Von der Forschung in die Anwendung: neues Zentrum für Holzbauforschung
Das Aachener Zentrum für Holzbauforschung (AZH) am Eifelcampus Simmerath
ist gestern (21.9.2026) feierlich eröffnet worden. Die FH Aachen bündelt
dort ihre Kompetenzen in der Holzbauforschung und entwickelt mit moderner
Technik innovative Lösungen für das Bauen mit Holz. Gemeinsam mit dem
Handwerk bringt sie Forschung direkt in die Anwendung.
Der nachwachsende Rohstoff Holz ist der Baustoff der Stunde – die Nutzung
hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen. Aktuell steht der Holzbau
vor neuen Herausforderungen. „Zukünftig werden verstärkt Laubhölzer im
Bauwesen eingesetzt“, sagt Prof. Dr. Thomas Uibel. Für die Nutzung von
Birke, Bergahorn und Roteiche müssten das Trag- und Verformungsverhalten
erforscht, Bauprodukte entwickelt und Normen überarbeitet werden. Gleiches
gilt für komplexe Bauvorhaben wie mehrstöckige Holzhäuser und große
Gewerbebauten. Wie innovative Lösungen für den Einsatz von Holz als
Baustoff aussehen können, erforscht die FH Aachen im neuen AZH. Die
Bandbreite der Projekte reicht von der Entwicklung dauerhaft haltbarer
Holzbrücken über Wandelemente und mehrgeschossigen Holzbau bis hin zu
unterschiedlichen Verbindungselementen.
Die Ministerin für Landwirtschaft und Verbraucherschutz des Landes
Nordrhein-Westfalen, Silke Gorißen, betont: „An Holz als Rohstoff und der
effizienten Holzverwendung führt kein Weg vorbei. Wir brauchen unsere
Wälder und das aus ihnen nachhaltig gewonnene Holz im Klimawandel mehr
denn je. Unser Ziel in Nordrhein-Westfalen ist es, die Wälder zu
klimastabilen Mischwäldern umzubauen, was zu einem höheren Laubbaumanteil
führen wird. Insbesondere mit Blick auf die Entwicklung innovativer
Laubholzverwendungen im Holzbau sind die Leistungen und die hochmodernen
Möglichkeiten des neuen Aachener Holzbauzentrums wichtig.“
Zwei Aspekte machen Holzbauforschung – und die Arbeit im AZH – besonders
spannend. Zum einen ist Holz ist ein lebendiger Werkstoff, jede Holzart
verhält sich aus bautechnischer Sicht unterschiedlich. Und selbst
innerhalb der einzelnen Arten gibt es Unterschiede, etwa aufgrund der
Herkunftsregion oder des Alters der Bäume. All diese Faktoren werden bei
den Forschungsprojekten berücksichtigt. Die andere Herausforderung ist,
dass Versuche mit Holz grundsätzlich im Bauteilmaßstab gemacht werden –
ergänzt um aufwendige Simulationen und Berechnungen. Um auch Bauteile und
Verbindungen in „Originalgröße“ testen zu können, verfügen die FH-
Forschenden im AZH über beeindruckende Maschinen: Die Zug-Druck-
Spindelmaschine etwa ist rund 8 Meter hoch. Sie belastet die Prüfkörper
mit bis zu 600 Kilonewton (kN); das entspricht einem Gewicht von 60
Tonnen. Ebenso können im AZH Wandelemente aus Holz getestet werden, die
eine Fläche von bis zu 6 mal 4 Metern haben. Auf dem Biegeprüfstand
schließlich werden Holzträger von bis zu 15 Metern Spannweite geprüft, die
etwa im gewerblichen Hallenbau zum Einsatz kommen. Gemeinsam mit seinen
Holzbauprofessorenkollegen Leif Arne Peterson und Wilfried Moorkamp
übernimmt Uibel die wissenschaftliche Leitung des AZH. Sie betonen: „Diese
Versuchsergebnisse dienen der Validierung von analytischen sowie
numerischen Untersuchungen und bilden somit eine Basis für zukünftige
Normen und Zulassungen von Bauprodukten im Holzbau.“
Wenn es um mehrgeschossiges Bauen mit Holz geht, spielen Verbindungen eine
entscheidende Rolle. Ein Ziel der FH-Fachleute ist, klebstofffreie
Lösungen zu entwickeln, die seriell gefertigt werden können. Im Handwerk
sind etwa Schwalbenschwanzverbindungen seit Langem im Einsatz – nun geht
es darum, diese tradierte Technik mit modernen digitalen
Produktionsmethoden zu kombinieren. In einem Forschungsprojekt geht es um
die Frage, wie solche Methoden zur klebstofffreien Herstellung von
Balkenschichtholz eingesetzt werden können. Das kommt beispielsweise zum
Einsatz, wenn Balken mit großer Spannweite benötigt werden. Ein zweiter
Forschungsbereich sind Systemlösungen für den mehrgeschossigen Holzbau.
Vielfach wiederkehrende Bauteile und Anschlüsse werden typisiert und
standardisiert; hierdurch werden technisch ausgereifte, wirtschaftliche
und einfach berechenbare Konstruktionen ermöglicht.
„Hier in Simmerath arbeiten Forschung, Innovation und Praxis Hand in Hand.
Wir spielen uns die Bälle gegenseitig zu“, sagt Prof. Dr. Thomas Ritz,
Rektor der FH Aachen. Das AZH ist Teil des neuen Eifelcampus: Er soll den
Transfer von akademischen Forschungsergebnissen in die Baupraxis
ermöglichen und gleichzeitig dem Handwerk Wege zur Nutzung neuer
Technologien und Verfahren aufzeigen. „Der Eifelcampus in Simmerath
eröffnet uns ganz neue Möglichkeiten“, sagt Prof. Uibel. „In enger
Zusammenarbeit von Wissenschaft und Wirtschaft können wir das Bauen mit
Holz entscheidend voranbringen.“
Ein wichtiger Teil des Eifelcampus ist das Bildungszentrum BGZ Simmerath
der Handwerkskammer Aachen (HWK). Das Aufgabenspektrum im Handwerk
verschiebt sich derzeit. Digitalisierung und Vernetzung halten auch hier
Einzug – das lässt sich etwa am Beispiel BIM (Building Information
Modeling) illustrieren. Die verschiedenen Gewerke sowie Architekt:innen
und Bauingenieur:innen tauschen sich auf der Baustelle mit Hilfe von
virtuellen 3-D-Modellen aus, etwa wenn es um die fachmännische Umsetzung
von Bauplänen in der Praxis geht. Die enge Kooperation am Eifelcampus soll
gewährleisten, dass der gegenseitige Wissens- und Erfahrungsaustausch
zwischen Wissenschaft und Handwerk funktioniert.
Der Transfer von Forschungsergebnissen in die Anwendung ist nur in
gemeinschaftlicher Anstrengung möglich. Neben der FH und der HWK sind auch
zahlreiche Unternehmen, Betriebe, Institutionen und Verbände beteiligt,
die die gesamte Wertschöpfungskette abdecken – von der Forstwirtschaft
über Planungs- und Ingenieurbüros bis hin zu verarbeitenden Betrieben und
Bauunternehmen. Gerade in der Eifel spielt die Branche eine große
wirtschaftliche Rolle. Bernd Goffart, Bürgermeister der Gemeinde
Simmerath, betont: „Hier entsteht echter Mehrwert für die Region.“ Wie
wichtig die Holzwirtschaft für Nordrhein-Westfalen ist, zeigen Zahlen des
Zentrums für Wald und Holzwirtschaft beim Landesbetrieb Wald und Holz NRW.
12.000 Unternehmen machen landesweit 31 Milliarden Euro Umsatz jährlich,
sie beschäftigen rund 130.000 Erwerbstätige.
