Fahrplan für die Munitionsbergung: Schleswig-Holstein bereitet sich auf die Bergung von Altmunition im großen Stil vor
Beteiligte von Firmen, aus der Forschung und der Verwaltung kommen heute
am GEOMAR Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel zusammen, um die
nächsten Schritte zur Bergung von Altmunition aus dem Meer zu erarbeiten.
Nachdem bei den Pilotbergungen in der Lübecker Bucht Erfahrungen gesammelt
worden sind, geht es jetzt darum, daraus zu lernen, rechtliche Hürden
abzubauen und einen konkreten Fahrplan für die großmaßstäbliche Räumung zu
entwickeln. Das schleswig-holsteinische Kompetenzzentrum für den Umgang
mit Munition in der marinen Umwelt, kurz MUNIMAR, bildet dafür den
gemeinsamen Rahmen.
So unwirklich diese Bilder erscheinen, so real sind sie: verrostete
Bomben, zerfallende Kisten voller Granaten oder riesige Sprengköpfe,
überzogen mit Algen, besiedelt von Seesternen und Fischen. So sieht es an
vielen Stellen vor unserer Ostseeküste aus.
Nachdem es lange ignoriert wurde, gibt es für das Problem der
Munitionsaltlasten im Meer seit gut zehn Jahren Aufmerksamkeit und
finanzielle Mittel. Heute ist für die Ostsee bekannt und gut dokumentiert,
wo welche Altmunition auf oder unter dem Sediment liegt und welche
schädlichen Auswirkungen bereits messbar sind. Ausmaß und Komplexität des
Problems sind allen beteiligten Ministerien, Forschungseinrichtungen und
Unternehmen bewusst, und es gibt eine große Einigkeit darüber, dass es
entschlossen und umfassend angegangen werden muss. Das bedeutet: In
Schleswig-Holstein wird weltweit zum ersten Mal Altmunition in großem Stil
aus dem Meer geräumt werden.
Um dafür einen konkreten Fahrplan zu entwickeln, treffen sich heute rund
50 Beteiligte aus Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung am GEOMAR
Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung Kiel zum MUNIMAR-Workshop.
Tobias Goldschmidt, Meeresschutzminister Schleswig-Holstein: „1,6
Millionen Tonnen alte Weltkriegsmunition liegt auf dem Boden der deutschen
Meere und die Zeit drängt. Aus diesem Grund treibt Schleswig-Holstein das
Thema Munitionsbergung seit langem aktiv voran. Mit MUNIMAR setzen wir die
gute Arbeit zielgerichtet und in einem starken Netzwerk fort. Denn eines
ist klar: Die Beseitigung der Munitionsaltlasten aus unserer Nord- und
Ostsee ist eine Generationenaufgabe, die nur mit vereinten Kräften zu
stemmen ist. Schleswig-Holstein steht bereit, dabei gemeinsam mit dem Bund
eine Führungsrolle zu übernehmen.“
Prof. Dr. Katja Matthes, Direktorin des GEOMAR Helmholtz-Zentrums für
Ozeanforschung Kiel: „Das Thema Munition im Meer hat sich in den letzten
zehn Jahren sowohl politisch als auch wissenschaftlich unglaublich
weiterentwickelt und ich bin sehr stolz auf die Schlüsselrolle, die das
GEOMAR hierbei gespielt hat. 2016 wussten wir noch nicht einmal wirklich,
vor welcher Herausforderung wir tatsächlich stehen. Heute kennen wir nicht
nur das Ausmaß des Problems, sondern wissen auch, was zu tun ist. Es geht
um großflächige Räumung, um Risiken für Umwelt und Bevölkerung zu
begegnen. Und das ist mehr als ein regionales Projekt in der deutschen
Ostsee. Die Bergung von Altmunition im Meer gilt weltweit als ungelöste
Herausforderung und die Kompetenz, die wir hier in Norddeutschland
aufbauen, damit als von potentiell internationaler Bedeutung.“
Dr. Sabine Schulz, Federführerin maritime Wirtschaft bei der IHK Schleswig
Holstein: „MUNIMAR zeigt eindrucksvoll, welches Potenzial entsteht, wenn
Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung frühzeitig zusammenarbeiten. Für
die regional ansässigen Unternehmen eröffnet sich hier ein neues,
hochinnovatives Betätigungsfeld mit internationaler Strahlkraft.
Entscheidend ist jetzt, dass dieser Ansatz nicht auf Schleswig-Holstein
begrenzt bleibt. Die Bundespolitik ist gefordert, die hier gewonnenen
Erfahrungen aufzugreifen und verlässliche Rahmenbedingungen für eine
großflächige Räumung von Altmunition zu schaffen.“
Wendepunkt 2024: Aus Erkenntnissen wird konkretes Handeln
Im Jahr 2024 wurden in der Lübecker Bucht erstmals gezielt Altlasten aus
einem Munitionsversenkungsgebiet geborgen. Nach Jahren der Forschung und
Vorbereitung markierten diese Pilotbergungen einen Wendepunkt. Sie wurden
im Rahmen des Sofortprogramms des Bundes ermöglicht, für welches das
Bundesumweltministerium Mittel in Höhe von 100 Millionen Euro
bereitgestellt hatte.
Die dabei eingesetzte Technik funktionierte grundsätzlich. Gleichzeitig
zeigte sich deutlich, wo sie weiterentwickelt werden muss. Die Arbeiten
lieferten zudem wertvolle Einblicke in den Zustand der Munition und in die
Beschaffenheit des Meeresbodens. Beides ist entscheidend, um künftige
Bergungen sicher und möglichst umweltschonend durchzuführen.
Pionierarbeit ohne Blaupause
Gleichzeitig wurde deutlich, dass die Herausforderung weit über technische
Fragen hinausgeht. „Dass bei der Pilotbergung noch ungelöste Fragen
aufgetaucht sind, verwundert nicht“, sagt Professor Dr. Jens Greinert,
Meeresgeologe am GEOMAR und Leiter der Forschungsgruppe Deep Sea
Monitoring. „Schließlich sind wir die ersten, die versucht haben, 80 Jahre
alte Munitionsaltlasten aus Versenkungsgebieten im Meer zu bergen. Dafür
gibt es keine Blaupause.“
Um die besten Rahmenbedingungen für diese Aufgabe zu schaffen, wurde im
Oktober 2024 MUNIMAR gegründet. Das schleswig-holsteinische
Kompetenzzentrum für den Umgang mit Munition in der marinen Umwelt,
getragen vom Ministerium für Energiewende, Klimaschutz, Umwelt und Natur
des Landes Schleswig-Holstein (MEKUN), vom GEOMAR sowie von der Industrie-
und Handelskammer Schleswig-Holstein (IHK), bringt alle Akteur:innen aus
Verwaltung, Wissenschaft und Wirtschaft zusammen. Während die Verwaltung
die rechtlichen und organisatorischen Rahmenbedingungen schafft, liefert
die Wissenschaft Daten und begleitet die Arbeiten mit Forschung,
Entwicklung und Messungen. Die Wirtschaft entwickelt die Technik und setzt
die Bergung um. MUNIMAR sorgt dafür, dass die drei Bereiche bestmöglich
zusammenarbeiten.
MUNIMAR: Drei Säulen, ein Ziel
„Wir gucken uns jetzt an, was gut geklappt hat und wo es noch
Abstimmungsbedarf gibt“, sagt Greinert. Besonders die Zusammenarbeit
zwischen Unternehmen und Behörden müsse weiter verbessert werden. So
mussten Bergungsarbeiten vorübergehend abgebrochen und Munition konnte
nicht wie geplant an Land gebracht werden. Weiter lagert ein Großteil der
geräumten Munition in sogenannten Nasslagern am Meeresgrund. Deren Inhalt
soll auf einer Entsorgungsplattform vernichtet werden, deren Betrieb noch
rechtlich geklärt werden muss.
Anderes funktioniere bereits gut. Greinert: „Wir Forschenden haben mit
jahrelanger Kartierung eine sehr gute Grundlage gelegt. Die beteiligten
Firmen wussten dadurch recht genau, wo was liegt und konnten dies in ihren
Angeboten und ihrer Planung nutzen. Während der Räumung übernehmen wir das
Monitoring – wir schauen also genau hin, wie sich die Arbeiten auf die
Umwelt auswirken.“
Auch zwischen Wissenschaft und Verwaltung habe sich die enge Abstimmung
bewährt. Auf Basis wissenschaftlicher Daten konnten gezielt Gebiete
ausgewählt werden, die sich für die Probebergungen besonders eigneten.
Diese Priorisierung soll nun weitergeführt werden, Denn klar ist: Ohne
verlässliche Planung und klare Abläufe wird es keine Investitionen in den
Betrieb der notwendigen Infrastruktur geben.
Autonome Bergungsplattform: Der nächste Schritt zur großflächigen Räumung
Auch diese muss erst entwickelt werden: Zukünftig soll eine autonome
Bergungsplattform Munition direkt auf See entsorgen. Entwicklung und Bau
der Plattform wurden parallel zur Pilotbergung ebenfalls aus den Mitteln
des Sofortprogramms des Bundes ausgeschrieben. Wer den Zuschlag bekommt,
wird voraussichtlich in wenigen Wochen bekannt gegeben. Wenn eine solche
Anlage ab 2028 betrieben werden soll, müssen die Rahmenbedingungen dafür
jetzt festgelegt werden. Genau deshalb kommen die Beteiligten heute in
Kiel zusammen. In Arbeitsgruppen tauschen sie Erfahrungen aus, benennen
Probleme und suchen nach Lösungen. Jens Greinert: „Jetzt geht die Arbeit
richtig los!“
