Zum Weltherztag am 29. September 2026: Herzfrequenzdaten können Einblicke in Long-COVID-Verläufe geben
Was passiert im Körper, wenn eine
COVID-19-Infektion längst überstanden scheint, Beschwerden aber bleiben?
Eine mögliche Antwort könnten Daten liefern, die viele Menschen täglich
ganz selbstverständlich erfassen: ihre Herzfrequenz. Forschungsprojekte
wie Synergy of Wearable Data Systems for Post COVID (SynoSys.PC) aus
Dresden untersuchen, ob Daten aus Smartwatches und anderen Wearables dabei
helfen können, Veränderungen im körperlichen Zustand über längere
Zeiträume sichtbar zu machen und Long COVID besser zu verstehen.
Die Herzfrequenz ist mehr als eine einzelne Zahl. Sie verändert sich
abhängig von körperlicher Belastung, Ruhe, Schlaf, Stress und
Erkrankungen. Sie ist eine physiologische Messgröße, die Veränderungen des
körperlichen Zustands unmittelbar abbilden kann. Werden diese Daten
kontinuierlich im Alltag erfasst, können Muster sichtbar werden, die bei
einer punktuellen Untersuchung verborgen bleiben. In den Herzfrequenzdaten
können sich auch Veränderungen zeigen, die mit Erkrankungen wie etwa Long
COVID zusammenhängen können.
„Die Herzfrequenz ist ein sehr dynamisches Signal. Sie reagiert auf
Veränderungen des körperlichen Zustands und lässt sich mit Wearables über
lange Zeiträume im Alltag beobachten“, sagt Prof. Dr. Dirk Brockmann,
Leiter des Forschungsprojekts SynoSys.PC und Direktor des Center Synergy
of Systems an der Technischen Universität Dresden. „Genau diese zeitliche
Dimension ist für die Erforschung von Long COVID besonders interessant.“
Daten aus der Corona-Datenspende-App
Schon bei einer akuten COVID-19-Erkrankung können deutliche Veränderungen
der Herzfrequenz beobachtet werden. So war bei manchen Menschen die
Herzfrequenz zunächst erhöht und fiel anschließend deutlich ab. Bei
Menschen mit Long COVID zeigen sich teilweise ähnliche Veränderungen, die
jedoch stärker ausgeprägt und über einen längeren Zeitraum anhalten
können.
Eine Studie unter Mitwirkung von Prof. Dr. Dirk Brockmann konnte bereits
zeigen, dass Menschen, die nach einer Corona-Infektion über langanhaltende
Müdigkeit oder Kurzatmigkeit berichteten, sich bereits in den drei Wochen
vor der Infektion weniger bewegten und im Durchschnitt einen um 2,37
Schläge pro Minute höheren Ruhepuls hatten als Menschen ohne diese länger
anhaltenden Beschwerden. Der Befund macht deutlich, welches Potenzial
kontinuierlich erfasste physiologische Daten für die Erforschung von
Krankheitsverläufen haben.
Hier setzt das Projekt SynoSys.PC an: Es analysiert hochaufgelöste
Herzfrequenzdaten und weitere Wearable-Daten aus der Corona-Datenspende-
App und verknüpft sie mit regelmäßigen Befragungen. So können
physiologische Veränderungen mit dem subjektiv berichteten
Gesundheitszustand in Beziehung gesetzt werden.
Die Corona-Datenspende-App wurde unter der Leitung von Prof. Dr. Dirk
Brockmann während seiner Zeit am Robert Koch-Institut (RKI) entwickelt. An
der Corona-Datenspende haben sich mehr als 500.000 Menschen beteiligt. Für
rund 130.000 Personen liegen Wearable-Daten über einen längeren Zeitraum
vor; von etwa 50.000 Menschen gibt es zusätzlich regelmäßige Angaben zu
ihrem Gesundheitszustand. Die große Datenbasis ermöglicht es,
physiologische Veränderungen im Alltag zu untersuchen und mit dem
individuellen Befinden in Beziehung zu setzen.
Vom Messwert zum individuellen Krankheitsverlauf
Eine zentrale Forschungsfrage ist, ob sich aus solchen Daten künftig auch
individuelle Muster ableiten lassen. Verfahren des maschinellen Lernens
können dabei helfen, wiederkehrende Muster in umfangreichen Zeitreihen zu
erkennen. Es muss weiter untersucht werden, welche Veränderlungen
tatsächlich mit Long COVID zusammenhängen und welche auch bei anderen
Erkrankungen oder Belastungssituationen auftreten.
Das Projekt SynoSys.PC ist Teil der Plattform LongCARE, die das
Bundesministerium für Gesundheit fördert und die insgesamt 30 Projekte
umfasst. „Projekte wie SynoSys.PC zeigen, was möglich wird, wenn wir
Gesundheitsdaten aus dem Alltag systematisch für die Forschung nutzbar
machen. Sie können dazu beitragen, neue Ansätze für eine individuellere
Versorgung von Menschen mit Long COVID zu entwickeln“, erklärt Sebastian
C. Semler, Leiter von LongCARE und Geschäftsführer der TMF e. V., die
LongCARE koordiniert.
