Historischer Fischereikollaps als Lehrstück für die Gegenwart

Eine neue Studie – erschien in der Fachzeitschrift Nature Sustainability
unter Leitung der Christian-Albrechts-Universitä
Deutschen Zentrums für integrative Biodiversitätsforschung (iDiv) – zeigt,
dass sich der Zusammenbruch der Fischerei im Öresund im 16. Jahrhundert
nicht durch einen einfachen Bestandskollaps erklären lässt. Erst das
Zusammenwirken multipler Faktoren aus Klimawandel, Übernutzung und
gesellschaftlichen Veränderungen führte zum plötzlichen Ende der einst
auskömmlichen Heringsfischerei in der Ostsee. Die Ergebnisse lassen sich
auf die heutige Firschereipolitk übertragen.
Vom 13. bis ins 16. Jahrhundert war der Hering aus dem Öresund, der
Meerenge in der Ostsee zwischen Dänemark und Schweden, eine der
wichtigsten Handelswaren Nordeuropas. Gesalzener Hering aus der
sogenannten Skanör-Falsterbo-Fischerei ernährte weite Teile Europas. Um
das Jahr 1570 brach diese Fischerei jedoch binnen kurzer Zeit zusammen –
mit weitreichenden Folgen für Handel, Politik und Gesellschaft. Es dauerte
fast 400 Jahre bis in den 1950er-Jahren erneut vergleichbare Fangmengen
erreicht werden konnten. Ein internationales Team aus Fischereiökonomen,
Ökologen und Historikern unter Leitung der Christian-Albrechts-Universitä
zu Kiel (CAU) und des Deutschen Zentrums für integrative
Biodiversitätsforschung (iDiv) ist nun der Frage nachgegangen, warum diese
über Jahrhunderte stabile Fischerei so plötzlich kollabierte. Die
Ergebnisse belegen, dass der Zusammenbruch der Fischerei sich nicht durch
einen einfachen Bestandskollaps erklären lässt. Der Heringsbestand selbst
schrumpfte im 16. Jahrhundert zwar deutlich, brach aber nicht vollständig
zusammen. Erst das Zusammenwirken mehrerer Faktoren aus Umweltveränderung,
Überfischung und gesellschaftlichen Veränderungen führte zum plötzlichen
Ende der auskömmlichen Fischerei. Die neue Studie ist heute (28.
September) in der Fachzeitschrift Nature Sustainability erschienen.
„Erst wenn man Klima, Ökologie und die sozio-ökonomischen Bedingungen
gemeinsam betrachtet, ergibt sich ein stimmiges Bild dieses historischen
Zusammenbruchs. Keiner der Faktoren allein hätte die Fischerei zu Fall
gebracht. Es ist ihr Zusammenspiel, das die Dynamik erklärt,“ sagt
Erstautor Dr. Rudi Voss, Fischereiökonom bei iDiv und am Center for Ocean
and Society (CeOS) des CAU-Forschungsschwerpunktes Kiel Marine Science
(KMS).
Eine außergewöhnliche Zeitserie: 450 Jahre Fischereigeschichte
Die Studie basiert auf der einzigartigen Datengrundlage einer 450 Jahre
umfassende Zeitserie der Heringsfänge im Öresund von 1200 bis 1650. Sie
wurde aus fragmentarischen historischen Quellen rekonstruiert, darunter
Zollbücher, königliche Vorkaufsrechte ("kongekøb") und weitere
Archivbestände, die Handelsmengen für einzelne Jahre und Orte
dokumentieren. Die Datenlücken wurden mithilfe ökonomischer und
ökologischer Indikatoren wie der Verfügbarkeit von Salz, dem wichtigsten
Produktionsfaktor der damaligen Heringsindustrie und rekonstruierten
Klimadaten geschlossen. Damit steht den Forschenden ein Fischereidatensatz
zur Verfügung, der weit über die üblichen, meist wenige Jahrzehnte
umfassenden modernen Bestandszeitreihen hinausreicht. Er ermöglichte es
ihnen, Dynamiken in Bezug auf Klimaveränderungen, wirtschaftliche Krisen
und Übernutzung über Jahrzehnte und Jahrhunderte zu untersuchen und zu
ermitteln, wie diese sich gegenseitig verstärken.
Zusammenspiel statt Einzelursache
Um die Dynamik der Fischerei zu rekonstruieren, kombinierte das Team zwei
methodische Ansätze: eine neu entwickelte bio-ökonomische
Bestandsabschätzung (BESA), die aus historischen Fang- und Preisdaten
sowohl nachhaltige Fangmengen als auch den Zustand des Heringsbestands
über die Zeit schätzt sowie eine sogenannte Loop-Analyse – ein Verfahren
aus der Ökologie, mit dem sich komplexe Wechselwirkungen zwischen
ökologischen, ökonomischen und sozialen Faktoren in einem gemeinsamen
Modell abbilden lassen, ohne dass alle Größen exakt quantifiziert werden
müssen. Im Details zeigt sich: Die Überfischung hatte den Bestand bereits
geschwächt und die Fangkosten erhöht. Gleichzeitig setzte mit der "Kleinen
Eiszeit" eine Abkühlungsphase im Ostseeraum ein, die sich auf die
Produktivität des Bestands auswirkte und diesen zusätzlich schmälerte.
Parallel dazu verschlechterten sich die gesellschaftlichen und
wirtschaftlichen Rahmenbedingungen. Wanderdünen zerstörten die
Infrastruktur der Fangplätze, ein neu eingeführter Schollenzwang entzog
der Fischerei Arbeitskräfte, und preiswerter Hering aus der aufstrebenden
Nordsee-Fischerei verdrängte die Ostsee-Ware vom Markt.
Eine Lektion für das Fischereimanagement von heute
Die interdisziplinäre Herangehensweise – die enge Verzahnung von
Fischereiökonomie, Klimaforschung, Ökologie und Wirtschaftsgeschichte –
liefert nach Ansicht der Autorinnen und Autoren nicht nur neue historische
Erkenntnisse. Diese lassen sich auch unmittelbar auf die Fischereipolitik
der Gegenwart übertragen. Wer den Zustand einer Fischerei allein anhand
biologischer Bestandsdaten bewerten möchte, übersieht möglicherweise
entscheidende Risikofaktoren. Der Hering in der westlichen Ostsee befindet
sich derzeit außerhalb sicherer biologischer Grenzen und am Rande des
Kollapses. Für ihn gilt bereits eine Null-Fang-Empfehlung. Auch hier
greifen für die Fischerei vergleichbare Faktoren ineinander: Überfischung,
ungünstige Umweltbedingungen und ökonomische Zwänge. Heute steht zwar ein
anderer biologischer Bestand im Fokus, doch gemeinsam ist beiden, dass
neben der Fischerei auch die Umweltbedingungen eine Erholung des
Heringsbestandes erschweren. Statt einer Abkühlung während der ‚Kleinen
Eiszeit‘ stellt heute die Erwärmung der Ostsee durch den Klimawandel eine
zusätzliche Belastung dar.
Die Studie unterstützt damit den Ansatz eines ökosystembasierten
Fischereimanagements (Ecosystem-Based Fisheries Management), das
ökologische und sozio-ökonomische Faktoren gemeinsam berücksichtigt – etwa
Infrastruktur, wirtschaftliche Diversifizierung und die soziale Situation
der Fischereigemeinden. „Der Blick in die Geschichte zeigt deutlich,
nachhaltige Fischerei gelingt nur, wenn wir soziale und wirtschaftliche
Rahmenbedingungen genauso ernst nehmen wie den Zustand des Bestands
selbst. Das ist die Lehre aus 450 Jahren Heringsfischerei im Öresund – und
sie ist heute genauso aktuell wie damals“, resümiert Fischereibiologe Rudi
Voss.
