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Künstliche Regenwurmgänge sorgen für höhere Getreideernte

Eine Reihe mit künstlichen Regenwurmgängen in einer Versuchsparzelle.  Copyright: Thünen-Institut/Elron Wiedermann
Eine Reihe mit künstlichen Regenwurmgängen in einer Versuchsparzelle. Copyright: Thünen-Institut/Elron Wiedermann
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Wo der Regenwurm fehlt, hilft neuerdings die Technik nach: Am Thünen-
Institut für Agrarklimaschutz zeigen Versuche, dass sich künstlich
gestochene, vertikale Gänge nach dem Vorbild von Regenwurmgängen nicht nur
positiv auf die Durchwurzelung und die Bodengesundheit auswirken. Auch die
Erntemenge hat sich deutlich erhöht.

Braunschweig (29. September 2026). Bis zu 15 Prozent höhere Erträge auf
Getreidefeldern – das ist das Ergebnis zweier Feldversuche mit künstlich
gestochenen Regenwurmgängen. Der Grund: „Die Gänge sind eine Art
Überlebensversicherung für Pflanzen in Dürreperioden“, sagt Axel Don vom
Thünen-Institut für Agrarklimaschutz. Dort haben Wissenschaftler*innen
unter Leitung des Bodenexperten die weltweit erste Feldstudie zu den
künstlichen Regenwurmgängen durchgeführt, die jetzt in der Fachzeitschrift
Plant and Soil erschienen ist. In zwei Feldversuchen haben sie zu den rund
60 vorhandenen natürlichen Regenwurmgängen pro Quadratmeter weitere 100
künstliche Gänge mit Hilfe von Metallstangen 80 Zentimeter tief in den
Boden gestochen. Schon vier Monate später waren 86 Prozent der künstlichen
Regenwurmgänge von Wurzeln durchzogen. „Die Wurzeln nutzen diese Gänge wie
Autobahnen, um tiefere Bodenhorizonte zu erreichen. Dort kommen sie an
zusätzliche Wasser- und Nährstoffressourcen“, erklärt Projektleiter Don.
Während seiner Forschungsarbeiten hat er beobachtet, wie sich Wurzeln in
natürlichen Regenwurmgängen einen Weg in die Tiefe bahnen. Das brachte ihn
auf die Idee, insbesondere dort künstlich nachzuhelfen, wo der Boden stark
verdichtet ist. An erster Stelle sollte aber die Förderung der Regenwürmer
und der vorsorgende Bodenschutz stehen, um Schadverdichtungen im Boden zu
vermeiden. Wo dies nicht ausreicht oder Böden regeneriert werden müssen,
können die künstlichen Regenwurmgänge nachhelfen.

Denn je verdichteter der Boden ist, desto wichtiger werden die natürlichen
oder künstlichen Gänge. Nur rund 30 Prozent der Wurzeln heutiger
Kulturpflanzen erreichen überhaupt den Unterboden. Dieser beginnt ungefähr
in 30 Zentimetern Tiefe. Zudem sind bei ungefähr der Hälfte der deutschen
Ackerböden Teile des Unterbodens so verdichtet, dass sie das
Wurzelwachstum behindern. Die künstlich in den Boden gestochenen
Regenwurmgänge bahnen den Wurzeln einen Weg durch die verdichteten Zonen.
Und: Insbesondere in lehmigen Böden bleiben diese Gänge lange stabil.

Zwei Feldversuche zeigen: Künstliche Gänge wirken positiv auf Getreide
Im Rahmen des europäischen EJP Soil Programms haben die
Bodenwissenschaftler*innen des Thünen-Instituts zwei Jahre lang
untersucht, wie sich zusätzliche, künstliche Regenwurmgänge auf die
Durchwurzelung und die Erträge von Getreide auswirken. Auf einem
Ackerschlag in Südniedersachsen und einem weiteren in Mecklenburg wurden
dafür Versuchsparzellen angelegt. Elron Widermann, wissenschaftlicher
Mitarbeiter am Thünen-Institut, berichtet: „Wir waren erstaunt, dass sich
Regenwürmer innerhalb kürzester Zeit auch in den künstlichen Gängen
angesiedelt haben. Wir haben tiefgrabende Regenwürmer in elf Prozent der
künstlichen Gänge gefunden. In den natürlichen waren es neun Prozent.“
Auch die Wurzeln scheinen die künstlichen Gänge zu bevorzugen. In 86
Prozent von ihnen fanden sich Wurzeln, während nur 72 Prozent der
natürlichen Gänge besiedelt waren.

Die künstlichen Gänge führten in der Folge zu einem weiteren positiven
Ergebnis: Auf den Versuchsparzellen mit den zusätzlichen Gängen stellten
die Wissenschaftler*innen signifikant erhöhte Getreideerträge fest. Am
Standort Südniedersachsen nahm der mittlere Ertrag um drei Prozent zu, in
Mecklenburg waren es sogar zwölf Prozent. „Das Ergebnis war überraschend,
denn die Untersuchungsjahre 2024 und 2025 waren vergleichsweise feucht“,
berichtet Axel Don. Da die größten Effekte mit 15 Prozent Mehrertrag im
trockeneren Jahr am Standort Mecklenburg gemessen wurden, gehen die
Wissenschaftler*innen davon aus, dass die positiven Effekte der
künstlichen Gänge in trockenen Jahren stärker ausfallen als in normalen.
Am Standort Mecklenburg war zudem der Unterboden stärker verdichtet als in
Südniedersachsen. „Es profitieren also besonders die Böden, die im
Unterboden schwer durchwurzelbar sind“, sagt Don. Die Studie zeige, wie
wichtig es ist, den Unterboden im Ackerbau mitzudenken und ihn für Wurzeln
erreichbar zu machen. „Mit mehr Wurzeln im Unterboden könnten nicht nur
Erträge in Dürresommern stabilisiert werden, sondern auch der gesamte
Unterboden gelockert und in einen ökologisch funktionsfähigeren,
gesünderen Zustand versetzt werden“, ist Don überzeugt. Böden mit
zusätzlichen Regenwurmgängen zu versehen, ist damit auch eine direkte
Anpassungsmaßnahme der Landwirtschaft an die Folgen des Klimawandels.

In weiteren Versuchen müssen nun die Effekte der künstlichen Gänge bei
Trockenheit und auf verschiedenen Böden überprüft werden. Zudem wollen die
Forschenden im neuen Projekt „Techworm“, das im November startet,
herausfinden, wie viele künstliche Regenwurmgänge ein Boden braucht, um
optimale Bedingungen für das Pflanzenwachstum zu bieten, und wie tief die
Gänge sein müssen. Untersucht werden auch die Effekte der tiefen Wurzeln
auf die Humusvorräte im Boden und die Wirkungsmechanismen, die zu den
erhöhten Erträgen durch künstliche Regenwurmgänge führen. Das Projekt wird
gefördert vom Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat.