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Infarkt-Risiko: LDL-Cholesterinsenkung selten und lückenhaft

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Studien: In Deutschlands Arztpraxen gelingt zu selten eine
leitliniengerechte Senkung des LDL-Cholesterins – für Betroffene erhöht
sich so das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und Herzversagen. Vor
allem Frauen und ältere Menschen von Versorgungsdefizit betroffen



Wer sich vor Herzinfarkt und Schlaganfall schützen will, muss sein LDL-
Cholesterin (LDL-C) im Blick behalten und regelmäßig beim Arzt
kontrollieren lassen. Zirkuliert zu viel ungenutztes LDL-C im Blut, lagert
es sich in den Wänden der Blutgefäße ab und trägt dort zur Bildung
sogenannter Plaques bei. Damit nimmt unter anderem das Herzinfarktrisiko
zu. Bei erhöhten LDL-C-Blutwerten empfehlen deshalb internationale und
deutsche Leitlinien ein gezieltes Absenken. Das gilt besonders nach einem
Herzinfarkt, Schlaganfall, einer Gefäßoperation oder für Patienten, die
ein hohes Risiko für solche Ereignisse haben. „Der Aufklärungsbedarf in
der Bevölkerung für die kardiovaskulären Risiken durch
Fettstoffwechselstörungen wie erhöhtes LDL-Cholesterin ist weiterhin sehr
hoch. Immer noch kommen zu viele Menschen wegen Herzinfarkt oder
Schlaganfall in die Klinik und es zeigen sich bei ihnen erhöhte LDL-
Cholesterinwerte, die gar nicht oder nur unzureichend behandelt sind“,
berichtet der Kardiologe Prof. Dr. Heribert Schunkert, stellvertretender
Vorstandsvorsitzender der Deutschen Herzstiftung und Direktor der Klinik
für Herz- und Kreislauferkrankungen am TUM Klinikum Deutsches Herzzentrum
München. Grund dafür sind mitunter Lücken in der kardiologischen und
hausärztlichen Versorgung, wie Experten in der aktuellen Ausgabe der
Herzstiftungs- Zeitschrift HERZ heute anhand von Studiendaten aufzeigen.
Und auch Patienten selbst unterschätzen das Risiko hoher Blutfettwerte und
nehmen verordnete Lipidsenker nicht regelmäßig ein.
Mit dem Ziel, besonders Risikogruppen dafür zu sensibilisieren, dass eine
konsequente cholesterinsenkende Therapie wichtig ist, widmet die
Herzstiftung die aktuelle HERZ heute den Fettstoffwechselstörungen mit dem
Titel „Zu viel Fett im Blut – Wie ein gesunder Fettstoffwechsel Herz und
Gefäße schützt“. Die Ausgabe 1/2026 kann kostenfrei bestellt werden unter
https://herzstiftung.de/bestellung

Studie: Zu viele Patienten erhalten in Arztpraxen keine Therapie
„In Deutschland gelingt es auffällig selten, Patienten mit erhöhtem LDL-
Cholesterin im Blut den medizinischen Leitlinien gemäß zu behandeln“,
berichtet der Kardiologe Prof. Dr. Oliver Weingärtner, Oberarzt und Leiter
der Lipidambulanz an der Klinik für Kardiologie und Angiologie am
Universitätsklinikum Jena, in HERZ heute. Der Kardiologe bezieht sich bei
seiner Aussage auf Erkenntnisse aus dem von ihm mitgeleiteten
Forschungsprojekt „LipidSnapshot“. Dabei handelt es sich um eine
Initiative der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie (DGK), des
Bundesverbands Niedergelassener Kardiologen (BNK) und der Deutschen
Gesellschaft für Lipidologie (DGFL). Ziel des Projekts ist zu untersuchen,
inwiefern es aufgrund unterschiedlicher Therapieansätze von
niedergelassenen Kardiologen und Hausärzten in der Behandlung der
Hypercholesterinämie (erhöhtes LDL-Cholesterin im Blut) und
atherosklerotischen Herz-Kreislauf-Erkrankungen zu Versorgungslücken
kommt. Ausgewertet wurden Daten von 1500 niedergelassenen Kardiologinnen
und Kardiologen sowie 82375 Hausärztinnen und Hausärzten. Die aktuellen
Empfehlungen der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC/EAS)
lauten zum Beispiel für Patientinnen und Patienten mit koronarer
Herzerkrankung und hohem Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse: Das LDL-
Cholesterin soll unter 55 Milligramm (mg) pro Deziliter (dl) Blut gesenkt
werden, der Wert soll dabei um mindestens 50 Prozent vom Ausgangswert
gesenkt werden. Die Kernergebnisse der Studie:

- Nur etwa ein Viertel (27 Prozent) der bei einem Kardiologen behandelten
Patienten erreichen dass LDL-C-Ziel weniger als 55 mg/dl.
- In der hausärztlichen Versorgung sind es gerade einmal 12 Prozent.
- Jeder vierte Herzpatient (27 Prozent) in der Hausarztpraxis bekommt gar
keine lipidsenkende Therapie verordnet. Alarmierend: Bei jungen Patienten
– Menschen unter 50 Jahren – ist die Versorgungslücke noch größer. Fast
die Hälfte erhält hier gar keine Therapie. Frauen sind zudem doppelt
benachteiligt: Sie werden einerseits seltener optimal behandelt,
andererseits steigen ihre LDL-C-Werte mit zunehmendem Alter schneller als
bei Männern.

Problem: Therapieziele variieren je nach Leitlinie für Hausärzte oder
Kardiologen
Die Ursachen dieser Versorgungslücke sind vielfältig. „Sie reichen unter
anderem von systematischen Unterschieden in Leitlinien und
Therapiestrategien bis hin zu individuellen Unsicherheiten bei Patienten
und Ärzten“, erklärt Weingärtner. Die meisten Hausärzte orientieren sich
nach seinen Angaben nämlich an der nationalen Versorgungsleitlinie (NVL,
chronische KHK). Zwar soll auch hier allen Patienten mit KHK nach
Einschätzung des individuellen Gesamtrisikos zur Reduktion der Morbidität
und der Sterblichkeit dauerhaft ein Statin als Mittel der ersten Wahl
empfohlen werden – allerdings mit fester Dosis und nicht mit Blick auf
einen niedrigen Zielwert. Häufig werde ein damit erreichtes Absenken auf
weniger als 70 mg/dl als ausreichend akzeptiert (zum Vergleich: ESC/EAS-
Zielwert: 55mg/dl). „Doch schon 15 mg/dl Unterschied im Vergleich zum ESC
/EAS-Zielwert können das Risiko massiv beeinflussen“, betont Prof. Dr.
Anna Hohneck in HERZ heute. Hohneck ist leitende Ärztin der Lipidambulanz
an der Klinik für Endokrinologie, Diabetologie, Stoffwechselkrankheiten
und Klinische Chemie am Universitätsklinikum Heidelberg. Lipidspezialisten
wie Prof. Hohneck und Prof. Weingärtner sehen auch ein Problem darin, dass
die Therapie mit PCSK9-Hemmern, die LDL-C besonders stark senken, in
Deutschland zunächst nur von bestimmten Fachärzten begonnen werden dürfen,
nicht aber von Hausärzten (Fachärzten für Allgemeinmedizin). Die
Folgeverordnung sei dann zwar theoretisch möglich, sie werde nur in der
Praxis selten umgesetzt. „Gründe dafür sind unter anderem Unsicherheiten
bezüglich der Kosten oder Bedenken wegen möglicher Nebenwirkungen sowie
fehlende Routine im Umgang mit den neuen Präparaten“, so Hohneck.

Patienten und Ärzte unterschätzen Wichtigkeit konsequenter LDL-C-Senkung
Vielfach unterschätzen Patienten – und manchmal auch ihre behandelnden
Ärzte –, wie wichtig die konsequente LDL-C Senkung ist oder sie fürchten
Nebenwirkungen wie Muskelschmerzen. „Studien haben jedoch bestätigt:
Statine, Ezetimib und PCSK9-modulierende Substanzen sind bei regelmäßiger
Überwachung bestens verträglich“, betonen die Lipid-Spezialisten in HERZ
heute. „Das Risiko für Muskelschmerzen und andere Nebenwirkungen ist
weitaus geringer als oftmals angenommen.“ Infos hierzu unter:
https://herzstiftung.de/podcast-statine-schmerzen
Auch ein Wechsel von einem behandelnden Arzt zu einem anderen kann dazu
führen, dass eine dauerhafte leitliniengerechte LDL-Therapie erschwert
wird. Ergebnisse der klinischen „JaZ-Studie“ am Universitätsklinikum Jena
zeigen zum Beispiel: „Viele Patienten, die anfangs bei einem Spezialisten
auf einen Zielwert eingestellt worden sind, verschlechtern ihre Werte
wieder, wenn sie zur weiteren Betreuung in die reguläre hausärztliche
Versorgung zurückkehren“, berichtet Studien-Mitautor Prof. Weingärtner.

Was tun, um Versorgungslücken zu schließen?
Wie lässt sich verhindern, dass vor allem Risikopatienten mit erhöhtem
LDL-C wegen Versorgungsbrüchen einen Herzinfarkt oder Schlaganfall
erleiden – die bei konsequenter Therapie sehr gut vermeidbar wären? Die
Lipidspezialisten aus Heidelberg und Jena schlagen unter anderem folgende
Punkte vor:

- Alle ärztlichen Berufsgruppen sollten sich auf einheitliche LDL-
Zielwerte und Therapieprinzipien einigen.
- Für Patienten sollte mehr Transparenz geschaffen werden, welche
Therapieziele verfolgt werden und wie diese kontrolliert werden können.
- Moderne lipidsenkende Medikamente sollten leichter und ohne unnötige
Bürokratie zugänglich sein.
- Hausärzte besser in die Versorgung einbinden, etwa durch die bewusste
Integration von Telemedizin, strukturierte Nachsorge und regelmäßige
Fortbildungen zu neuen Therapien.
- Therapietreue unterstützen durch strukturiertes Nachfassen in Form
digitaler Erinnerungen an Nachsorgetermine in Lipidambulanzen oder durch
telefonisch geführter Kontrollgespräche.

„Eine unzureichende Therapie erhöhter LDL-C-Werte kann gravierende
gesundheitliche Folgen haben“, warnt der Kardiologe und Vize-
Vorstandsvorsitzende der Herzstiftung Prof. Schunkert. „Für das Senken
erhöhter LDL-C-Werte gibt es mit unserem heutigen Wissensstand keine
Ausrede. Denn es ist eindeutig belegt: Je stärker das LDL-Cholesterin
gesenkt wird, desto besser sind Herz und Gehirn vor Infarkten geschützt –
gerade wenn bereits andere Gefäßrisiken bestehen.“
(wi)