Wenn Rücken-Wirbel brechen: Leitlinie bringt Klarheit bei Osteoporose- Frakturen
Hunderttausende Menschen erleiden jedes Jahr einen Wirbelbruch durch
Knochenschwäche infolge von Osteoporose. Viele merken es zunächst nicht
einmal. Mit einer neuen Leitlinie zu osteoporotischen Wirbelfrakturen1
gibt die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU)
jetzt erstmals klare Empfehlungen, wie diese häufig übersehenen
Verletzungen besser diagnostiziert und behandelt werden können. „Mit der
neuen Leitlinie wollen wir die Versorgung weiter verbessern, um die
Lebensqualität älterer Menschen zu erhalten. Denn ein stabiler Rücken
bedeutet vor allem eines: Beweglichkeit, Selbstständigkeit und Teilhabe im
Alltag“, sagt DGOU-Präsident Prof. Dr. Frank Hildebrand.
Ein Beitrag in der Zeitschrift „Orthopädie und Unfallchirurgie –
Mitteilungen und Nachrichten“ (OUMN)2 fasst die wichtigsten Erkenntnisse
zusammen. Ein Infokasten gibt Betroffenen zudem Orientierung: Er erklärt,
woran sich ein möglicher Wirbelbruch erkennen lässt und welche
diagnostischen Schritte folgen können. Die Versorgung von Menschen mit
Osteoporose ist auch Thema auf dem Deutschen Kongress für Orthopädie und
Unfallchirurgie (DKOU) vom 20. bis zum 23. Oktober 2026 in Berlin.
Jedes Jahr werden in Europa etwa 400.000 gebrochene Rückenwirbel
festgestellt. Am häufigsten betroffen ist der Übergang zwischen Brust- und
Lendenwirbelsäule, gefolgt vom mittleren und unteren Bereich der
Brustwirbelsäule sowie dem oberen Bereich der Lendenwirbelsäule.
Insbesondere bei älteren Menschen steckt meist eine Osteoporose dahinter:
Das Knochengerüst wird im Alter brüchig, schon bei kleineren Stößen oder
Stürzen kann es zum Knochenbruch kommen. Ein Wirbelbruch bleibt oft lange
unentdeckt: Zwar kann er Schmerzen verursachen, doch viele Betroffene
nehmen diese nur als unspezifische Rückenschmerzen wahr. Nicht selten
fehlt ein auslösendes Ereignis, der Bruch entsteht schleichend. Erst mit
der Zeit können sich Folgen wie eine veränderte Körperhaltung oder ein
Größenverlust zeigen. Die Belastung auf andere Wirbel steigt, das Risiko
für weitere Brüche ist um ein Mehrfaches erhöht. Gleichzeitig geraten
viele Betroffene in eine Abwärtsspirale aus Schmerz, Immobilität und
zunehmendem Knochenabbau. Besonders gefährdet sind ältere Menschen: Bei
über 80-Jährigen ist bereits mehr als jeder Zweite betroffen. „Die Folgen
werden häufig unterschätzt. Unbehandelt drohen chronische Schmerzen,
Bewegungseinschränkungen und weitere Brüche“, sagt DGOU-Leitlinienautor
Prof. Dr. Max J. Scheyerer. Bereits ab einem Alter von 70 Jahren wird eine
Osteoporoseabklärung empfohlen.3
Die neue Leitlinie verfolgt ein klares Ziel: Die richtige Therapie zur
richtigen Zeit. Dafür wurden erstmals praxistaugliche Empfehlungen
ausgesprochen, die Ärztinnen und Ärzten die Entscheidung erleichtern:
• Eine spezielle Klassifikation beschreibt die Art des Wirbelbruchs
genauer.
• Ein Bewertungssystem (Algorithmus) hilft, konservative und
operative Therapie gezielt abzuwägen.
• Klare Empfehlungen geben Orientierung von der Diagnose bis zur
Nachsorge.
„Nicht jeder Wirbelbruch muss operiert werden, aber jeder muss ernst
genommen werden“, sagt Prof. Dr. Uwe Maus, Leiter der DGOU-Sektion
Osteologie. In vielen Fällen reicht eine konservative Behandlung:
Schmerztherapie, Bewegung, Physiotherapie und vor allem eine gezielte
Osteoporose-Therapie, um weitere Brüche zu vermeiden. Entscheidend ist,
dass Patientinnen und Patienten schnell wieder mobil werden. Ist der Bruch
instabil oder halten die Beschwerden an, kann eine Operation sinnvoll
sein. Moderne, meist minimalinvasive Verfahren stabilisieren den
Wirbelkörper und lindern Schmerzen oft deutlich. Wichtig ist dabei eine
individuelle Entscheidung, angepasst an Gesundheitszustand, Aktivität und
Lebenssituation.
Die Leitlinie betont: Rückenschmerzen im höheren Alter sollten immer ernst
genommen werden, besonders nach einem Sturz oder bei bekannter
Osteoporose. Eine frühzeitige Diagnose kann verhindern, dass aus einem
einzelnen Bruch eine dauerhafte Einschränkung wird.
Infothek für Patienten
Woran man einen Wirbelkörperbruch erkennen kann:
• Plötzliche Rückenschmerzen ohne klaren Auslöser
• Schmerzen nach einem Sturz oder sogar bei alltäglichen Bewegungen
• Größenverlust oder Rundrücken
• Eingeschränkte Beweglichkeit
Welche Diagnostik bei Verdacht auf einen Wirbelkörperbruch erfolgt:
• Röntgen im Stehen
• Bei einer Fraktur: weitere Abklärung über CT oder MRT
• Keine Fraktur: Mobilisierung und Schmerzmittel
Welche Diagnostik nach einem Wirbelkörperbruch unbedingt erfolgen sollte:
• Um weitere Knochenbrüche zu verhindern, sollte nach einem
Knochenbruch eine Osteoporose-Diagnostik erfolgen. Dazu steht die
Knochendichtemessung zur Verfügung. Eine Art Röntgen, mit dem der
Mineralgehalt der Knochen – meist an Wirbelsäule und Hüfte – exakt
bestimmt wird, um Osteoporose und das Risiko für Knochenbrüche zu
erkennen.
„Wird eine Osteoporose erkannt, sollte eine medikamentöse Therapie
eingeleitet werden, um den weiteren Knochenabbau zu bremsen. Darüber
hinaus gehören Bewegung, eine kalziumreiche Ernährung und ausreichende
Vitamin-D-Versorgung zur Basistherapie“, sagt Prof. Dr. Wolfgang Böcker,
stellvertretender Leiter der DGOU-Sektion Osteologie.
Die S2k-Leitlinie „Diagnostik und Therapie osteoporotischer
thorakolumbaler Wirbelfrakturen“ entstand unter der Federführung der DGOU
und der Deutschen Wirbelsäulengesellschaft e.V. (DWG) gemeinsam mit 17
weiteren Organisationen.
Referenzen:
1) Leitlinie „Diagnostik und Therapie osteoporotischer thorakolumbaler
Wirbelfrakturen“ Entwicklungsstufe: S2k I Stand: 15.04.2025 I Gültig bis:
14.04.2030 AWMF-Registernummer: 187 - 063
register.awmf.org/de/leitlinie
2) Herausgabe des Beitrages „OF-System bei osteoporotischen
Wirbelkörperfrakturen S2k-Leitlinie unter Federführung der DGOU“,
Zeitschrift „Orthopädie und Unfallchirurgie – Mitteilungen und
Nachrichten“ (OUMN), Nr. 3 2026, auf Anfrage an
3) S3-Leitlinie Prophylaxe, Diagnostik und Therapie der Osteoporose
Veranstaltungshinweis:
Deutscher Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie vom 20. bis zum 23.
Oktober 2026
Abstracts | Osteoporose und Osteologie (Session ID AB95)
Raum: London 2 Messe Süd, Berlin Donnerstag, 20. Okt., 09:00 – 10:00 Uhr
https://pag.virtual-meeting.or
DE/pag/session/118760
