Welt-Alzheimertag 2026: Demenz ist (k)eine Frage des Alters
Demenz ist keine reine Alterskrankheit. Auch Menschen unter 60 können
betroffen sein – und bei ihnen beginnt die Erkrankung nicht immer mit
Vergesslichkeit. Veränderungen von Sprache, Persönlichkeit, Verhalten oder
geistiger Leistungsfähigkeit können erste Anzeichen sein. Anhaltende oder
zunehmende Veränderungen sollten deshalb unabhängig vom Alter ärztlich
abgeklärt werden.
Die Woche der Demenz startet mit dem Welt-Alzheimertag am 21. September
2026 und findet bis zum 27. September statt. Das Motto lautet „Demenz –
(k)eine Frage des Alters“. Die Aktionswoche möchte damit ins öffentliche
Bewusstsein rufen, dass Demenzkrankheiten nicht ausschließlich bei
hochbetagten Menschen auftreten. Sie können, wenn auch sehr viel seltener,
ebenso jüngere Menschen betreffen.
„Young-onset-Demenzen“ fallen zunächst nicht immer durch
Gedächtnisprobleme auf
Es gibt Demenzformen, die auch deutlich vor dem Rentenalter auftreten
können. Ein Beispiel ist die Frontotemporale Demenz (FTD) – öffentlich
bekannt geworden unter anderem durch die Erkrankung des Schauspielers
Bruce Willis –, die häufig zwischen dem 45. und 65. Lebensjahr
diagnostiziert wird. Das Besondere: Anfangs stehen oft nicht
Gedächtnisprobleme im Vordergrund, sondern Persönlichkeits- und
Verhaltensänderungen, wie z. B. Enthemmung, Aggression oder
Antriebslosigkeit oder auch Einschränkungen der Sprachfähigkeit
(Wortfindungsstörungen, Probleme beim Bilden von Sätzen oder dem Erfassen
der Bedeutung von Wörtern oder Sätzen).
Auch eine vaskuläre (gefäßbedingte) Demenz kann vor dem 65. Lebensjahr
auftreten, wenngleich das Erkrankungsrisiko mit zunehmendem Alter deutlich
steigt. Diese Demenzform ist auf Schädigungen der Blutgefäße im Gehirn
zurückzuführen, etwa infolge von Schlaganfällen oder Erkrankungen der
kleinen Hirngefäße. Eine seltene erbliche Form der vaskulären Demenz ist
das sogenannte CADASIL. Die Erkrankung kann wesentlich früher beginnen.
Erste Beschwerden können sich bereits im Alter von 30 oder 40 Jahren
bemerkbar machen. Auch dabei stehen nicht unbedingt die typischen
Erinnerungslücken am Anfang. Häufiger zeigen sich zunächst sogenannte
exekutive Störungen: Betroffene benötigen länger, um Informationen zu
verarbeiten, können schlechter planen und organisieren, verlieren bei
komplexen Aufgaben leichter den Überblick oder haben Schwierigkeiten,
zwischen verschiedenen Aufgaben zu wechseln. Auch Aufmerksamkeit und
Konzentration können nachlassen, während das Abspeichern neuer
Erinnerungen zunächst noch relativ gut funktionieren kann.
Und ebenso kann auch eine Alzheimer-Krankheit vor dem 60. Lebensjahr
auftreten. Auch hier müssen Gedächtnisprobleme und Vergesslichkeit nicht
die ersten Symptome sein. Bei jüngeren Menschen treten vergleichsweise
häufiger atypische Formen auf, bei denen beispielsweise Sprache, räumlich-
visuelle Verarbeitung oder andere kognitive Fähigkeiten zunächst stärker
betroffen sein können als das Gedächtnis.
Bei Demenzen mit frühem Krankheitsbeginn liegt häufiger ein genetisches
Risiko zugrunde
Bei der Alzheimer-Krankheit können Gene zusammen mit Alter und anderen
Faktoren das Risiko erhöhen. Bekannt ist beispielsweise die Genvariante
APOE ε4. Das ist allerdings kein „Alzheimer-Gen“, sondern ein
Risikofaktor: Mit APOE ε4 bekommt man nicht zwangsläufig Alzheimer, und
Alzheimer kann ebenso ohne APOE ε4 entstehen, aber eine Vielzahl der
Betroffenen hat APOE ε4.
„Bei sehr frühem Erkrankungsbeginn spielt Genetik eine größere Rolle, aber
auch die meisten Alzheimer-Erkrankungen unter 60 sind nicht durch eine
solche eindeutig vererbte Mutation verursacht. Nur sehr selten, bei etwa
einem Prozent der Krankheitsfälle, liegt eine autosomal-dominant vererbte
Genmutation vor, die zwangsläufig zur Alzheimer-Krankheit führt“, erklärt
Prof. Dr. Özgür Onur, Köln, Sprecher der DGN-Kommission „Demenzen“.
Eine größere Rolle spielt die Genetik bei der frontotemporalen Demenz. Bei
ungefähr 30–40 % der Betroffenen findet sich eine familiäre Häufung, eine
eindeutig krankheitsverursachende genetische Veränderung lässt sich bei
etwa 20–30 % der Fälle nachweisen.
In jungen und mittleren Lebensjahren auch Wesens- oder kognitive
Veränderungen jenseits von Vergesslichkeit ärztlich abklären lassen
Wenn sich geistige Fähigkeiten, Verhalten oder Persönlichkeit über Wochen
bis Monate anhaltend verändern, sich die Veränderungen verstärken, dadurch
Alltag oder Beruf beeinträchtigt werden oder auch das persönliche Umfeld
diese Veränderungen bemerkt, sollten Betroffene ärztlichen Rat einholen.
Die gute Nachricht: Meistens stecken hinter solchen Beschwerden wesentlich
häufiger andere Ursachen als eine Demenzerkrankung – und viele davon sind
behandelbar. Dazu zählen beispielsweise Depressionen und andere psychische
Erkrankungen, starke psychische Belastungen, Schlafstörungen
beziehungsweise Schlafapnoe, Schilddrüsenerkrankungen, Vitaminmangel oder
Nebenwirkungen von Medikamenten. Auch Alkohol und andere Drogen können die
beschriebenen Symptome verursachen.
Aber selbst wenn sich eine Demenzerkrankung bestätigt, kann eine frühe
Diagnose Vorteile gegenüber einer späten haben. So kann rechtzeitig mit
einer geeigneten Behandlung begonnen werden. „Bei Alzheimer können
beispielsweise symptomatisch wirkende Medikamente wie Donepezil oder
Rivastigmin infrage kommen. Auch nicht medikamentöse Maßnahmen können dazu
beitragen, vorhandene Fähigkeiten und die Selbstständigkeit im Alltag
möglichst lange zu bewahren. Bei bestimmten Betroffenen mit einer
Alzheimer-Erkrankung in einem frühen Krankheitsstadium stehen inzwischen
außerdem Antikörpertherapien zur Verfügung, die das Fortschreiten der
Erkrankung verlangsamen können. Voraussetzung für ihren Einsatz ist unter
anderem, dass die Alzheimer-Krankheit früh erkannt und eindeutig
diagnostiziert wird“, erklärt Prof. Onur.
Darüber hinaus können beeinflussbare Risikofaktoren wie Bluthochdruck,
Diabetes mellitus, erhöhte Cholesterinwerte oder Rauchen konsequent
behandelt werden. „Auch damit stellt man frühzeitig die Weichen, um
beeinflussbare Risiken für weitere Gefäß- und Hirnschädigungen möglichst
zu reduzieren“, sagt der Kölner Demenzexperte.
Frühe Diagnose schafft Zeit für selbstbestimmte Entscheidungen
Eine frühe Diagnose hat jedoch nicht nur medizinische Vorteile. Gerade
wenn eine Demenz Menschen mitten im Berufs- und Familienleben trifft,
bleibt bei frühzeitiger Gewissheit mehr Zeit, die kommenden Jahre aktiv zu
gestalten. „Betroffene können gemeinsam mit ihren Angehörigen überlegen,
welche Unterstützung sie benötigen, ihre berufliche und finanzielle
Zukunft planen und eine Vorsorgevollmacht oder Patientenverfügung
erstellen. Vor allem können sie viele Entscheidungen noch selbst treffen
und ihre persönlichen Wünsche einbringen“, hebt die Präsidentin der
Deutschen Hirnstiftung, Prof. Dr. Kathrin Reetz, Aachen, hervor.
Auch für Angehörige kann eine Diagnose wichtig sein. Veränderungen von
Persönlichkeit, Verhalten oder Leistungsfähigkeit werden ohne erkennbare
Ursache mitunter als Desinteresse, psychische Krise oder als Konflikt
innerhalb einer Beziehung missverstanden. Das kann insbesondere bei einer
Frontotemporalen Demenz der Fall sein, bei der Verhaltens- und
Persönlichkeitsveränderungen zu den ersten Krankheitszeichen gehören
können.
Die Deutsche Hirnstiftung (www.hirnstiftung.org) bietet Möglichkeiten für
eine individuelle NeuroBeratung und startet im Herbst das Format
NeuroAustausch, bei dem sie Betroffene miteinander ins Gespräch bringt.
