Chronischer Arbeitsstress als möglicher Faktor für biologisches Altern
Die von der Universität zu Köln koordinierte europäische
Universitätsallianz European University for Well-Being (EUniWell) hat ein
Modell entwickelt, das mögliche Zusammenhänge zwischen beruflichem Stress
und biologischem Altern beschreibt und Vorschläge macht, wie Arbeitgeber
die Gesundheit ihrer Beschäftigten fördern können. Die Ergebnisse wurden
nun in der Fachzeitschrift „GeroScience“ veröffentlicht.
Chronischer Stress am Arbeitsplatz kann die Gesundheit langfristig
beeinträchtigen. Ob und wie sich anhaltende berufliche Belastungen auch
auf biologische Alterungsprozesse auswirken könnten, steht im Mittelpunkt
einer neuen wissenschaftlichen Arbeit, an der Forschende der Semmelweis
Universität in Budapest und weiterer Mitgliedsinstitutionen der
europäischen Hochschulallianz European University for Wellbeing
(EUniWell), wie der Universität zu Köln, beteiligt sind. Die in der
Fachzeitschrift GeroScience veröffentlichte Arbeit „Work stress and
healthy aging: A conceptual framework for the Semmelweis study and the
Semmelweis-EUniWell workplace health promotion model program“ entwickelte
ein Modell, das mögliche Zusammenhänge zwischen beruflichem Stress und
biologischem Altern beschreibt und daraus Ansätze für die
Gesundheitsförderung am Arbeitsplatz ableitet. Zu den Autor*innen zählen
neben anderen Virág Zábó, Andrea Lehoczki, Péter Varga und Annamária Buda.
Seitens der Universität zu Köln ist Professorin Dr. Beatrix Busse, Chief
Development Officer von EUniWell und Prorektorin für Lehre und Studium der
Universität zu Köln, Mitautorin der Arbeit.
Wie Arbeitsstress mit biologischem Altern zusammenhängen könnte
Biologisches Altern beschreibt Veränderungen im Körper, die nicht allein
vom chronologischen Alter abhängen. Chronischer Stress könnte diese
Prozesse über verschiedene biologische Mechanismen beeinflussen. Dazu
zählen unter anderem eine anhaltende Aktivierung der
Stresshormonregulation, Entzündungsprozesse und oxidativer Stress,
Veränderungen der DNA-Methylierung, eine Beeinträchtigung der
Mitochondrien sowie eine Verkürzung der Telomere.
Dabei betrachten die Forschenden Stress nicht ausschließlich als
individuelles Problem. Auch die Bedingungen, unter denen Menschen
arbeiten, können eine Rolle spielen: geringe Handlungsspielräume, unklare
Rollen, emotionale Belastungen, Konflikte oder fehlende soziale
Unterstützung können chronischen Stress begünstigen. Umgekehrt können gute
soziale Beziehungen, unterstützende Führung und Möglichkeiten zur
Mitgestaltung dazu beitragen, Belastungen abzufedern.
Von der Forschung zur gesundheitsfördernden Arbeitswelt
Eine zentrale Grundlage für die weitere Forschung bildet die sogenannte
Semmelweis Studie an der Semmelweis Universität in Budapest. Sie
untersucht die Gesundheit Universitätsbeschäftigter und erfasst neben
kardiometabolischen Gesundheitsparametern auch die kognitive
Leistungsfähigkeit und biologische Marker des Alterns. Als größte
Langzeitstudie ihrer Art in Mitteleuropa soll sie dazu beitragen,
Zusammenhänge zwischen Arbeitsbedingungen und Gesundheit besser zu
verstehen. Die Basiserhebung begann 2024; über einen Zeitraum von
mindestens zwanzig Jahren sind wiederholte Datenerhebungen im Abstand von
fünf Jahren vorgesehen.
„Universitäten bieten für solche Untersuchungen besondere Voraussetzungen:
Sie sind zugleich Forschungsinstitutionen und große Arbeitgeber mit
Beschäftigten aus unterschiedlichen Berufsgruppen und Arbeitskontexten.
Die Semmelweis-Studie kann deshalb Zusammenhänge zwischen
Arbeitsbedingungen und Gesundheit untersuchen und zugleich Ansatzpunkte
für gesundheitsfördernde Veränderungen am eigenen Arbeitsplatz liefern“,
sagt Dr. Virág Zábó, Psychologin an der Semmelweis-Universität und
Erstautorin der aktuellen Veröffentlichung.
Auf der Grundlage der Semmelweis-Studie haben die Autor*innen das
„Semmelweis-EUniWell Workplace Health Promotion Model“ entwickelt. Es
verbindet Maßnahmen auf organisationaler Ebene mit Angeboten für einzelne
Beschäftigte. Dazu gehören beispielsweise eine gesundheitsfördernde
Gestaltung von Arbeitsplätzen, flexible Arbeitsbedingungen, unterstützende
Führung und partizipative Entscheidungsprozesse. Auf individueller Ebene
werden unter anderem Ansätze aus der kognitiven Verhaltenstherapie,
Achtsamkeit, Schlafoptimierung und körperliche Aktivität berücksichtigt.
Kann die Reduzierung von Stress biologisches Altern beeinflussen?
Die jetzt veröffentlichte Arbeit schafft die konzeptionelle Grundlage für
weitere Untersuchungen. Künftige Studien des Forschungsteams werden
prüfen, ob sich biologische Alterungsprozesse durch Maßnahmen zur
Verringerung von Arbeitsstress beeinflussen lassen. Dafür könnten unter
anderem Messverfahren eingesetzt werden, die das biologische Alter anhand
von Veränderungen der DNA abschätzen. Ergänzend könnten Proteinanalysen
und kontinuierlich erhobene physiologische Daten dazu beitragen, mögliche
Veränderungen biologischer Alterungsprozesse zu erfassen.
