Gemeinschaftsdiagnose Herbst 2026: Aufschwung mit Strukturproblemen – Finanzpolitik auf Abwegen
Die deutsche Wirtschaft ist seit Ende 2025 im Aufschwung. Die Erholung
fällt stärker aus als noch im Frühjahr erwartet, bleibt aber schwach. Die
führenden Wirtschaftsforschungsinstitute erwarten für das laufende Jahr
ein BIP-Plus von 1,3% und für die beiden folgenden Jahre von 1,1% bzw.
0,4%. Gegenüber dem Frühjahr wurde die Prognose für 2026 um 0,7 und für
2027 um 0,2 Prozentpunkte angehoben. „Die Wirtschaft hat sich robuster
entwickelt als erwartet. Der Aufschwung steht jedoch auf einem schmalen
Fundament, denn hohe Energiepreise und Strukturprobleme belasten“, sagt
Oliver Holtemöller, Konjunkturchef des Leibniz-Instituts für
Wirtschaftsforschung Halle (IWH).
Im laufenden Quartal bremst zudem Niedrigwasser die Aktivität
vorübergehend. Das staatliche Defizit nimmt weiter zu, sodass sich ein
wachsender Konsolidierungsbedarf aufstaut.
Die deutsche Wirtschaft hat sich im ersten Halbjahr 2026 deutlich
kräftiger entwickelt als noch im Frühjahr erwartet. Vor allem die Exporte
und die Wertschöpfung im Verarbeitenden Gewerbe legten überraschend stark
zu. Impulse kamen von der robusten Weltkonjunktur und dem weltweiten KI-
Boom; zugleich waren Wettbewerber aus der Golfregion infolge des Iran-
Kriegs erheblichen Produktionsbeeinträchtigungen ausgesetzt. Auch der
Staatsverbrauch nahm kräftig zu. Die Unternehmensinvestitionen und der
private Konsum blieben dagegen schwach. Der mit dem Iran-Krieg verbundene
Energiepreisschock hat die deutsche Wirtschaft zwar gebremst, die höheren
Preise für Kraftstoffe und Heizöl sind bislang aber kaum auf die übrigen
Verbraucherpreise übergesprungen.
Im dritten Quartal hat sich die Erholung vorübergehend verlangsamt. Die
Stimmungsindikatoren haben sich zwar weiter aufgehellt, am aktuellen Rand
fallen die harten Konjunkturdaten jedoch schwächer aus. Insbesondere das
seit Mitte Juli anhaltende Niedrigwasser behindert die Produktion in der
Chemischen Industrie. Zugleich belasten die höheren Energiepreise die
Kaufkraft und damit den privaten Konsum. Das Bruttoinlandsprodukt dürfte
im dritten Quartal lediglich um 0,1% gegenüber dem Vorquartal gestiegen
sein. Mit einer Normalisierung der Pegelstände sollten die
Produktionshemmnisse ab dem vierten Quartal nachlassen. Die robuste
Nachfrage aus dem Ausland sowie steigende öffentliche Ausgaben für
Verteidigung und Infrastruktur stützen dann die weitere Erholung.
Für das Jahr 2027 erwarten die Institute eine Fortsetzung des Aufschwungs.
Dieser wird vor allem von der inländischen Verwendung getragen. Der
private Konsum dürfte mit den real verfügbaren Einkommen moderat zulegen,
und die Wohnungsbauinvestitionen dürften allmählich anziehen. Die private
Investitionstätigkeit bleibt insgesamt jedoch wohl schwach. Im Jahr 2028
verliert die Expansion an Tempo. Dabei zeigt sich zunehmend eine
strukturelle Grenze des Aufschwungs: Das Erwerbspersonenpotenzial
schrumpft demographiebedingt, und das Potenzialwachstum geht weiter
zurück. Bereits geringe Zuwachsraten reichen daher künftig aus, um die
gesamtwirtschaftlichen Kapazitäten auszulasten.
Alles in allem rechnen die Institute mit einem Anstieg des
preisbereinigten Bruttoinlandsprodukts um 1,3% im Jahr 2026, 1,1% im Jahr
2027 und 0,4% im Jahr 2028. Gegenüber dem Frühjahr wird die Prognose für
2026 um 0,7 Prozentpunkte und für 2027 um 0,2 Prozentpunkte angehoben.
Die Inflation dürfte von 2,8% in diesem Jahr zunächst auf 3,2% im Jahr
2027 steigen und 2028 auf 2,0% zurückgehen. Am Arbeitsmarkt kommt die
Erholung verzögert an: Die Erwerbstätigkeit sinkt zunächst weiter, während
die Arbeitslosenquote von 6,4% im Jahr 2026 auf 6,2% im kommenden und 5,8%
im Jahr 2028 zurückgeht.
Die Institute sehen zunehmenden Handlungsbedarf in der Finanzpolitik. Das
staatliche Finanzierungsdefizit steigt von 4,1% in Relation zum
Bruttoinlandsprodukt im laufenden Jahr auf 4,7% im Jahr 2028. Der Zuwachs
der Nettoprimärausgaben dürfte den im europäischen Regelwerk vorgesehenen
Pfad deutlich überschreiten. Auch bei Einhaltung der reformierten
nationalen Schuldenbremse wird die Schuldenquote mittelfristig weiter
steigen; zudem nehmen die Zinsausgaben erheblich zu. Damit wächst der
Konsolidierungsbedarf.
Langfassung des Gutachtens
Projektgruppe Gemeinschaftsdiagnose: Aufschwung mit Strukturproblemen –
Finanzpolitik auf Abwegen. Herbst, Halle (Saale) 2026. Abrufbar unter
www.gemeinschaftsdiagnose.de/c
Über die Gemeinschaftsdiagnose
Die Gemeinschaftsdiagnose wird zweimal im Jahr im Auftrag des
Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie erstellt. Am Herbstgutachten
2026 haben mitgewirkt:
Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin)
ifo Institut – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung an der
Universität München e.V. in Kooperation mit dem Österreichischen Institut
für Wirtschaftsforschung (WIFO)
Kiel Institut für Weltwirtschaft
Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH)
RWI – Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung in Kooperation mit dem
Institut für Höhere Studien (IHS) Wien
Kiel Institut für Weltwirtschaft
Standort Kiel
Kiellinie 66
24105 Kiel
Standort Berlin
Chausseestraße 111
10115 Berlin
