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Arbeitszeiten: Geplante Abschaffung der täglichen Obergrenze erschwert ehrenamtliches, politisches und soziales Engagement

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Die geplante Deregulierung der täglichen Arbeitszeiten birgt Risiken für
Demokratie und Zivilgesellschaft. Denn Beschäftigten fehlt die Zeit für
politisches, ehrenamtliches und soziales Engagement, wenn der Arbeitstag
im Erwerbsjob potenziell noch länger und schwerer planbar wird. Schon
jetzt zeigen aktuelle Daten: Wer lange arbeitet, engagiert sich deutlich
seltener. Das ergibt eine neue Analyse von Forscherinnen des Wirtschafts-
und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung, des
Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) und der
Europäischen Akademie für Frauen in Politik und Wirtschaft (EAF) Berlin.

Die Bundesregierung plant, die tägliche Obergrenze für die Arbeitszeit im
Erwerbsjob abzuschaffen. Damit würden Arbeitstage von mehr als 12 Stunden
möglich (siehe auch den Forschungsüberblick** zur Arbeitszeit; Link
unten). Die faktische Abschaffung des Achtstundentags ist nicht nur ein
Problem, weil betroffenen Beschäftigten, vor allem Frauen, dann noch
häufiger die Zeit für unbezahlte Sorgearbeit fehlt. Auch die Demokratie
könnte leiden. Denn die Zeit für politisches, ehrenamtliches und soziales
Engagement ist bereits heute knapp, „besonders für junge Menschen sowie
Personen in der Haupterwerbs- und Familienphase“, so die Kurzstudie von
WSI-Arbeitszeitexpertin Dr. Yvonne Lott, Dr. Carolin Deuflhard (WZB) und
Hanna Völkle (EAF).

Um die Frage zu beantworten, wer „überhaupt ausreichend Zeit hat, sich
ehrenamtlich, sozial oder politisch zu engagieren“, greifen die
Wissenschaftlerinnen auf die Zeitverwendungserhebung des Statistischen
Bundesamts zurück. Dabei zeigt sich ein klarer Zusammenhang zwischen
Arbeitszeit und Engagement: Menschen mit einer täglichen
Erwerbsarbeitszeit bis zu 5,5 Stunden engagieren sich zu 14,4 Prozent.
Unter denjenigen, die mehr als 8,5 Stunden im Job verbringen, sind es nur
5,7 Prozent. Deshalb, so die Forscherinnen, ist Arbeitszeitpolitik „auch
Demokratiepolitik“.

Die Zeit für Engagement ist insgesamt sehr ungleichmäßig verteilt. Während
sich unter den Frauen und Männern im Rentenalter 18 beziehungsweise 19
Prozent engagieren, sind es in der Altersgruppe von 25 bis 34 Jahren
jeweils nur etwa 8 Prozent. Erst in der Altersgruppe der 45- bis
54-Jährigen steigt der Anteil merklich an. Menschen in der „Haupterwerbs-
und Familienphase“ haben offenbar oft so viel um die Ohren, dass für
gesellschaftlichen Einsatz kein Raum mehr bleibt, folgern Deuflhard, Lott
und Völkle. Dazu passt, dass sich Menschen mit minderjährigen Kindern
weniger engagieren als solche ohne Kinder. Mütter kommen noch etwas
seltener zu außerfamiliärem Engagement als Väter.

Gerade mit Blick auf die Menschen in der „Rushhour des Lebens“ wären noch
längere tägliche Arbeitszeiten im Erwerbsjob fatal, folgern die
Forscherinnen. Neben der bloßen Rechnung in Stunden und Minuten sind ihnen
zufolge noch zwei andere Faktoren zu bedenken, wenn es um Arbeitszeit und
Demokratie geht: Erstens ist entscheidend, inwieweit Beschäftigte selbst
über ihre Arbeitszeiten bestimmen können – wer voraussichtlich oft nicht
an Sitzungen des Kommunalparlaments teilnehmen kann, wird sich kaum zur
Wahl stellen. Zweitens kosten lange Arbeitstage nicht nur Zeit, sondern
auch Energie. Erschöpfung führt erfahrungsgemäß eher zum Rückzug statt zu
Engagement. Ausreichende Erholung ist daher eine „Voraussetzung für
politische Partizipation“.

Das Fazit der Forscherinnen: „Kurze und selbstbestimmte
Erwerbsarbeitszeiten machen ehrenamtliches, soziales und politisches
Engagement wahrscheinlicher und leichter zu vereinbaren.“  Die Frage sei:
„Wollen wir eine Gesellschaft, die auf Zeitknappheit und stiller
Erschöpfung ihrer Mitglieder basiert – oder eine, die Zeit für Sorge und
Engagement als Voraussetzung lebendiger Demokratie begreift?“