Zum Hauptinhalt springen

Universitäts- und Stadtbibliothek Köln sucht nach NS-Raubgut in eigenen Beständen

Pin It

Ein Forschungsteam spürt Bücher auf, die während des Nationalsozialismus
unrechtmäßig entzogen wurden, und erforscht dahinterliegende Geschichten /
Deutsches Zentrum Kulturgutverluste und das Ministerium für Kultur und
Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen fördern das Projekt

Mit dem Projekt „Ermittlung von NS-Raubgut in der Universitäts- und
Stadtbibliothek Köln“ untersucht ein Forschungsteam einen Teil des eigenen
historischen Bestands auf Bücher, die infolge der nationalsozialistischen
Verfolgung unrechtmäßig in den Besitz der Bibliothek gelangten. Das
Deutsche Zentrum Kulturgutverluste und das Ministerium für Kultur und
Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen fördern das Projekt zunächst
bis 2028. Das Projektteam strebt eine Anschlussfinanzierung an, um den
umfassenden Bestand vollständig auf NS-verfolgungsbedingt entzogene Bücher
überprüfen zu können. Obwohl die Universitäts- und Stadtbibliothek Köln
USB schon seit mehr als zwanzig Jahren Provenienzforschung betreibt,
erlaubt diese Förderung nun erstmals eine umfassende, systematische
Untersuchung.

Viele Bücher des historischen Bestands der USB gehörten ursprünglich einer
Vielzahl von Institutionen oder Privatpersonen. Während der NS-Zeit
gelangten Bücher auf unterschiedlichen Wegen in den Besitz der USB:
Beispielsweise durch Enteignungen oder als beschlagnahmtes Bibliotheksgut
etwa von aufgelösten Vereinen, Gewerkschaften oder anderen Organisationen.
Oftmals waren Personen auch gezwungen, ihre Privatbibliotheken zu
verkaufen, um überleben oder in die Emigration gehen zu können.

Das Ziel des Projekts besteht zunächst in der systematischen Prüfung eines
Teilbestands der Historischen Stadtbibliothek Köln auf Verdachtsfälle von
NS-Raubgut. In einem zweiten Schritt versuchen die Projektmitarbeitenden,
die Herkunft und wechselnden Besitzverhältnisse sowie die Schicksale der
Vorbesitzerinnen und Vorbesitzer aufzuklären. Im Fall von NS-Raubgut
ermitteln sie zudem mögliche Erben, um mit ihnen zu gerechten und fairen
Lösungen zu gelangen. Die Erwerbungs- und Besitzgeschichte sowie die
Provenienzmerkmale werden dokumentiert und, sofern rechtlich möglich, auf
Plattformen wie dem Kölner Provenienzportal oder der Datenbank „Proveana“
veröffentlicht.

„Die Universität zu Köln fühlt sich den Washingtoner Prinzipien
verpflichtet. Mit der systematischen Suche in den Beständen der
Universitäts- und Stadtbibliothek nach Raubgut aus der Zeit des
Nationalsozialismus und der Erforschung der Provenienzen leistet die
Bibliothek einen Beitrag zur Aufarbeitung historischen Unrechts. Ich danke
dem Projektteam für diese wichtige Arbeit. Mein Dank gilt zudem dem
Deutschen Zentrum Kulturgutverluste und dem Ministerium für Kultur und
Wissenschaft des Landes Nordrhein-Westfalen für die Förderung“, sagt
Professor Dr. Joybrato Mukherjee, Rektor der Universität zu Köln.

Die USB verfügt über etwa 400.000 Bücher, die vor 1945 erschienen sind.
„Kriegsbedingt haben sich aber kaum Inventarbücher erhalten. Wir müssen
Buch für Buch aus dem Regal ziehen und durchsehen“, sagt Dr. Christiane
Hoffrath, Dezernentin der USB für die historischen Bestände und
Sammlungen.

Schon seit 2005 widmet sich die Universitäts- und Stadtbibliothek Köln dem
Thema proaktiv und zählt damit bundesweit zu den Vorreiterinnen bei der
Provenienzforschung in Bibliotheken. Auch dank der Arbeit von
Ehrenamtlichen konnten die Mitarbeitenden der USB bereits zehntausende
Bücher untersuchen. Dabei stießen sie etwa auf die Geschichte der Wiener
Schwestern Elise und Helene Richter, die ihre umfangreiche
Privatbibliothek auflösen mussten, um die fälligen „Judenvermögensabgaben“
bezahlen zu können. Ein großer Teil der Werke gelangte nach Köln. Die
Mitarbeitenden konnten den Weg der Bücher nachzeichnen und die Richter-
Bibliothek im Jahr 2014 an drei Erbinnen und Erben restituieren.

Das aktuelle Projekt knüpft an diese Erfahrungen an. Das Team geht fest
davon aus, durch die erstmalige systematische Erforschung der Provenienzen
weiterer Bücher auf individuelle Schicksale zu stoßen, die zu vertieften
historischen Erkenntnissen führen und weitere Restitutionen ermöglichen
werden. „Der Grundgedanke unserer Arbeit ist: Diese Bücher sind nicht
unser Besitz. Wir suchen für sie eine faire und gerechte Lösung“, sagt Dr.
Tobias Jansen, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Projekts.

Die USB Köln ist die zentrale Universitätsbibliothek der Universität zu
Köln und mit einem Bestand von rund 4,4 Millionen Titeln die größte
wissenschaftliche Bibliothek Nordrhein-Westfalens. Sie wurde 1920
gegründet und geht zurück auf mehrere Vorgängerinstitutionen, darunter die
Historische Stadtbibliothek Köln.