Was uns der aktuelle Dieselpreis über unsere komplexe Welt verrät
Wenn eine Zweiteilung des Rheins den Preis treiben kann
Seit dem 30. Juni 2026 ist der sogenannte Tankrabatt Geschichte. Seitdem kennen die Preise an
vielen Tankstellen vor allem eine Richtung.
An einer von mir beobachteten Tankstelle kostete Diesel Ende Juni 173,9 Cent je Liter. Heute
sind es 211,9 Cent. Das sind 38 Cent oder knapp 22 Prozent mehr. Beim Benzin fällt der Anstieg
geringer aus: von 179,9 auf 205,9 Cent – 26 Cent beziehungsweise rund 14,5 Prozent.
Ein
erheblicher Teil beider Preissprünge lässt sich relativ einfach erklären: Mit dem Ende des
Tankrabatts entfiel eine Entlastung von rund 17 Cent je Liter. Doch woher kommt der Rest?
Eine Erklärung liegt nahe: Die Mineralölkonzerne könnten die Situation nutzen, um Übergewinne
zu erzielen. Und auch eine Lösung wäre schnell gefunden: Übergewinne besteuern und einen
Teil des Geldes an diejenigen zurückgeben, deren Portemonnaie durch die hohen Energiepreise
immer schmaler wird. Wäre der Preis für einen Liter Diesel das Ergebnis einer einfachen
mathematischen Berechnung, könnte das eine ebenso einfache wie pragmatische Lösung sein.
Nur ist dieser Preis alles andere als einfach.
Hinter den 211,9 Cent an der Zapfsäule verbirgt sich ein weltweites Geflecht: Rohölförderung
und Raffineriekapazitäten, Pipelines und Tanker, Börsen und Warentermingeschäfte,
Wechselkurse und Lagerbestände, Nachfrage, Logistik, Steuern – und geopolitische
Entscheidungen. Schon diese Faktoren beeinflussen sich gegenseitig. Doch derzeit kommen
Entwicklungen hinzu, die auf den ersten Blick kaum etwas miteinander zu tun haben: die
Meerenge zwischen Iran und Oman, der Wasserstand des Rheins und die Preisermittlung
internationaler Agenturen.
Was haben sie mit dem Preis an einer deutschen Tankstelle zu tun?
1. Die Straße von Hormus
Vor dem Krieg passierten täglich rund 20 Millionen Barrel Rohöl und Ölprodukte die Straße von
Hormus. Hinzu kommen große Mengen Flüssigerdgas und andere Waren wie Dünger.
Nun kommt eine neue Variable hinzu: Geld und politische Macht.
Nach Reuters-Berichten will der Iran für die Durchfahrt von Handelsschiffen Gebühren von 5 bis
7 Prozent des Warenwertes verlangen, Oman diskutiert etwa 3 Prozent. Das Ergebnis bleibt
abzuwarten. Bei einem angenommenen Ölpreis von 75 US-Dollar je Barrel wären das für Iran
rechnerisch 3,75 bis 5,25 US-Dollar je Barrel – rund 2,4 bis 3,3 US-Cent je Liter Rohöl.
Was davon tatsächlich im deutschen Dieselpreis ankommt, lässt sich nicht einfach berechnen.
Denn auf eine solche Entscheidung reagieren Händler, Reedereien, Versicherer, Raffinerien,
Käufer und Finanzmärkte. Eine politische Entscheidung an einer Meerenge zwischen Iran und
Oman kann so bis zur deutschen Zapfsäule wirken.
2. Hitze und Niedrigwasser
Von Hormus zurück nach Deutschland: Auch der Wasserstand des Rheins kann den Dieselpreis
beeinflussen. Aktuell droht eine Zweiteilung des Rheins für die Schifffahrt. Bei dem derzeit
extremen Niedrigwasser können Schiffe deutlich weniger laden, teilweise nur 20 Prozent ihrer
normalen Ladung.
Sollte der Rhein bei Kaub nicht mehr beschiffbar sein, hätte das erhebliche Auswirkungen.
Weniger Ladung oder eine Unterbrechung der durchgängigen Transportverbindung bedeuten
höhere Transportkosten und können die regionale Verfügbarkeit von Kraftstoffen verringern.
Schon jetzt sind die Folgen sichtbar: Die Kosten für Tankkähne von Rotterdam nach Karlsruhe
stiegen laut Händlern von rund 45 Euro je Tonne Ende Juni auf 145–150 Euro je Tonne am 30.
Juli. Davon betroffen sind auch Ölprodukte wie Benzin und Diesel.
So wird neben geopolitischer Macht plötzlich auch das Wetter zum Preisfaktor.
3. Preisagenturen: Wie entsteht eine Referenzgröße für den Handel?
Neben Politik und Wetter kommt ein weiterer Faktor hinzu: Information. Im internationalen
Ölhandel spielen sogenannte Price Reporting Agencies eine wichtige Rolle. Zu den
bedeutendsten gehören S&P Global Commodity Insights (Platts) und Argus Media. Ihre
Preisnotierungen dienen als Referenz für zahlreiche Lieferverträge.
Das Bundeskartellamt hatte deshalb eine vertiefte Untersuchung ihres Einflusses auf den
deutschen Kraftstoffgroßhandel eingeleitet. Das Oberlandesgericht Düsseldorf stoppte jedoch
Teile der dafür angeordneten Auskunftspflichten; insbesondere die Offenlegung der
Informanten der Preisagenturen ist rechtlich umstritten. Das bedeutet nicht, dass die Agenturen
Preise manipulieren. Interessant ist vielmehr die Rückkopplung: Informationen über
abgeschlossene Geschäfte fließen in Preisbewertungen ein – und diese Preisbewertungen
können wiederum als Referenz für weitere Geschäfte dienen. Die Information wird damit selbst
zu einem Faktor im Marktgeschehen.
Eine politische Entscheidung in Teheran, der Wasserstand des Rheins und die Entstehung eines
Referenzpreises scheinen zunächst wenig miteinander zu tun zu haben. Beim Preis für einen
Liter Diesel treffen ihre Wirkungen dennoch alle aufeinander.
Keiner dieser Faktoren bleibt konstant. Vor allem aber lässt sich kaum mathematisch
bestimmen, wie stark jeder Einzelne im Zusammenspiel mit den anderen auf den Preis wirkt.
Zusammen mit den bereits genannten Einflussgrößen entsteht ein hochkomplexes System.
Damit stellt sich die Frage: Wie weit lässt sich ein solcher Preis für Diesel oder Benzin
überhaupt durch den Staat oder den Verbraucher kontrollieren?
Einzelne Faktoren lassen sich beeinflussen – zum Beispiel Steuern, Wettbewerb oder
Lieferwege. Doch während wir an einer Stellschraube drehen, verändern sich ständig andere.
Besser lässt sich die Komplexität kaum darstellen.
Wir versuchen zu berechnen und zu steuern, was sich gleichzeitig verändert. Das verlangt
Flexibilität und die Bereitschaft zur ständigen Anpassung, denn was morgen geschieht, wissen
wir nicht. Das kostet Ressourcen. Eine einzige Ursache – und damit den einen Schuldigen – gibt
es in diesem Geflecht kaum. Vielleicht liegt die bessere Chance darin, mit vielen Köpfen
gleichzeitig nach neuen Lösungen zu suchen.
Denn in einer global vernetzten, hochkomplexen Welt ist Unabhängigkeit ein rares Gut – und
vollständige Unabhängigkeit kaum möglich. Selbst das Wetter verbindet uns alle.
© Marita Kühne, 11. August 2026
