100 Jahre Gesellschaft für Säugetierkunde: von der Feldbeobachtung zur Genomanalyse
Wie Fledermäuse mithilfe von Ultraschall navigieren oder Wölfe ihre Rudel
organisieren – vieles von dem, was heute zum Grundwissen der Biologie
gehört, war zum Gründungszeitpunkt der Deutschen Gesellschaft für
Säugetierkunde (DGS) weitgehend unbekannt. In den vergangenen 100 Jahren
hat sich die Säugetierkunde grundlegend gewandelt: Aus einer vorwiegend
beschreibenden ist eine hochmoderne interdisziplinäre Forschung geworden,
deren Erkenntnisse entscheidende Impulse für Natur- und Artenschutz
liefern.
Als die Deutsche Gesellschaft für Säugetierkunde (DGS) im März 1926 im
Berliner Museum für Naturkunde (MfN) gegründet wurde, gab es noch keine
ganzheitliche Erforschung wildlebender Säugetiere. Heute zählt die DGS zu
den ältesten wissenschaftlichen Fachgesellschaften ihres Gebiets weltweit
und blickt auf ein Jahrhundert zurück, das unser Verständnis von
Säugetieren grundlegend verändert hat. Anlässlich der 100 Jahre
zurückliegenden Gründung der Gesellschaft findet die alljährlich
stattfindende Konferenz der DGS in diesem Jahr an ihrem Gründungsort
statt, gemeinsam ausgerichtet vom Berliner Museum für Naturkunde und dem
Berliner Leibniz-Institut für Zoo und Wildtierforschung (IZW).
Die Jubiläumskonferenz erregt mit über 140 Anmeldungen und mehr als 90
Beiträgen von Säugetierforschenden aus mehr als 20 Nationen
außerordentliches Interesse in aller Welt. Sie verspricht ein überragendes
Ereignis zu werden, gipfelnd in einem Konferenzdinner im berühmten
Sauriersaal des Museums.
„Was vor 100 Jahren mit einzelnen Beobachtungen und der Beschreibung
einzelner Arten begann, reicht heute von der Morphologie über die
Verhaltensforschung bis hin zur Genomanalyse und umfasst dabei die
kleinste Spitzmaus ebenso wie den größten Wal. Dieses Wissen ist
unverzichtbar, um die Evolution der Säugetiere und ihre speziellen
Anpassungen an ihre Lebensräume besser zu verstehen und so den
Herausforderungen des modernen Artenschutzes besser entsprechen zu können“
sagen MfN-Wissenschaftler Peter Giere, Mitorganisator der
Jubiläumskonferenz und Mitglied des Vorstands der DGS und IZW-Kollege
Jörns Fickel, gleichfalls Mitorganisator der Konferenz.
Vor einem Jahrhundert standen die Säugetiere wissenschaftlich noch
weitestgehend im Schatten anderer Tiergruppen, wie den Insekten oder
Vögeln. Während die Ornithologie bereits durch eine Gesellschaft
repräsentiert war und die Beobachtung und das systematische Beschreiben
von Vögeln viele Menschen begeisterte, wusste man über die Fortpflanzung,
das Verhalten und die Physiologie wildlebender Säugetiere erstaunlich
wenig:
„Säugetiere in freier Wildbahn ließen sich nur schwer erforschen, das
rudimentäre Fachwissen stammte meist aus Beschreibungen einzelner
NaturforscherInnen, von Jägern und Förstern und aus der Haltung einzelner
Arten in Zoos. Deutlich besser sah es hingegen bei der Anatomie aus, die
früher und heute einen wichtigen Zweig der Säugetierkunde darstellt“ so
Ulla Lächele, Biologin und Mitorganisatorin der Konferenz.
Die Erfindung einer neuen Wissenschaft
Gegründet von Hermann Pohle, Kurt Ohnesorge, Max Hilzheimer und anderen im
Jahr 1926 in Berlin hatte die DGS von Anfang an das Ziel, die
Säugetierkunde „in alle Richtungen und mit allen Mitteln“ zu fördern.
Bemerkenswert war die Offenheit der Gesellschaft einem größeren Publikum
gegenüber: Zu den frühen Präsidenten gehörten nicht nur Wissenschaftler,
sondern auch ein Bankdirektor und der Präsident eines Landgerichts.
Bereits die ersten Ausgaben der Zeitschrift für Säugetierkunde enthielten
Beiträge aus Deutschland, anderen europäischen Ländern und den USA und
machten die Gesellschaft von der Gründung an zu einem internationalen
Forum der Säugetierforschung.
Als Symbol wählte die DGS das Okapi, ein damals kaum erforschtes Säugetier
aus dem Urwald Zentralafrikas. Elisabeth Hempel, Biologin und DGS-
Mitglied, sagt über das Okapi:
„Das Okapi vereint äußerliche Merkmale, die an Giraffe, Zebra und
Hirschkuh erinnern. Bereits 1928 wurden im Berliner Zoo mehrere Exemplare
gehalten. Sein markantes Erscheinungsbild bleibt vielen Besucherinnen und
Besuchern nachhaltig in Erinnerung.“
Vom Fernglas zur Genomforschung
In den vergangenen 100 Jahren hat sich die Säugetierkunde von einer
vorwiegend beschreibenden Naturwissenschaft zu einer interdisziplinären
Forschungsrichtung gewandelt. Satellitengekoppelte Sender, genetische
Analysen, Elektronenmikroskope, Kamerafallen, Bioakustiksensoren, Drohnen
und künstliche Intelligenz ermöglichen heute Einblicke in das Leben
wildlebender Säugetiere, die vor 100 Jahren und sogar noch vor wenigen
Jahrzehnten undenkbar gewesen wären. Diese Einblicke reichen weit über das
Beschreiben einzelner Arten hinaus. Sie helfen, die Evolution von Arten
und deren Anpassungen zu verstehen, den Verlust biologischer Vielfalt zu
dokumentieren und ihm entgegenzuwirken, Wanderbewegungen zu entschlüsseln
und die Auswirkungen von Lebensraumzersplitterung zu erkennen und zu
bekämpfen.
Damit liefert die Säugetierforschung wichtige Erkenntnisse für den Natur-
und Artenschutz:
„Die DGS hat als Ziel, auch in den nächsten 100 Jahren die
Säugetierforschung voranzubringen und Forschende zu unterstützen. Dabei
freuen wir uns sowohl über etablierte WissenschaftlerInnen, als auch über
am Beginn ihrer Karriere stehende Mitglieder“, so die Organisatoren.
Mitglieder am Anfang ihrer wissenschaftlichen Karriere organisieren sich
übrigens seit 2022 in einer eigenen Gruppe, der „youngDGS“, um die
Vernetzung zu fördern.
Die Gesellschaft für Säugetierkunde ist die zweitälteste wissenschaftliche
Gesellschaft für Säugetierkunde weltweit. Sie fördert den
wissenschaftlichen Austausch über Biologie, Evolution, Ökologie,
Verhalten, Gesundheit und Schutz wildlebender Säugetiere. Zu ihren
Mitgliedern zählen Forschende aus Universitäten, Museen,
Forschungseinrichtungen, Behörden und Naturschutzorganisationen.
