Von Trockenem Auge bis Augenverletzungen – Biologisches Geschlecht, aber auch Geschlechterrollen prägen Augenkrankheiten
Frauen verlieren häufiger ihr Augenlicht, Männer erkranken häufiger an
Rot-Grün-Farbsinnstörung und beide Geschlechter reagieren unterschiedlich
auf Therapie- und Vorsorgeangebote: Biologische, aber auch soziale
Geschlechterunterschiede beeinflussen das Risiko für Augenerkrankungen,
den Zeitpunkt der Diagnosestellung und sogar den Erfolg von Behandlungen.
Doch viele dieser Faktoren finden in Forschung und Versorgung noch zu
wenig Beachtung. Warum die Augenheilkunde geschlechterspezifische
Unterschiede stärker in den Blick nehmen sollte, erläutern Expertinnen am
17. September 2026 auf der Vorab-Pressekonferenz anlässlich des 124.
Kongresses der Deutschen Ophthalmologischen Gesellschaft (DOG).
Weltweit leben rund 50 Millionen Menschen mit Blindheit, davon stellen
Frauen mit etwa 65 Prozent zwei Drittel der Betroffenen. Zudem tragen
Frauen ein deutlich höheres Risiko für Sehbehinderungen. „Diese Zahlen
werden häufig allein mit der höheren Lebenserwartung von Frauen erklärt,
was jedoch zu kurz greift“, sagt Professorin Dr. med. Viktoria Constanze
Brücher von der Klinik für Augenheilkunde des Universitätsklinikums
Münster. „Sowohl biologische Unterschiede als auch soziale und
geschlechterkulturelle Faktoren tragen dazu bei, dass Frauen und Männer
andere Risiken für Augenkrankheiten haben“, ergänzt Professorin Dr. med.
Anna-Karina Maier-Wenzel von der Klinik für Augenheilkunde an der Charité
– Universitätsmedizin Berlin. Die beiden DOG-Expertinnen gehören dem DOG-
Arbeitskreis Frauen in der Ophthalmologie an.
Geschlechterunterschiede beginnen bei der Biologie
Zunächst begründen biologische Faktoren unterschiedliche Risiken für
zahlreiche Augenerkrankungen. So tritt das Trockene Auge bei Frauen
insbesondere nach den Wechseljahren häufiger auf, was unter anderem mit
hormonellen Veränderungen zusammenhängt. Hinweise sprechen dafür, dass
Östrogene auch an der Regulation des Augeninnendrucks beteiligt sind. „Die
Wechseljahre gelten deshalb zunehmend als geschlechtsspezifischer
Risikofaktor für ein Glaukom“, sagt Brücher. Auch das Engwinkelglaukom,
eine spezielle Form des Grünen Stars, betrifft Frauen weltweit zwei- bis
vierfach häufiger – bedingt vor allem durch anatomische Unterschiede wie
kleinere Augen und eine flachere Vorderkammer. Umgekehrt ist die Rot-Grün-
Farbsinnstörung aufgrund der X-chromosomalen Vererbung vor allem ein
männliches Phänomen: Rund neun Prozent der Männer, aber nur 0,8 Prozent
der Frauen sind betroffen.
Auch Geschlechterrollen beeinflussen die Augengesundheit
Doch nicht alle Unterschiede sind biologisch bedingt. Gesellschaftliche
und kulturelle Einflüsse wirken ebenfalls auf die Augengesundheit. Studien
zeigen etwa, dass bei gleicher Häufigkeit einer Amblyopie, einer
Sehschwäche infolge gestörter Sehentwicklung, türkische Jungen häufiger
betroffen sind – als mögliche Ursache gilt eine geringere Akzeptanz von
Brillen. Bei pakistanischen Mädchen werden Schielerkrankungen zum Teil
später diagnostiziert. Männer erleiden häufiger arbeitsbedingte, Frauen
häufiger häusliche Augenverletzungen; junge Männer sind insgesamt am
stärksten betroffen. „Solche Beispiele verdeutlichen, dass auch
Geschlechterrollen beeinflussen, wie Erkrankungen entstehen, erkannt und
behandelt werden“, sagt Maier-Wenzel.
Männer und Frauen gehen unterschiedlich mit Therapien um
Schließlich zeigen sich auch beim Umgang mit Erkrankungen Unterschiede.
Frauen nehmen Vorsorgeangebote häufiger wahr und halten sich oft
konsequenter an verordnete Behandlungen, etwa bei der Anwendung von
Augentropfen beim Grünen Star. Männer suchen deutlich seltener und später
augenärztliche Hilfe; eine Studie zeigte, dass Frauen augenärztliche
Untersuchungen deutlich häufiger in Anspruch nahmen als Männer – die
Wahrscheinlichkeit war bei Frauen etwa 1,5-mal so hoch wie bei Männern.
„Gleichzeitig profitieren Männer nach bisherigen Erkenntnissen besonders
von klaren Handlungsanweisungen im Rahmen der Therapie“, erläutert
Brücher. Auch bei der Implantation von Kunstlinsen setzt das Geschlecht
divergente Akzente: Frauen sind mit einer guten Nahsicht zufrieden, Männer
benötigen eine bessere Fernsicht.
Datenlücken schließen – auch mit erweiterter Anamnese
„Die bisherigen Erkenntnisse unterstreichen, dass geschlechtsspezifische
Unterschiede in der Augenheilkunde vielfältig und klinisch relevant sind“,
resümiert Maier-Wenzel. „Dennoch werden sie in Studien bisher häufig nicht
systematisch untersucht.“ Hinzu komme, dass soziale Einflussfaktoren oft
gar nicht erfasst werden. Die Arbeitsgruppe Geschlechtersensible Medizin
in der Augenheilkunde hat deshalb einen erweiterten Anamnesebogen
entwickelt, der über das biologische Geschlecht hinaus auch
Geschlechtsidentität, hormonelle Einflüsse und Aspekte wie
Erwerbssituation oder versäumte Arzttermine berücksichtigt.
Präzisionsmedizin braucht den Blick aufs Geschlecht
„Wir wollen genauer verstehen, wie biologische und gesellschaftliche
Faktoren zusammenwirken“, sagt DOG-Expertin Brücher. Nur dann könne man
die medizinische Versorgungslücke zwischen den Geschlechtern schließen.
„Moderne Präzisionsmedizin sollte auch Geschlechterunterschiede in den
Blick nehmen“, ergänzt Maier-Wenzel.
Hintergründe und Zusammenhänge werden die beiden DOG-Expertinnen auf der
Online-Vorab-Pressekonferenz erläutern, zu der Sie sich mit dem
untenstehenden Link anmelden können.
Kongress-Veranstaltungshinweis
Symposium: „Gendermedizin beim Glaukom – was wissen wir?“
Sonntag, 27. September 2026, 10.30 bis 11.45 Uhr, Saal Donders
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