„Frisst Tech die Brillenbranche?“
Technologieforscher Rauschnabel von der Universität der Bundeswehr München
kommentiert die auf der Meta Connect 2026 präsentierten Neuheiten. Das
größte Potential haben seiner Meinung nach die zukünftigen AR-Brillen.
Mit der Smartwatch haben Technologieunternehmen die Uhrenbranche
grundlegend verändert. Nun könnte die Brillenbranche vor einer ähnlichen
Entwicklung stehen, sagt Prof. Dr. Philipp A. Rauschnabel von der
Universität der Bundeswehr München, der seit mehr als zehn Jahren zu
Augmented Reality und Smart Glasses forscht. Im Mittelpunkt der Produkt-
und Entwicklerkonferenz Meta Connect des Facebook-Mutterkonzerns Meta, die
am 23. und 24. September 2026 in Kalifornien stattfand, standen in diesem
Jahr neue KI-Brillen.
Experte sieht ähnliche Entwicklung wie bei den Smartwatches
„Bei Smartwatches waren es nicht primär die traditionellen
Uhrenhersteller, die immer mehr Technologie integriert haben. Unternehmen
wie Apple sind den umgekehrten Weg gegangen und haben die Uhr in ihr
Technologie-Ökosystem integriert. Bei Brillen sehen wir gerade eine
ähnliche Bewegung“, sagt Rauschnabel. Meta habe mit der Zusammenarbeit und
Beteiligung an EssilorLuxottica früh Kompetenzen aus der klassischen
Brillenindustrie eingebunden. Google und Samsung verfolgen mit Partnern
aus der Branche inzwischen ähnliche Ansätze, Apple wird wohl im Alleingang
folgen und aus den Erfahrungen der Kooperationen lernen.
Die Meta Connect 2026 zeigt, wie breit Meta inzwischen denkt. Das
Unternehmen präsentierte kamerafreie Audio-Brillen, klassische KI-Brillen
mit Kamera und Display-Brillen. Dahinter stehen aus Rauschnabels Sicht
drei Stoßrichtungen: Meta besetzt möglichst viele Segmente der
Brillenbranche, senkt mit weniger invasiven Geräten die Einstiegshürden
und versucht zugleich, den derzeit sehr aktuellen Engpass öffentlicher
Diskussionen zu adressieren.
Dazu passen kamerafreie Modelle, manipulationsgeschützte
Aufnahmeindikatoren und stärker geschützte Datenverarbeitung. Auch der
neue Muse Charm, ein kleines Gerät für Metas persönlichen KI-Agenten, ist
für Rauschnabel eine Übergangstechnologie: „Der Muse Charm bringt KI aus
dem Smartphone heraus und näher an den Menschen, ohne sie gleich ins
Gesicht zu verlagern. Er erinnert ein wenig an die Taschenuhr: näher am
Körper, aber vermutlich noch nicht am endgültigen Platz.“
Das größere Potenzial sieht er bei zukünftigen AR-Brillen. Sie könnten
sehen und hören, was Nutzer wahrnehmen, den Kontext verstehen und
Informationen direkt in der Situation anzeigen. „Mittelfristig kann
Augmented Reality zum Interface zwischen Mensch, KI und physischer Welt
werden.“
Risiken und Chancen für den Brillenhandel
Für den Brillenhandel sieht Rauschnabel deshalb neben Risiken v.a. auch
Chancen. Beratung werde anspruchsvoller und könne wertvoller werden: Neben
Gläsern, Fassungen und Passform kommen künftig Einrichtung, KI-Funktionen,
Datenschutz und Support hinzu. Optikergeschäfte werden ein Stück weit auch
zu Computergeschäften. Wer die Technik versteht, kann daraus neue
Beratungskompetenz entwickeln. "Wer sich dem verweigert, wird gnadenlos
vom Versandhandel gefressen", so Rauschnabel.
__
Prof. Dr. Philipp A. Rauschnabel ist Professor an der Fakultät für
Betriebswirtschaft der Universität der Bundeswehr München und forscht seit
mehr als zehn Jahren zu Augmented Reality, Smart Glasses und verwandten
Technologien an der Schnittstelle zwischen Technologiemanagement,
Behavioral Science und Regulierung. Er zählt international zu den
führenden Wissenschaftlern auf diesem Gebiet und wurde unter anderem als
Highly Cited Researcher ausgezeichnet. Als Speaker und Experte ordnet er
technologische Entwicklungen regelmäßig für Wirtschaft, Politik und Medien
ein.
___
