Neue Konjunkturprognose
Deutliche Anhebung: IMK prognostiziert 1,3 Prozent Wirtschaftswachstum
2026 und 1,4 Prozent 2027
Das Wachstum der deutschen Wirtschaft wird 2026 und 2027 stärker ausfallen
als bisher erwartet. Das liegt einerseits an überraschend starken
deutschen Exporten in der ersten Jahreshälfte 2026, andererseits an den
erhöhten staatlichen Ausgaben für Verteidigung und den zusätzlichen
Investitionen in Infrastruktur.
Mit der besseren Ausgangsbasis dürfte das
deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) in diesem Jahr um durchschnittlich 1,3
Prozent und 2027 um 1,4 Prozent wachsen, so die neue Prognose des
Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-
Böckler-Stiftung.* Das sind 0,7 bzw. 0,5 Prozentpunkte mehr als noch im
Juni erwartet. Auch die Produktivität der deutschen Wirtschaft nimmt in
beiden Jahren spürbar zu (Daten unten). Trotz der Aufhellung hat das
Konjunkturbild weiterhin auch deutliche Schattenseiten: Der private Konsum
bringt kaum Wachstumsimpulse, weil die Energiepreise in Folge des Iran-
Krieges laut der Prognose länger erhöht bleiben werden, und weil der
beginnende staatliche Sparkurs die Wirtschaft belastet. Die Inflation
beträgt 2026 im Jahresdurchschnitt 2,7 Prozent und steigt 2027 auf 2,9
Prozent. Die Beschäftigung sinkt weiter leicht, vor allem, weil der
negative Trend in der Industrie trotz deutlich gestiegener Aufträge
vorerst anhält. Die Arbeitslosenquote wird 2026 und 2027 bei 6,4 Prozent
liegen.
„Der Standort Deutschland ist robuster als etliche Abgesänge der letzten
Zeit suggerieren. Allerdings sehen wir noch keinen sich selbst tragenden
Aufschwung, weil Energiepreise und Wirtschaftspolitik die Konsumnachfrage
ausbremsen“, sagt Prof. Dr. Sebastian Dullien, der wissenschaftliche
Direktor des IMK. „Es wäre ein Fehler, die Binnenwirtschaft in Deutschland
durch Sozialkürzungen zu schwächen und die Unsicherheit mit
Reformdiskussionen zu erhöhen. Wir werden die Probleme der deutschen
Wirtschaft nur lösen können, wenn wir sie korrekt analysieren. Die akuten
Probleme sind in erster Linie Folge externer Schocks – bei den
Energiepreisen und durch den Protektionismus in China und den USA. Es sind
keine klassischen Probleme preislicher Wettbewerbsfähigkeit.“
Deutschland brauche dementsprechend einen Fokus auf Investitionen,
Innovationen, Umbau der Energieversorgung und binnenwirtschaftliche
Stärke. Reformen, die die Lohnnebenkosten drücken sollen, aber über
Kürzungen Lasten auf Versicherte und Beschäftigte umverteilen und so die
private Nachfrage weiter schwächen, wirkten in die falsche Richtung. So
zeigt eine aktuelle repräsentative Befragung des IMK, dass 42 Prozent der
Erwachsenen in Deutschland als Reaktion auf die Sozialdebatten bereits
ihren Konsum zurückfahren.**
„Die Wirtschaftspolitik muss das positive Momentum nutzen, nicht bremsen.
Soll aus der Erholung ein nachhaltiger Aufschwung werden, ist eine
balancierte Strategie gefragt: Sicherung der binnenwirtschaftlichen
Stabilität und gleichzeitig eine weitaus offensivere industriepolitische
Strategie für Deutschland und Europa“, sagt Dullien.
Wichtig sei zudem, dass sich die Europäische Zentralbank (EZB) mit
Zinserhöhungen so weit wie möglich zurückhalte, analysieren die
Expert*innen des IMK. Externe Energiepreisschocks, insbesondere wie
aktuell durch Kriege ausgelöste, lassen sich durch Zinserhöhungen nicht
ändern. Krisenverschärfend sind allerdings die Nebenwirkungen. Denn
Zinserhöhungen wirken über eine Dämpfung der wirtschaftlichen Aktivität
und insbesondere der Investitionen.
„Die EZB hat es bisher versäumt klarzustellen, dass Zinserhöhungen bei
Preisschocks nur dann angemessen sind, wenn sich Zweitrundeneffekte
abzeichnen – was auch nach Einschätzung der EZB bisher nicht der Fall
ist“, schreibt das IMK. Daher stelle die Geldpolitik derzeit ein
„Abwärtsrisiko“ für das prognostizierte Wachstum dar. Weitere Risiken sind
eine verschärfte Energiekrise durch weitere Eskalation des Irankriegs,
deutlich steigende Nahrungsmittelpreise als Folge der Kriege am Golf und
in der Ukraine sowie der Hitzewellen, schließlich internationale
Finanzmarktturbulenzen, ausgelöst durch mögliche Übertreibungen bei
Bewertungen von KI-Werten oder die hohe Staatsverschuldung der USA.
Kerndaten der Prognose (siehe auch die Tabelle in der pdf-Version dieser
PM; Link unten)
– Arbeitsmarkt –
Die positive Wirtschaftsentwicklung kann den Trend auf dem Arbeitsmarkt
erst im Jahresverlauf 2027 ins Positive drehen. In den jährlichen
Durchschnittswerten bildet sich das noch nicht ab. Die Zahl der
Erwerbstätigen geht im Jahresdurchschnitt 2026 um gut 200.000 Personen
oder 0,4 Prozent zurück. Die Arbeitslosigkeit steigt moderat um gut 40.000
Personen auf rund 2,99 Millionen Menschen im Jahresmittel, die
Arbeitslosenquote beträgt 6,4 Prozent nach 6,3 Prozent 2025. Für 2027
veranschlagen die Forschenden einen weiteren, allerdings sehr kleinen,
Rückgang der Erwerbstätigenzahl um jahresdurchschnittlich knapp 70.000
Personen oder 0,1 Prozent. Die Arbeitslosigkeit stagniert, die Quote
bleibt bei 6,4 Prozent.
Während das Arbeitsvolumen in diesem Jahr minimal zurückgeht und 2027
ebenso minimal ansteigt, nimmt die Produktivität im Zuge der
wirtschaftlichen Erholung spürbar zu: 2026 um durchschnittlich 1,4 Prozent
und 2027 um 1,3 Prozent.
– Weltwirtschaft und Außenhandel –
Auch die Weltwirtschaft hat sich bislang robuster entwickelt als noch vor
kurzem erwartet. Das IMK rechnet mit einem „fortdauernden, moderaten
Wachstum“, weist aber auch auf die möglichen Risiken hin, vor allem durch
international noch höhere Energiepreise. Konkret prognostizieren die
Düsseldorfer Ökonom*innen für 2026 eine Zunahme des globalen BIP um 2,9
Prozent, 2027 um 3,0 Prozent. Für die USA geht das IMK von einem
Wirtschaftswachstum von 2,0 bzw. 1,8 Prozent aus, für China rechnen die
Expert*innen mit 4,6 bzw. 4,4 Prozent. Das BIP des Euroraums wächst 2026
um 1,0 Prozent, 2027 sind es 1,3 Prozent.
Die positive Entwicklung der deutschen Exporte in einem schwierigen
weltwirtschaftlichen Umfeld war die Überraschung der letzten Monate. Das
IMK rechnet damit, dass der moderate Aufwärtstrend anhält, auch wenn die
Dynamik im Zeitverlauf ein wenig nachlässt. 2026 und 2027 legen die
deutschen Ausfuhren um jeweils 3,5 Prozent im Jahresmittel zu.
Insbesondere Hersteller von elektronischen und optischen Erzeugnissen
sowie elektrischer Ausrüstungen profitieren offensichtlich von den
weltweiten Trends Digitalisierung, Ausbau der Energienetze und vom KI-
Boom. Dabei ist die Nachfrage aus anderen EU-Ländern fortgesetzt robust.
Die Nachfrage aus Drittländern belebt sich leicht, wobei China und die USA
vor allem wegen der jeweiligen politischen Hürden schwierige
Handelspartner bleiben. Die Importe nehmen 2026 um durchschnittlich 2,3
Prozent zu, 2027 um 3,7 Prozent. Dementsprechend ist der Beitrag des
Außenhandels zum Wirtschaftswachstum in diesem Jahr positiv (0,5
Prozentpunkte), 2027 neutral. Deutschland verzeichnet weiterhin einen
Leistungsbilanzüberschuss, er beträgt 4,3 Prozent des BIP 2026 und steigt
leicht auf 4,6 Prozent 2027.
– Investitionen –
Die mit dem Iran-Krieg einhergehende Inflation und Unsicherheit haben die
Erholung der Ausrüstungsinvestitionen zurückgeworfen, doch nun sehen die
Ökonom*innen eine Trendwende. Die verstärkten Ausgaben des Staates für
Infrastruktur und Verteidigung setzen wichtige Impulse, die sich zunehmend
auf die privaten Investitionen übertragen. Unter dem Strich nehmen die
Ausrüstungsinvestitionen im Jahresdurchschnitt 2026 leicht um 0,8 Prozent
zu, 2027 wachsen sie um 2,8 Prozent. Die Entwicklung bei den
Bauinvestitionen wurde durch den Energiepreisschock und die bisherigen
Leitzinserhöhungen der EZB deutlich verzögert und geschwächt. Im
Jahresdurchschnitt 2026 sinken die Bauinvestitionen um 1,0 Prozent, im
kommenden Jahr legen sie um durchschnittlich 2,5 Prozent zu.
– Privater und öffentlicher Konsum –
Der private Konsum wird durch die deutlich erhöhte Inflation belastet,
aber seine Entwicklung nicht komplett abgewürgt, wenn die Lohnentwicklung
solide bleibt. Für dieses Jahr erwartet das IMK einen kleinen realen
Zuwachs der privaten Konsumausgaben um 0,3 Prozent im Jahresdurchschnitt.
2027 nehmen die Ausgaben dann um real 0,6 Prozent im Jahresmittel zu. Mit
0,1 Prozent in diesem und 0,3 Prozent im kommenden Jahr leistet die
private Nachfrage aber nur geringfügige Beiträge zum Wirtschaftswachstum.
Deutlich stärker ist der Einfluss des Staatskonsums, in den unter anderem
auch höhere Ausgaben für die personelle Stärkung der Bundeswehr oder
Munitionskäufe einfließen. 2026 legt der Staatskonsum real um 2,9 und 2027
um 2,1 Prozent zu. Daraus resultiert ein Beitrag zum BIP-Wachstum von 0,7
bzw. 0,5 Prozentpunkten.
– Inflation und öffentliche Finanzen –
Für 2026 prognostiziert das IMK eine Teuerungsrate von 2,7 Prozent im
Jahresmittel, für 2027 von 2,9 Prozent. Der dominierende Preistreiber sind
die Energiepreise. Doch auch die Bundesregierung trägt zur Inflation bei.
So erhöhen die nach dem GKV-Beitragsstabilisierungsges
Zuzahlungen von Patient*innen, etwa bei rezeptpflichtigen Medikamenten,
Krankenhausaufenthalten und Zahnersatz, die Inflationsrate im kommenden
Jahr um 0,2 Prozentpunkte. Die Erhöhung der Tabaksteuer schlägt sich mit
weiteren 0,15 Prozentpunkten nieder.
Das IMK rechnet damit, dass die staatlichen Einnahmen 2026 um 3,1 Prozent
zunehmen. Die bessere Konjunktur sorgt für etwas höhere Steuereinnahmen
und die Anpassungen der Beiträge erhöhen die Einnahmen der
Sozialversicherung. 2027 entwickeln sich die öffentlichen Einnahmen etwas
stärker und wachsen um 3,9 Prozent. In beiden Jahren wachsen die Einnahmen
schwächer als die Ausgaben – unter anderem, weil die Investitionen,
insbesondere in Verteidigung, spürbar ausgeweitet werden und die Ausgaben
für Zinsen steigen. Das gesamtstaatliche Defizit gemessen am BIP steigt
daher auf 4,0 Prozent 2026 und 4,1 Prozent im kommenden Jahr.
