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AgriBoost: Wie ein Rucksack Traktoren elektrifiziert

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Projekt AgriBoost der Universität Hohenheim will die Elektrifizierung
bestehender Landmaschinen vorantreiben. Einen ersten Prototyp gibt es
bereits Ende September.

Bei PV-Dächern gehörten Agrar-Betriebe bereits zu den Pionieren. Das
Projekt AgriBoost der Universität Hohenheim will jetzt auch die
Elektrifizierung der Landmaschinen vorantreiben. Die Idee von Initiator
Daniel Wolpert: Eine modulare Nachrüstlösung, die bestehende Traktoren
hybridisiert und gleichzeitig ihre Arbeitsgeräte elektrifiziert – ohne den
vorhandenen Traktor ersetzen oder umbauen zu müssen. Ein Batteriespeicher
und eine elektrische Motor-Generator-Einheit können dabei sowohl
zusätzliche Leistung für den Traktor bereitstellen als auch bestehende
zapfwellengetriebene Arbeitsgeräte elektrisch antreiben. Perspektivisch
lassen sich zudem rein elektrische und intelligente Anbaugeräte
integrieren. Das überzeugt auch die Stadt Stuttgart: Mit dem Klima-
Innovationsfonds unterstützt sie das Projekt an der Universität Hohenheim
in Stuttgart mit knapp 500.000 €. Beim Landwirtschaftlichen Hauptfest auf
dem Cannstatter Wasen wird vom 28.9. - 29.9.26 ein Demonstrator von
Wolperts Idee zu sehen sein.

Als Ingenieur hat Daniel Wolpert von der Universität Hohenheim eine klare
Vision für die Zukunft der Landwirtschaft: ein geschlossenes
Energiesystem, in dem Photovoltaik, Batteriespeicher, Traktor und
Arbeitsgeräte intelligent zusammenspielen und landwirtschaftliche Betriebe
unabhängiger machen.

„Viele landwirtschaftliche Betriebe tragen längst großflächige PV-Anlagen
auf ihren Dächern. Moderne Batterietechnik ermöglicht es, einen größeren
Teil dieses Stroms vielseitig und direkt in der Landwirtschaft
einzusetzen: etwa zum elektrischen Antrieb bestehender
zapfwellengekoppelter Arbeitsgeräte und künftig auch für neue elektrische
Geräte oder als zuverlässige Stromversorgung bei Ausfällen“, so Wolpert.
So entsteht ein Kreislauf, in dem selbst erzeugte Energie genau dort
genutzt wird, wo sie benötigt wird.

Wichtiger Bestandteil dieses Kreislaufs: der Traktor. Als Kraftpaket
treibt dieses Universalgerät eine Vielzahl von Zusatzgeräten an. AgriBoost
setzt deshalb gleich an zwei Stellen an: Die elektrische Einheit kann den
Traktor selbst mit zusätzlicher Antriebsleistung unterstützen und
gleichzeitig Energie für seine Arbeitsgeräte bereitstellen. Ein großer
Teil der heute eingesetzten Arbeitsgeräte wird mechanisch über die
Zapfwelle angetrieben – vom Holzspalter und Futtermischwagen bis zu
Häckslern und weiteren Maschinen für Feldarbeit und Landschaftspflege.

Lösung für ein Henne-Ei-Problem

Der Hemmschuh für Wolperts Vision: In Deutschlands Agrarbetrieben gibt es
einen sehr großen Bestand an funktionstüchtigen Dieseltraktoren. Und so
ein Trecker ist langlebig.

Die Landwirtschaft steht vor zwei Herausforderungen. Die meisten heute
eingesetzten Anbaugeräte werden noch mechanisch über die Zapfwelle
angetrieben. Gleichzeitig entstehen zunehmend elektrische und intelligente
Arbeitsgeräte, die sich mit den heutigen Bestandsmaschinen nur
eingeschränkt nutzen lassen. „Und damit haben wir ein klassisches Henne-
Ei-Problem“, erklärt Wolpert. „Wir können nicht darauf warten, dass
Millionen funktionierende Traktoren durch neue elektrische Maschinen
ersetzt werden. Wir müssen einen Weg finden, die bestehende Flotte Schritt
für Schritt zu elektrifizieren und digitalisieren.“

Wolperts Lösung: Eine Hybrid-Einheit, die einen bestehenden Traktor um
Batteriespeicher, elektrische Leistung und neue Schnittstellen erweitert.
Das Modul lässt sich wie ein Rucksack am Traktor integrieren. Es kann den
Traktor selbst elektrisch unterstützen und zugleich vorhandene
zapfwellengetriebene Arbeitsgeräte antreiben. Neue vollelektrische und
intelligente Geräte lassen sich perspektivisch ebenfalls integrieren.

Technologische Brücke in eine postfossile Ära

„Im Grunde ist AgriBoost eine einfache, aber geniale Brückentechnologie,
mit der Traktoren schrittweise von fossilen Energieträgern unabhängig
werden“, erklärt Prof. Dr.-Ing. Stefan Böttinger. Der Maschinenbau-
Ingenieur leitet das Fachgebiet „Grundlagen der Agrartechnik“ an der
Universität. Ihm war der umtriebige Ingenieur bereits in einer seiner
Vorlesungen aufgefallen. Jetzt arbeitet Wolpert seine Ideen mit Böttingers
Unterstützung aus.

Der große Bestand macht Nachrüstlösungen besonders interessant: In
Deutschland sind rund 1,8 Millionen land- und forstwirtschaftliche
Traktoren registriert. Im Jahr 2025 wurden dagegen rund 25.000 Traktoren
neu zugelassen. Allein über den Austausch durch Neufahrzeuge würde die
Transformation der Bestandsflotte deshalb Jahrzehnte dauern.

Daneben habe die AgriBoost-Hybrideinheit noch einen weiteren Vorteil.
Moderne Landmaschinen nutzen zunehmend Sensorik, Software, Automatisierung
und intelligente Funktionen. Dank AgriBoost könnten solche Technologien
schneller auch für bestehende Maschinen verfügbar werden.

Teurer Diesel, Solarstrom auf dem eigenen Hof – ideal für die
Elektrifizierung der Landwirtschaft

Vor allem aber helfe AgriBoost den Betrieben, ihren selbst erzeugten Strom
wirtschaftlicher einzusetzen: „Bei Photovoltaik gehörte die
Agrarwirtschaft zu den Pionieren. Sehr viele Höfe haben bereits vor Jahren
PV-Anlagen auf Ställen und Scheunen installiert. Viele ältere Anlagen
erhielten über 20 Jahre vergleichsweise hohe, gesetzlich garantierte
Einspeisevergütungen“, erklärt Wolpert.

Bei einem Teil dieser Anlagen läuft die ursprüngliche Förderung inzwischen
aus oder wird in den kommenden Jahren auslaufen. Gleichzeitig liegen die
Vergütungen für neu eingespeisten Solarstrom deutlich unter den früheren
Fördersätzen.

Und gerade darin sieht Wolpert „den ganz großen Hebel. Wenn selbst
erzeugter Solarstrom auf dem Hof zur Verfügung steht und gleichzeitig
Diesel für landwirtschaftliche Arbeiten zugekauft werden muss, wird es
wirtschaftlich interessant, elektrische Antriebe und Verbraucher stärker
einzubinden.“

Langfristig geht die Vision noch einen Schritt weiter: Traktor,
Batteriespeicher, Photovoltaikanlage, Hofverbraucher und Arbeitsgeräte
sollen als gemeinsames Energiesystem zusammenspielen. „Der Speicher könnte
dann nicht nur Traktoren und Arbeitsgeräte mit Energie versorgen, sondern
beispielsweise auch den Eigenverbrauch von Solarstrom erhöhen oder zur
Energieversorgung des Hofes beitragen.“

AgriBoost nutzt bestehende Bauteile – und dreht den Leistungsfluss um

Eine zentrale Schnittstelle von AgriBoost ist die Zapfwelle. Normalerweise
überträgt sie mechanische Leistung vom Dieselmotor des Traktors auf ein
Arbeitsgerät. AgriBoost ergänzt diesen klassischen Leistungsweg um einen
elektrischen Pfad.

So kann Energie aus dem Batteriespeicher in mechanische Leistung
umgewandelt werden. Diese zusätzliche Leistung lässt sich je nach
Anwendung ganz unterschiedlich nutzen: Sie kann entweder bestehende
zapfwellengetriebene Arbeitsgeräte antreiben oder zusätzliche Leistung für
den Traktor bereitstellen.

Hybrides Arbeiten mit AgriBoost

Damit wird AgriBoost zu einem Hybridantrieb für die bestehende Maschine:
Bei hoher Leistungsanforderung kann der Elektromotor den Dieselantrieb
unterstützen. Beispielsweise beim Bergauffahren mit schwerer Ladung.
Dadurch kann ein Teil, der ansonsten aus Diesel erzeugten Energie, durch
elektrische Energie ersetzt werden.

Anders beim Bergabfahren: Hierbei kann die elektrische Maschine ihre
Funktion umkehren und Energie in den Batteriespeicher zurückspeisen.
„Normalerweise nehmen wir an der Zapfwelle Leistung aus dem Traktor
heraus. Mit AgriBoost können wir den Leistungsfluss je nach Anwendung auch
umkehren“, erläutert Wolpert. „Aus dem Power Take Off wird damit
gewissermaßen ein Power Take In.“

Besonders interessant ist dieser Ansatz bei Transportarbeiten in hügeligen
Regionen: Bergauf unterstützt die Batterie den Traktor, bergab kann ein
Teil der zuvor eingesetzten Energie zurückgewonnen werden.

Bei einzelnen Anwendungen ganz ohne laufenden Dieselmotor

AgriBoost kann gleichzeitig vorhandene Arbeitsgeräte elektrifizieren. Bei
stationären Zapfwellenanwendungen – beispielsweise einem Futtermischer,
Holzspalter oder einer Pumpe – kann die benötigte mechanische Leistung
über den Elektromotor von AgriBoost bereitgestellt werden. Der Dieselmotor
des Traktors kann dabei je nach Anwendung vollständig ausgeschaltet
bleiben.

Arbeitsgeräte mit elektrischem Antrieb können direkt über die elektrische
Schnittstelle von AgriBoost mit Energie versorgt werden. Damit unterstützt
das System sowohl die Elektrifizierung heute verbreiteter,
zapfwellengetriebener Maschinen als auch den zunehmenden Einsatz rein
elektrischer und intelligenter Arbeitsgeräte. AgriBoost schafft so eine
Brücke zwischen der bestehenden mechanischen Landtechnik und zukünftigen
elektrifizierten Maschinenkonzepten.

Wolpert fasst zusammen: „Wir entwickeln keine neuen Traktoren. Wir
entwickeln die nächste Generation bestehender Traktoren.“

Erster Demonstrator im September auf dem Landwirtschaftlichen Hauptfest

Für seine Zukunftsvision hat Wolpert einen straffen Zeitplan. Ein
einfacher Demonstrator, der das grundlegende Funktionsprinzip von
AgriBoost veranschaulicht, wird bereits Ende September auf dem
Landwirtschaftlichen Hauptfest auf dem Cannstatter Wasen in Stuttgart zu
sehen sein.

Im weiteren Projektverlauf soll daraus ein praxisnahes System entstehen,
mit dem unterschiedliche Anwendungen und Betriebsstrategien unter realen
Bedingungen untersucht werden können.

Mittelfristig plant der wissenschaftliche Mitarbeiter der Universität
Hohenheim auch eine kommerzielle Ausgründung. Für die Weiterentwicklung
von AgriBoost in Richtung Serien- und Marktreife steht er bereits mit
Partnern aus Landwirtschaft und Landtechnik im Austausch.

Als fachlicher Betreuer gibt Prof. Böttinger dem Projekt besonders große
Chancen: „Landwirtschaftliche Betriebe sind von den steigenden
Dieselpreisen besonders stark betroffen. Die AgriBoost-Vision vom
geschlossenen Energiekreislauf auf landwirtschaftlichen Betrieben und
ihrer Elektrifizierung dürfte gerade deshalb auf eine starke Resonanz
treffen. Denn Landwirte und Landwirtinnen sind dafür geradezu
prädestiniert.“

HINTERGRUND: Stuttgarter Klima-Innovationsfonds

Dass Wolpert das AgriBoost-Projekt ins Rollen bringen konnte, verdankt er
vor allem dem Stuttgarter Klima-Innovationsfonds. Dieser unterstützt
kreative und wegweisende Projekte im Bereich Klimaschutz und Anpassung an
den Klimawandel. Gemeinsam mit Prof. Dr.-Ing. Stefan Böttinger reichte
Wolpert im Herbst 2025 einen Antrag ein. Mit Erfolg: Im Frühsommer 2026
erhielten sie den Zuschlag für knapp 500.000 € über einen Zeitraum von
drei Jahren.

Text: Billmaier/Klebs