Prädiabetes erkennen und Diabetes Typ 2 frühzeitig gegensteuern
Über 9 Millionen Menschen in Deutschland leben mit Typ-2-Diabetes. Doch
diese Stoffwechselerkrankung entsteht nicht von heute auf morgen: Bereits
dauerhaft erhöhte Blutzuckerwerte können auf ein gesteigertes Risiko
hinweisen – der so genannte Prädiabetes. Diese ersten, zunächst
unbemerkten, Stoffwechselveränderungen führen aber nicht zwangsläufig zu
einem manifesten Typ-2-Diabetes. Die Forschung zeigt, dass
Lebensstiländerungen das Risiko erheblich senken können und sich
Krankheitsverläufe zwischen Betroffenen auch deutlich unterscheiden.
Die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) rät deshalb, das persönliche
Risiko früh zu kennen, erhöhte Werte ärztlich abklären zu lassen und
Präventionsmaßnahmen möglichst am individuellen Risiko auszurichten.
Bei einem Prädiabetes liegen die Blutzuckerwerte bereits über dem
Normalbereich, erreichen aber noch nicht die Grenze für einen Diabetes Typ
2. Wie sich der Stoffwechsel weiterentwickelt, ist von Mensch zu Mensch
verschieden und hängt auch davon ab, wann diese Veränderung festgestellt
wird. Denn die ersten Stoffwechselveränderungen verlaufen unbemerkt und
ohne Beschwerden. Forscherinnen und Forscher haben 6 unterschiedliche
Prädiabetes-Typen beschrieben, die sich stark in ihrem Risiko für
Typ-2-Diabetes und Folgeschäden unterscheiden.2 Eine Studie identifizierte
zudem Biomarker, die künftig helfen könnten vorherzusagen, bei wem sich
die Blutzuckerwerte wieder normalisieren und bei wem ein Typ-2-Diabetes
entsteht.3
„Prädiabetes ist kein unabwendbarer Weg in den Typ-2-Diabetes. Er eröffnet
ein Zeitfenster, in dem wir gezielt gegensteuern können“, sagt Professorin
Dr. Julia Szendrödi, Präsidentin der DDG und Ärztliche Direktorin der
Klinik für Endokrinologie, Diabetologie, Stoffwechselkrankheiten und
Klinische Chemie des Universitätsklinikums Heidelberg. „Je früher wir ein
erhöhtes Risiko erkennen, desto besser können wir gemeinsam passende
Maßnahmen auswählen. Die Erkenntnis, dass die Risken unterschiedlich sind
und es verschiedene Prädiabetes-Typen gibt, muss für uns ein Anlas sein,
den Betroffenen ein individuelles Präventionsangebot zu machen – eine so
genannte Präzisionsprävention anzuwenden. “
Risiko kennen, bevor Beschwerden entstehen
Die Nationale VersorgungsLeitlinie Typ-2-Diabetes empfiehlt, Menschen mit
erhöhtem Erkrankungsrisiko eine Untersuchung anzubieten.4 Zu den
Risikofaktoren zählen unter anderem Diabetes in der Familie, höheres
Lebensalter, viel Bauchfett, Bluthochdruck, Bewegungsmangel, Rauchen und
ein früherer Schwangerschaftsdiabetes. Für eine erste Einschätzung stehen
geprüfte Fragebögen zur Verfügung. Der DIfE – Deutsche Diabetes-Risiko-
Test ermittelt bei Erwachsenen ohne bekannten Diabetes das Risiko,
innerhalb der nächsten zehn Jahre zu erkranken.5
„Für eine erfolgreiche Prävention müssen wir zukünftig die
Hochrisikopatienten besser identifizieren und eine intensivierte
Lebensstilintervention auf diese konzentrieren“, sagt Professor Dr. med.
Andreas Fritsche, Past-Präsident der DDG, Stellvertretender Leiter des
Instituts für Diabetesforschung und Metabolische Erkrankungen des
Helmholtzzentrums München sowie Leiter der Diabetesstation und
Diabetesambulanz am Universitätsklinikum Tübingen.6
Bewegung, Ernährung und Gewicht: Veränderungen können wirken
Lebensstil-Interventionsstudie
Stadium steckt: „Bei Menschen mit Hochrisiko-Prädiabetes führt eine
intensivierte Intervention mit mehr Bewegung zu besseren Ergebnissen als
eine herkömmliche Lebensstilintervention“, führt Fritsche aus. „Die
relative Reduktion des Leberfettes bei Hochrisiko-Prädiabetes beträgt
durch Lebensstilintervention schon 24%, mit intensiver Intervention wird
sogar eine relative Reduktion um 37% Prozent erreicht. Auch das berechnete
Herz-Kreislauf-Risiko reduzierte sich durch intensivere Intervention
nochmals stärker.“ Eine spätere Auswertung zeigte zudem: Teilnehmerinnen
und Teilnehmer, die Gewicht verloren und zugleich wieder normale
Blutzuckerwerte erreichten, hatten zwei Jahre nach der Intervention ein um
73 Prozent geringeres Risiko für Typ-2-Diabetes.6
Körperliche Aktivität verbessert die Wirkung des körpereigenen Insulins.
Auch kurze, über den Tag verteilte Bewegungseinheiten (Exercice Snacks)
können einen Einstieg erleichtern.7 Bei erhöhtem Risiko empfiehlt die DDG-
Praxisempfehlung zudem, beeinflussbare Faktoren wie Taillenumfang,
Ernährung und Rauchverhalten in den Blick zu nehmen.5
Prävention ist mehr als eine persönliche Entscheidung
Wie gut Veränderungen gelingen, hängt auch vom Lebensumfeld ab. Die DDG
setzt sich deshalb gemeinsam mit der Deutschen Allianz Nichtübertragbare
Krankheiten (DANK) für Rahmenbedingungen ein, die gesunde Entscheidungen
erleichtern. Dazu gehören unter anderem bundesweite Standards für Kita-
und Schulessen, mehr tägliche Bewegung in Bildungseinrichtungen,
Einschränkungen beim Marketing ungesunder Produkte an Kinder und eine
Herstellerabgabe auf zuckergesüßte Getränke.
„Wir können Menschen nicht einerseits auffordern, sich gesund zu ernähren
und mehr zu bewegen, und gleichzeitig Lebenswelten akzeptieren, in denen
die gesunde Entscheidung systematisch die schwierigere ist“, betont
Szendrödi. Prävention hat auch eine wirtschaftliche Dimension: Bei
Menschen mit diagnostiziertem Diabetes liegen die direkten medizinischen
Kosten etwa doppelt so hoch wie bei vergleichbaren Menschen ohne Diabetes;
die diabetesbezogenen Gesundheitsausgaben in Deutschland wurden für 2024
auf rund 36 Milliarden Euro geschätzt.9
Ratgeber: Prädiabetes – was Sie selbst tun können
• Eigenes Risiko einschätzen: Der DIfE – Deutsche Diabetes-Risiko-
Test (https://drs.dife.de/) kann Erwachsenen ohne bekannten Diabetes
zeigen, wie hoch ihr Risiko ist, innerhalb der kommenden zehn Jahre an
Typ-2-Diabetes zu erkranken.5
• Erhöhtes Risiko ärztlich abklären: Die Nationale
VersorgungsLeitlinie empfiehlt Menschen mit erhöhtem Risiko eine
Untersuchung in der behandelnden Hausarztpraxis.4
• Gesundheits-Check nutzen: Gesetzlich Versicherte haben ab 35
Jahren alle drei Jahre Anspruch auf eine allgemeine
Gesundheitsuntersuchung, zu der auch die Bestimmung des
Nüchternblutzuckers gehört. Zwischen 18 und 35 Jahren besteht einmalig
Anspruch auf den Check; Laborwerte werden abhängig vom Risikoprofil
bestimmt.4
• Mehr Bewegung einbauen: Regelmäßige körperliche Aktivität
verbessert die Wirkung des körpereigenen Insulins. Auch kurze
Bewegungseinheiten lassen sich über den Tag verteilen.5,7
• Gewicht und Taillenumfang im Blick behalten: Viel Fett im
Bauchbereich erhöht das Typ-2-Diabetes-Risiko. Eine Gewichtsabnahme kann
es senken.5
• Ernährung anpassen: Die DDG-Praxisempfehlung rät bei hohem Risiko
unter anderem zu mehr Vollkornprodukten und weniger Rind-, Schweine- und
Lammfleisch.5
• Nicht rauchen: Rauchen gehört zu den beeinflussbaren Faktoren, die
mit einem höheren Typ-2-Diabetes-Risiko verbunden sind.5
• Kontrollen vereinbaren: Bei Laborwerten im Bereich eines erhöhten
Diabetesrisikos empfiehlt die DDG zunächst eine erneute Kontrolle nach 3
Monaten und anschließend halbjährliche Kontrollen.4
Quellen:
1 Seidel-Jacobs E, Tönnies T, Rathmann W: „Epidemiologie des Diabetes in
Deutschland“. In: Deutscher Gesundheitsbericht Diabetes 2026, S. 8–11.
Mindestens 9,3 Millionen Menschen mit Typ-2-Diabetes in Deutschland.
2 Wagner, R., Heni, M., Tabák, A.G. et al. Pathophysiology-based
subphenotyping of individuals at elevated risk for type 2 diabetes. Nat
Med 27, 49–57 (2021). https://doi.org/10.1038/s41591
3 Glaser A, Birkenfeld AL, Hrabě de Angelis M et al.: „Das Deutsche
Zentrum für Diabetesforschung – Aktuelles zur Prävention von
Typ-2-Diabetes und Komplikationen“. In: Deutscher Gesundheitsbericht
Diabetes 2026, S. 121–124.
4 Nationale VersorgungsLeitlinie Typ-2-Diabetes, Langfassung Version 3.0
5 DIfE – Deutscher Diabetes-Risiko-Test. DDG-Praxisempfehlungen 2025,
Diabetol Stoffwechs 2025; 20: S450–S453.
6 Fritsche A et al., Different Effects of Lifestyle Intervention in High-
and Low-Risk Prediabetes: Results of the Randomized Controlled Prediabetes
Lifestyle Intervention Study (PLIS), Diabetes 2021;70(12):2785–2795, DOI
10.2337/db21-0526.
7Borchert P, Kress S, Moser O: „Neue Aspekte bei Diabetes, Sport und
Bewegung“. In: Deutscher Gesundheitsbericht Diabetes 2026, S. 22–25
8 Brüne M, Linnenkamp U, Icks A: „Gesundheitsökonomische Aspekte des
Diabetes“. In: Deutscher Gesundheitsbericht Diabetes 2026, S. 117–120.
