen
Technologieführerschaft nicht lösen. Wer jetzt nur über Lohnprozente
streitet – auf beiden Seiten –, führt die falsche Debatte.“