Pflanzenvielfalt nützt dem Naturschutz und der Landwirtschaft
Eine internationale Datenauswertung unter maßgeblicher Beteiligung des
Leibniz-Instituts zur Analyse des Biodiversitätswandels (LIB) zeigt:
Pflanzenvielfalt stärkt in Ackerlandschaften die natürliche
Schädlingskontrolle und stabilisiert Ökosysteme in Wiesen und Wäldern. Sie
sorgt somit für höhere Erträge in der Land- und Forstwirtschaft.
**SPERRFRIST: Erscheinungstermin 23. Juli 2026, 20 Uhr MEZ (14 Uhr U.S.
Eastern Time)***
Pflanzenvielfalt gilt seit Langem als Schlüssel für stabile und
widerstandsfähige Ökosysteme. Doch warum sie in landwirtschaftlichen
Flächen andere Wirkungen entfaltet als in Wiesen oder Wäldern, war bislang
kaum verstanden. Eine internationale Forschungsgruppe, an der das Leibniz-
Instituts zur Analyse des Biodiversitätswandels (LIB) maßgeblich beteiligt
war, hat diese Frage nun erstmals auf globaler Ebene untersucht. Die
bislang umfassendste Datensynthese zu diesem Thema mit dem Titel „Plant
diversity modifies multi-trophic interactions in croplands, grasslands and
forests“ zeigt: Mehr Pflanzenarten verändern Nahrungsketten je nach
Ökosystem auf unterschiedliche Weise – mit unmittelbaren Konsequenzen für
die Biodiversität, aber auch die Wirtschaft. Die Studie basiert auf 149
Feldstudien mit Daten aus 214 Standorten in 27 Ländern auf fünf
Kontinenten und wurde in der Fachzeitschrift „Science Advances“
veröffentlicht.
Im Zentrum der Untersuchung stand die Frage, wie Pflanzenvielfalt die
Wechselwirkungen zwischen Pflanzen, pflanzenfressenden Insekten sowie
deren natürlichen Feinden beeinflusst. Während frühere Studien einzelne
Ökosysteme oder Regionen betrachteten, verbindet die neue Analyse erstmals
Daten aus Agrarlandschaften, Grünland und Wäldern weltweit und zeigt, dass
sich die zugrunde liegenden ökologischen Mechanismen grundlegend
unterscheiden.
„Wir konnten erstmals weltweit zeigen, dass Pflanzenvielfalt nicht überall
nach denselben Regeln wirkt“, sagt Prof. Dr. Christoph Scherber, Leiter
des Zentrums für Biodiversitätsmonitoringam LIB und Seniorautor der
Studie. „In landwirtschaftlichen Systemen stärkt sie vor allem die
natürlichen Gegenspieler von Schädlingen. In artenreichen Wiesen und
Wäldern führt sie dagegen zunächst zu mehr Pflanzenfressern und erst in
der Folge auch zu mehr Räubern. Dieses Wissen hilft uns zu verstehen, wie
Biodiversität Ökosysteme stabilisiert – und wie wir sie gezielt für
nachhaltige Landwirtschaft nutzen können.“
*Artenreiche Felder fördern die natürliche Schädlingskontrolle*
Besonders deutlich zeigen sich die Vorteile einer höheren Pflanzenvielfalt
in Agrarlandschaften. Dort profitieren räuberische Insekten und
Parasitoide stärker von einer größeren Pflanzenvielfalt als
pflanzenfressende Schadinsekten. Dadurch verschiebt sich das Gleichgewicht
zugunsten der natürlichen Feinde – ein Muster, das als Top-down-Kontrolle
bezeichnet wird.
Die Analyse zeigt: Je vielfältiger die Pflanzen, desto mehr Nützlinge. Im
Ökolandbau steigt ihr Verhältnis zu Pflanzenfressern um fast das
Zehnfache, im konventionellen Ackerbau um etwa das Anderthalbfache.
Gleichzeitig gingen die Leistungen pflanzenfressender Insekten deutlich
zurück. Die Ergebnisse sprechen dafür, dass vielfältigere Anbausysteme
natürliche Schädlingsregulation fördern und so einen wichtigen Beitrag zu
einer nachhaltigeren Landwirtschaft leisten können.
„Unsere Ergebnisse zeigen eindrucksvoll, dass Biodiversität nicht nur dem
Naturschutz dient, sondern auch konkrete Vorteile für die
landwirtschaftliche Produktion bieten kann“, sagt Scherber. „Mischkulturen
und vielfältige Agrarsysteme schaffen bessere Lebensbedingungen für
Nützlinge und können dazu beitragen, Schädlingsbefall auf natürliche Weise
zu begrenzen. Damit erzielen artenreiche Äcker mehr Ertrag als
Monokulturen.“
*Wiesen und Wälder folgen anderen Regeln*
In Grünland- und Waldökosystemen beobachteten die Forschenden dagegen ein
anderes
Muster. Dort führte eine größere Pflanzenvielfalt zunächst zu höherer
Pflanzenproduktion und einem größeren Nahrungsangebot für Pflanzenfresser.
Erst diese steigenden Bestände ermöglichten anschließend auch höhere
Populationen ihrer natürlichen Feinde. Biologinnen und Biologen sprechen
hierbei von Bottom-up-Prozessen.
Die Studie zeigt damit erstmals weltweit, dass die Richtung trophischer
Wechselwirkungen – also von Nahrungsbeziehungen – maßgeblich vom
jeweiligen Ökosystem abhängt. Während in Agrarlandschaften vor allem
natürliche Schädlingskontrolle im Vordergrund steht, fördert
Pflanzenvielfalt in Wiesen und Wäldern die gesamte Vielfalt der
Nahrungskette und trägt so dazu bei, diese Ökosysteme zu stabilisieren.
*Bestätigung einer wegweisenden LIB-Studie*
Für das LIB besitzt die Veröffentlichung eine besondere wissenschaftliche
Bedeutung. Sie knüpft unmittelbar an eine 2010 in der Fachzeitschrift
„Nature“ veröffentlichte Arbeit von Christoph Scherber und Kolleginnen und
Kollegen an. Damals konnte erstmals experimentell gezeigt werden, dass
Pflanzenvielfalt Auswirkungen auf ganze Nahrungsketten hat. Die neue
globale Datensynthese bestätigt diese Zusammenhänge nun anhand von
Feldstudien aus unterschiedlichsten Regionen der Erde und erweitert sie um
einen entscheidenden Befund: Je nach Ökosystem dominieren unterschiedliche
ökologische Mechanismen.
Die Untersuchung entstand in Zusammenarbeit von mehr als 140
Wissenschaftlerinnen und
Wissenschaftlern aus fast 40 verschiedenen Ländern. Für die Datensammlung
wurden
zwischen 2020 und 2025 rund 3.800 Forschende kontaktiert. Schließlich
konnten Daten aus 149 geeigneten Feldstudien zusammengeführt werden. In
die Analyse flossen auch Daten aus dem europäischen Forschungsprojekt
DIVERSify ein, an dem das LIB – unter anderem mit den damaligen
Mitarbeiterinnen Silvia Pappagallo und Jana Brandmeier – maßgeblich
beteiligt war.
*Biodiversität als Schlüssel für nachhaltige Landnutzung*
Die Ergebnisse unterstreichen, dass Biodiversität weit mehr ist als allein
ein Ziel des Naturschutzes. Sie beeinflusst zentrale Ökosystemleistungen
wie natürliche Schädlingskontrolle, Produktivität und Stabilität
biologischer Gemeinschaften. Insbesondere in Zeiten zunehmender
Klimaextreme und steigender Anforderungen an eine nachhaltige
Lebensmittelproduktion liefern die neuen Erkenntnisse wichtige
wissenschaftliche Grundlagen für die Gestaltung widerstandsfähiger
Agrarsysteme. Aus der Forschung lässt sich die Empfehlung ableiten,
Mischkulturen statt Monokulturen anzubauen.
