Zum Hauptinhalt springen

Nach 200 Jahren: Erste Przewalski-Fohlen in der zentralkasachischen Steppe geboren

Pin It

Im Wiederansiedlungszentrum Alibi in der Altyn-Dala-Steppe sind erstmals
seit rund 200 Jahren Przewalski-Pferde auf zentralkasachischem Boden
geboren worden. zwei männliche Fohlen wurden im August 2026 geboren und
sind der erste Nachwuchs der Wildpferde, die im Rahmen eines
internationalen Wiederansiedlungsprojekts in ihre ursprüngliche Heimat
zurückgebracht wurden. Mütter sind zwei Stuten, die vor zwei Jahren aus
dem Tierpark Berlin nach Kasachstan reisten. Möglich wurde dieser Erfolg
durch die langjährige Zusammenarbeit von zoologischen Einrichtungen,
Naturschutzorganisationen, Forschungsinstituten und politischen
Institutionen aus Europa und Asien.

Für die Berliner Stute Tessa ist das am 22. August geborene Fohlen der
erste Nachwuchs. Und es blieb nicht bei einer Geburt: Am 30. August kam
ein zweites Fohlen in Alibi zur Welt. Seine Mutter Umbra wurde ebenfalls
2024 aus Berlin nach Kasachstan gebracht. Beide Stuten gehörten zu den
ersten sieben Przewalski-Pferden, die unter Leitung des Zoo Prag nach
Kasachstan transportiert wurden, um dort eine stabile Population
aufzubauen. Beide Fohlen sind wohlauf und standen bereits kurze Zeit nach
der Geburt auf eigenen Beinen. Die Jungtiere werden nun gemeinsam mit der
Herde in der weitläufigen Steppe aufwachsen – in einem Lebensraum, aus dem
Przewalski-Pferde rund 200 Jahre lang verschwunden waren.

Dieses Wiederansiedlungsprogramm wird von einem internationalen Konsortium
koordiniert, zu dem der Tiergarten Nürnberg, der Prager Zoo, das Forestry
and Wildlife Committee des Ministry of Ecology, Geology and Natural
Resources der Republik Kasachstan, die ACBK, die ZGF, der Tierpark Berlin
und der Hortobágy-Nationalpark gehören. Das Management vor Ort, die
tierärztliche Betreuung und die ökologische Überwachung werden von der
Altyn Dala Conservation Initiative gemeinsam mit dem Leibniz-IZW
durchgeführt. Die Altyn Dala Conservation Initiative wurde 2005 zum Schutz
und zur Wiederherstellung der einzigartigen Steppenökosysteme Kasachstans
gegründet, 2023 als „UN World Restoration Flagship“ anerkannt und 2024 mit
dem Earthshot Prize ausgezeichnet. Das langfristige Ziel des Konsortiums
ist es, bis zum Jahr 2029 insgesamt 40 bis 45 Wildpferde in die Turgai-
Steppe in Zentralkasachstan zu entlassen.

Das Przewalski-Pferd (Equus przewalskii) war in der zweiten Hälfte des 20.
Jahrhunderts in der Wildnis ausgestorben und überlebte nur dank
internationaler Zuchtprogramme in Zoos. Heute soll sie im Rahmen des
Projekts „Return of the Wild Horses“ unter der Leitung des Zoo Prag wieder
dauerhaft in ihrer ursprünglichen Heimat angesiedelt werden. In der
Mongolei und China ist dies bereits gelungen ¬– Kasachstan ist damit das
dritte Land, das wieder eine Heimat für die wilden Pferde werden könnte.
Die ersten sieben Przewalski-Pferde aus dem Tierpark Berlin und dem Zoo
Prag erreichten Kasachstan 2024. 2026 folgten vier Stuten aus dem
Tiergarten Nürnberg, dem Marwell Zoo in Großbritannien und dem Tierpark
Berlin sowie vier Hengste. Im Wiederansiedlungszentrum Alibi wurden sie
zunächst in großzügigen Akklimatisierungsgehegen untergebracht. In den Bau
des Zentrums ist die tierhalterische Expertise von Zoos eingeflossen; die
ersten Anlagen in Alibi wurden bereits im Jahr 2012 in Zusammenarbeit der
kasachischen Partner mit Fachleuten des Tiergarten Nürnberg angelegt. In
Alibi konnten sich die Pferde ein Jahr lang an das Klima, die Landschaft
und die natürlichen Bedingungen ihrer neuen Heimat gewöhnen. Temperaturen
von bis zu -40 Grad im Winter und die raue Umgebung der kasachischen
Steppe stellen besondere Anforderungen an die Tiere.

Das Wiederansiedlungsprojekt ist Teil der „Altyn Dala Conservation
Initiative“ und damit eines umfassenden Vorhabens zur Wiederherstellung
der zentralasiatischen Steppenökosysteme, zu dessen Zielen auch die
Erholung der Bestände der Saiga-Antilopen gehört. Als große
Pflanzenfresser halten Przewalski-Pferde die Landschaft offen, verbreiten
Samen und schaffen Lebensräume für zahlreiche weitere Arten. Darüber
hinaus können sie dazu beitragen, die Ausbreitung von Bränden in der
Steppe zu begrenzen. Durch ihr Grasen halten sie die Vegetation kurz und
reduzieren so potenziell die Menge an brennbarem Pflanzenmaterial. Neben
den Przewalski-Pferden engagiert sich die Initiative auch für die
Wiederansiedlung einer weiteren wichtigen Weidetierart, die aus der
zentralkasachischen Steppe verschwunden war: dem Asiatischen Esel, auch
Kulan genannt.

Statements

Julia Bohner, Tierärztin am Leibniz-Institut für Zoo- und
Wildtierforschung:
„Während ihres ersten Jahres in Kasachstan begleiten wir die Pferde bei
der Eingewöhnung intensiv und sind für ihre tiermedizinische Betreuung
verantwortlich. Dass sich die Tiere in ihrer neuen Heimat so gut eingelebt
haben, dass sie sich hier erfolgreich fortpflanzen und nun die ersten
Fohlen geboren wurden, ist für uns ein ganz besonderes Zeichen. Es zeigt,
dass wir auf dem richtigen Weg sind – und lässt uns hoffen, dass in den
kommenden Jahren noch viele weitere Fohlen folgen werden.“

Anne Dohrmann, Projektbeauftragte der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt.
Die ZGF engagiert sich seit 2006 in Zentralkasachstan und ist
Gründungsmitglied der „Altyn Dala Conservation Initiative“:
„Als vor rund zwei Jahren die ersten Wildpferde wieder ihre Hufe in die
kasachische Steppe setzten, sehnten wir den Tag herbei, an dem hier das
erste Fohlen geboren wird. Heute ist diese Vision Wirklichkeit geworden.
Für unser gesamtes Team ist dies ein sehr emotionaler Moment, der Hoffnung
gibt. Die beiden Fohlen sind der lebendige Beweis dafür, dass wir
gemeinsam Großes schaffen können, für die Wildpferde und für das Ökosystem
von Altyn Dala.“

Michael Brombacher, Leiter der Europareferats der Zoologischen
Gesellschaft Frankfurt:
„Die Rückkehr der Przewalski-Pferde ist weit mehr als die Wiederansiedlung
einer einzelnen Art. Große Wildtiere, die Pflanzen fressen, sind ein
wichtiger Bestandteil natürlicher Steppenökosysteme und prägen diese
Landschaften durch ihre Beweidung. Dass nun die ersten Fohlen geboren
wurden, ist deshalb nicht nur ein wichtiger Schritt für die Wildpferde,
sondern auch für die langfristige Wiederherstellung der
zentralkasachischen Steppe. Wir sind auf einem guten Weg.“

Vera Voronova, Direktorin der Association for the Conservation of
Biodiversity of Kazakhstan (ACBK):
„Die Geburt des ersten Fohlens ist das Ergebnis einer enormen Menge an
Arbeit, die lange vor der Ankunft der Pferde in Kasachstan begonnen hat“,
sagte „Die Vorbereitung des Geländes und der Infrastruktur, die
Organisation der komplexen Logistik für den Transport der Tiere, ihre
Eingewöhnung sowie die tägliche Überwachung und Versorgung durch
Fachleute, all dies war entscheidend, damit sich die Pferde erfolgreich an
ihre neue Umgebung anpassen konnten. Nun steht eine neue Aufgabe vor uns,
denn wir müssen das Wachstum und die Entwicklung der ersten in Kasachstan
geborenen Przewalski-Pferde beobachten. Wir hoffen, dass diese erste
Generation den Grundstein für eine sich selbst erhaltende Population legen
wird.“

Dr. Andreas Knieriem, Direktor von Zoo und Tierpark Berlin:
„Die Geburt dieses Fohlens zeigt eindrucksvoll, was möglich ist, wenn
zoologische Einrichtungen, Naturschutzorganisationen, Wissenschaft und
Behörden langfristig zusammenarbeiten. Sie motiviert uns, unsere Arbeit
konsequent fortzuführen. Denn der größte Erfolg im Artenschutz ist nicht
die erfolgreiche Zucht in menschlicher Obhut, sondern wenn eine Art wieder
dort leben kann, wo sie ursprünglich zu Hause war.“

Lenka Poliaková, Direktorin des Zoo Prag:
„Dass nach Jahrhunderten wieder ein Przewalski-Fohlen in Zentralkasachstan
geboren wurde, ist ein wichtiger und zugleich sehr freudiger Meilenstein.
Es ist nur einer von vielen Schritten auf dem Weg zu einer erfolgreichen
Wiederansiedlung dieser Art in der Altyn-Dala-Steppe. Aber es ist ein
Meilenstein, der unbedingt notwendig ist. Nachrichten wie die Geburt
dieses Fohlens geben allen, die an diesem Projekt beteiligt sind, neue
Energie, diesen Weg weiterzugehen.“