Qualitätsmedien stärken Widerstandsfähigkeit gegen Desinformation
Die Nutzung von Qualitätsjournalismus und die Fähigkeit, manipulative
Argumentationsmuster zu erkennen, stärken die Resilienz gegen
Desinformation. Wer kaum journalistische Nachrichten nutzt und sich
vorwiegend über Social Media informiert, ist hingegen anfälliger für
Verschwörungsaussagen. Das zeigt das Jahrbuch Qualität der Medien 2026 des
Forschungszentrums Öffentlichkeit und Gesellschaft (fög) der Universität
Zürich.
Die Schweizer Öffentlichkeit steht unter doppeltem Druck: Desinformation,
also absichtlich verbreitete irreführende und falsche Informationen, wird
von der Bevölkerung zunehmend als gesellschaftliches Problem wahrgenommen,
während journalistische Medien an Reichweite, Publikumsbindung und
wirtschaftlicher Basis verlieren. Das Jahrbuch Qualität der Medien 2026
untersucht deshalb in einer Vertiefungsstudie, wie widerstandsfähig die
Bevölkerung gegenüber Desinformation ist und welche Rolle verlässliche
Informationsangebote dabei spielen. Grundlage ist eine repräsentative
Onlinebefragung von 1222 Personen in der Deutschschweiz und der Suisse
romande.
Desinformation wird als wachsendes Problem wahrgenommen
57% der Befragten beurteilen Desinformation als eher grosses bis sehr
grosses Problem. Das sind 8 Prozentpunkte mehr als 2021. 52% geben an, im
Alltag oft oder sehr oft auf eindeutige oder mutmassliche Desinformation
zu stossen. Gefragt danach, über welche Kanäle Desinformation besonders
verbreitet wird, nennen die Befragten vor allem Social Media (76%),
Videoportale wie YouTube (60%), Messenger-Apps (44%) und KI-Chatbots
(43%). Journalistische Medien werden deutlich seltener mit Desinformation
verbunden und damit mehr als Teil der Lösung, denn als Teil des Problems
wahrgenommen.
Einzelne desinformative Verschwörungsaussagen finden in der Bevölkerung
beträchtliche Resonanz. So halten 34% die Behauptung für eher oder sehr
plausibel, dass 5G-Mobilfunk nachweislich schwere Gesundheitsschäden
verursache. 37% halten es für eher oder sehr plausibel, dass Regierungen
den Klimawandel als Vorwand nutzen, um die Bevölkerung zu kontrollieren.
«Die Befunde zeigen, dass Desinformation bei einem beträchtlichen Teil der
Bevölkerung auf Resonanz stösst», sagt Professor Mark Eisenegger, Co-
Direktor des fög. «Gleichzeitig zeigt sich aber auch, dass viele Menschen
der Desinformation nicht schutzlos ausgeliefert sind.»
Nachrichtenquelle macht den Unterschied
Entscheidend für die Widerstandsfähigkeit gegen Desinformation ist die
Mediennutzung. Dabei geht es nicht allein darum, wie häufig jemand
Nachrichten nutzt, sondern auch welche Quellen zum persönlichen News-
Repertoire gehören. Anhand einer neuen Messung solcher Repertoiretypen
zeigt die Studie: Wer private Qualitätsmedien mit Angeboten des Service
Public kombiniert oder journalistisch produzierte Nachrichten in Radio und
Fernsehen nutzt, ist weniger anfällig für desinformative
Verschwörungsaussagen.
Umgekehrt zeigt sich das Problem der «News-Deprivation»: Personen, die
praktische keine Nachrichten konsumieren oder sich fast nur über Social
Media wie TikTok und Instagram informieren, sind anfälliger für
desinformative Verschwörungsaussagen. «Nachrichtenkonsum über Social Media
bietet keinen erkennbaren Schutz vor Desinformation, wenn man sich nicht
zusätzlich über journalistische Quellen informiert», sagt Eisenegger.
Schützend wirke zudem die Fähigkeit, typische Tricks von Desinformation
erkennen – etwa Scheinbelege oder starke Vereinfachungen. «Diese
Verifizierungskompetenz sollten wir deshalb stärker fördern.»
Medienqualität stabil, Vielfalt unter Druck
Die regelmässigen Langzeitanalysen im Jahrbuch zeigen eine insgesamt
stabile Medienqualität. Der Gesamtscore liegt 2025 mit 6,4 Punkten ähnlich
hoch wie 2015 mit 6,3 Punkten. Hinter dieser Stabilität stehen aber
gegenläufige Entwicklungen: Die Relevanz der Berichterstattung nimmt
langfristig zu und die Einordnungsleistung verbessert sich leicht, während
die Vielfalt klar sinkt. So konzentriert sich die
Auslandsberichterstattung zunehmend auf wenige Grossmächte und aktuelle
Krisenherde. Hinzu kommt eine hohe und steigende Medienkonzentration.
Wenige Anbieter kontrollieren den Grossteil der Reichweite. Auch
inhaltlich ist die Berichterstattung konzentriert, denn Beiträge
erscheinen immer häufiger gleichzeitig in mehreren Medien.
Verlässliche Informationsangebote sichern
«Eine widerstandsfähige demokratische Öffentlichkeit braucht verlässlichen
Journalismus», hält Eisenegger fest. Die Autor:innen des Jahrbuchs
empfehlen, der «News-Deprivation» stärker entgegenzuwirken,
Qualitätsjournalismus ökonomisch zu sichern und die Nachrichten- und
Medienkompetenz verbindlich in Schule und Ausbildung zu fördern. Private
und öffentliche Medien sollten ihre Kompetenzen im Bereich des Fact-
Checkings über eine gemeinsame technische Infrastruktur bündeln. Zudem
braucht es transparente und überprüfbare Regeln für Plattformen,
Suchmaschinen und KI-gestützte Antwortsysteme, etwa dazu, wie
Informationen ausgewählt und gewichtet werden und wie mit Desinformation
umgegangen wird.
Das Jahrbuch Qualität der Medien 2026 bietet auch zusätzliche Analysen und
Studien, beispielsweise zum Vertrauen in KI-Chatbots im Vergleich zum
Vertrauen in professionelle Nachrichten oder zu den Erwartungen der
Schweizer Bevölkerung, welches Angebot die SRG SSR bereitstellen und auf
welchen Kanälen die SRG SSR präsent sein soll. Alle Inhalte sind auf
www.foeg.uzh.ch erhältlich.
