IT-Sicherheit, BND, Hanning und wir – wieso wir Feinde so spät erkennen
Vorübergehend abgeschaltet wurden Blogs, Onlineshops und Nachrichtenportale weltweit.
Wir verlassen uns täglich darauf, dass unsere IT-Technik sicher funktioniert, obwohl wir
wissen könnten, dass ihre Sicherheit unter anderem auch von der Brillanz möglicher
Hacker abhängt.
Was ist passiert? Diesmal waren es nicht Hacker, sondern Sicherheitsforscher, die unter
anderem mit Hilfe eines KI-Systems von OpenAI zwei Sicherheitslücken in der
Programmiersprache PHP aufspürten.
Anschließend arbeitete ein Konsortium von Experten
daran, diese Sicherheitslücken zu schließen und informierte dann die Öffentlichkeit.
Potenziell betroffen waren große Teile des Internets. Laut Reuters vom 21. Oktober 2026
waren erste Anzeichen einer Schwachstelle bereits 2024 entdeckt worden. Doch konkrete
Angriffsmöglichkeiten waren damals noch nicht bekannt. Technische Schwierigkeiten,
fehlende Ressourcen und langwierige Entscheidungsprozesse verzögerten möglicherweise
die Behebung. Die PHP Foundation spricht selbst von einem strukturellen Versagen. Wie
kann das sein?
Der blinde Fleck könnte in unseren Denkmustern im Hirn liegen. Genauer erläutern möchte
ich das am Fall des BND und seiner möglichen Sicherheitspanne „Hanning“ . Wie kann eine
Organisation wie der BND, deren Kernkompetenz das Erkennen des Verborgenen ist, selbst
etwas Entscheidendes übersehen?
Ein ehemaliger Chef des Bundesnachrichtendienstes als Spion – über Jahre? Nahezu
unvorstellbar.
Rund 2.000 teilweise streng geheime Dokumente sollen über Jahre den BND verlassen
haben. Im Mittelpunkt der Ermittlungen steht ausgerechnet ein Mann, der diese Institution
selbst einmal geführt hat. Noch sind es nur Vorwürfe. Doch wie die Ermittlungen ins Rollen
kamen, ist bemerkenswert. Nicht der BND selbst kam Hanning auf die Spur. Im
Zusammenhang mit dem Fall Christina Block wurden im September 20 25 seine Wohn- und
Geschäftsräume durchsucht. Auf sichergestellten Datenträgern fanden Ermittler geheime
Unterlagen des BND. Ein Zufallsfund.
Dabei soll es schon früher Bedenken wegen Hannings geschäftlicher Aktivitäten gegeben
haben. Ein möglicher Abfluss geheimer Informationen wurde offenbar befürchtet. Ob es
damals kaum Beweise dafür gab, ob die vorhandenen Hinweise nicht ausreichten oder
noch andere Beweggründe eine Rolle spielten, wissen wir heute nicht. Der Fall Hanning
wirft schlicht Fragen nach möglichen Hintergründen, Interessen und größeren Strukturen
auf – und danach, wer was wusste oder gedeckt haben könnte. Doch noch wissen wir nicht,
welche Erklärung sich am Ende als tragfähig erweisen wird.
Deshalb geht dieser Artikel sehr bewusst einen Schritt zurück. Was geschieht mit unserer
Wahrnehmung, wenn wir glauben, die Erklärung bereits zu kennen oder zu erahnen?
Können solche frühen Annahmen verhindern, dass uns neue oder ganz andere Fragen
überhaupt noch in den Kopf kommen?
Es geht nicht darum, warum niemand etwas bemerkt oder unternommen hat. Im
Nachhinein ist Kritik leicht. Interessanter sind die Schritte davor: Der Fall Hanning bietet
einen Anlass, unsere Denkmuster genauer zu betrachten. Was geschieht im Gehirn
zwischen einer Information, die ein Warnsignal sein könnte – hier die Bedenken gegen
Hanning –, und unserer Entscheidung, wie wir damit umgehen?
Sollte Hanning überführt werden, wäre er dann der erste Fall dieser Art? Heinz Felfe
arbeitete beim BND ausgerechnet in der Gegenspionage – und gleichzeitig für den
sowjetischen KGB. 2014 wurde der BND-Mitarbeiter Markus R. enttarnt, der Informationen
an die CIA weitergegeben hatte. 2022 folgte Carsten L., der streng geheime Informationen
an Russland verraten haben soll. Auch hier kam ein entscheidender Hinweis von außen –
von einem ausländischen Partnerdienst.
Wie kann jemand, der zum eigenen System gehört, über längere Zeit selbst Teil der
Bedrohung sein, ohne als Gefahr erkannt zu werden? Welche blinden Flecken gibt es?
Ausgerechnet die CIA hat sich intensiv mit der Frage beschäftigt, warum wir manchmal
nicht sehen, was eigentlich vor uns liegt. Der ehemalige CIA-Analyst Richard J. Heuer Jr.
untersuchte in seinem Buch „Psychology of Intelligence Analysis“, welchen Einfluss unsere
eigenen Denkmuster darauf haben.
Seine Erkenntnis klingt zunächst banal: Wir betrachten eine neue Information nicht jedes
Mal völlig neu. Unser Gehirn greift auf Erfahrungen, Erwartungen und bereits vorhandene
Vorstellungen zurück. Das hilft uns, die enorme Menge an Informationen überhaupt zu
verarbeiten. Aber was passiert, wenn genau diese Erfahrungen uns im Weg stehen? Unsere
Denkmuster sind keine Fehlfunktion. Wir brauchen sie. Ohne sie müssten wir jede Situation
und jeden Menschen immer wieder vollkommen neu beurteilen. Doch was uns
normalerweise schnell handlungsfähig macht, kann uns zugleich den Blick auf Neues
verstellen.
Und genau an dieser Stelle nützt uns Intelligenz nicht zuverlässig: Automatismen im Gehirn
greifen auf Bekanntes zurück. Neues Denken wird nur teilweise ausgelöst. Der Fall Hanning
ist hier nur exemplarisch. Wo also liegt die Grenze zwischen notwendigem Vertrauen und
gesundem Misstrauen? Wie kritisch sind wir mit unseren eigenen blinden Flecken?
Die amerikanische Soziologin Diane Vaughan beschrieb bei der Untersuchung der
Challenger-Katastrophe einen verwandten Mechanismus: Abweichungen, die zunächst
ungewöhnlich erscheinen, können mit der Zeit so etwas wie das neue NORMAL werden. Die
Gefahr verschwindet damit nicht. Aber vielleicht unser Blick dafür. Und plötzlich sind wir
bei einem Problem, das weit über Geheimdienste hinausgeht: Wie prägen Erfahrungen und
bereits entstandene Bilder das, was wir für Wirklichkeit halten – und wen wir als Täter oder
Feind wahrnehmen? Und welche Fragen stellen wir dann noch? Auch das Vertrauen in
technische Sicherheit oder medizinische Überzeugungen kann unseren Blick verzerren und
aus Wahrnehmung vermeintliche Gewissheit werden lassen.
Zwei Ereignisse von historischer Bedeutung könnten anschaulich zeigen, wie sehr unsere
Denkmuster beeinflussten, was wir damals für die Zukunft erwarteten.
Die Titanic galt als nahezu unsinkbar. Sie sank.
Nach den Bildern von Bergamo im März 2020 glaubten viele an ein bevorstehendes
weltweites Massensterben durch Corona. Ich übrigens auch. Diese Bilder haben sich
eingebrannt. Allein im März und April 2020 starben in der Provinz Bergamo
schätzungsweise 6.000 Menschen mehr als nach den Vergleichsdaten zu erwarten
gewesen wäre. Jeder einzelne Tod war real. Doch dieses Sterben war das Resultat eines
komplexen Geschehens mit mehreren sich verstärkenden Bedingungen.
Hier liegt ein grundsätzliches Problem mit unserer Wahrnehmung – weit über diese
Beispiele hinaus:
Welche Frage kommt uns überhaupt noch in den Kopf, wenn wir glauben, die richtige
Antwort längst zu kennen?
Finden wir dann noch unsere vermeintlichen „Feinde“ oder das eigentliche Problem?
© Marita Kühne · 22.10.2026 · Faktencheck: www.marita-kuehne.de
