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Arktisdialog in Potsdam: Auf Augenhöhe gemeinsam Lösungen finden

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Die Arktis steht im Zentrum des Klimawandels: Sie erwärmt sich fast
viermal schneller als der Rest der Erde. Das tiefe, traditionelle Wissen
von Indigenen Völkern, das über Jahrtausende an Generationen weitergegeben
wurde, kann uns helfen, Veränderungen zu erkennen und zu verstehen.
Gleichzeitig können wissenschaftliche Methoden unterstützen, wichtige
Datenlücken über die zunehmenden Folgen des Klimawandels zu schließen.

Der
27. Arktisdialog am 14. April in Potsdam bringt beide Perspektiven
zusammen, denn nur gemeinsam und auf Augenhöhe lassen sich Lösungen
finden, um den Herausforderungen zu begegnen, vor die der Klimawandel uns
alle stellt

Für die Indigenen Völker und Bewohner:innen der Arktis ist der Klimawandel
eine allgegenwärtige Bedrohung, die ihre Lebensgrundlage und ihre
Lebensweisen gefährdet. Ihre erfolgreichen Strategien und Perspektiven,
mit diesen Veränderungen umzugehen, können auch für uns wichtige
Einsichten eröffnen. Doch was in der Arktis passiert, bleibt nicht in der
Arktis: Die Region ist einer der größten Dienstleister in unserem
Erdsystem und Veränderungen in der arktischen Atmosphäre und im Ozean,
insbesondere das Abschmelzen des Meereises beeinflussen nicht nur globale
Prozesse, sondern auch unser Wetter direkt. Und umgekehrt bleibt das, was
vor unserer Haustür passiert, nicht vor unserer Haustür: Emissionen und
Abfälle aus unseren Lebensweisen beeinflussen alle Prozesse im arktischen
Ökosystem und treiben den Klimawandel vor Ort. Um Möglichkeiten zu finden,
Klimafolgen einzudämmen und direkt betroffene Gemeinschaften dabei zu
unterstützen, sich an unumkehrbare Veränderungen anzupassen, ist es
wichtig beide Perspektiven zu verbinden: Indigenes Wissen und moderne
Wissenschaft müssen eng zusammenarbeiten, um Lebensgrundlagen zu sichern.

„Oft entsteht der Eindruck, dass die Arktis neuentdecktes Terrain ist, das
durch einseitige Interessen geprägt wird“, sagt Volker Rachold, Leiter des
Deutschen Arktisbüros am Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum für
Polar- und Meeresforschung (AWI). „Indigene Völker bewohnen die Region
jedoch bereits seit tausenden von Jahren. Ihre Kulturen haben sich über
lange Zeiten entwickelt und an die natürlichen Gegebenheiten der Arktis
angepasst. Deshalb müssen bei allen Aktivitäten in der Arktis die
Interessen der dort lebenden Menschen berücksichtigt und die Rechte und
Interessen Indigener Bevölkerungsgruppen gewahrt werden.“

Das Deutsche Arktisbüro organisiert seit 2017 halbjährlich den
Arktisdialog, um den Informationsaustausch zwischen Forschenden,
politischen Entscheidungstragenden und der arktischen Bevölkerung zu
verbessern und Akteure in einem geschützten Raum zusammenzubringen. Denn
auch die deutsche Bundesregierung hält in ihren Leitlinien zur deutschen
Arktispolitik fest, dass eine konsequente Berücksichtigung  der Indigenen
Bevölkerung und ihres Wissens bei politischen Entscheidungen und in der
wissenschaftlichen Forschung unverzichtbar ist, um nachhaltige Lösungen im
Naturschutz zu finden.

Der 27. Arktisdialog am 14. April in Potsdam stellt deshalb die Frage, wie
Forschung und Finanzierungsstrukturen überdacht werden können, um soziale
Gerechtigkeit und respektvolle Beziehungen zu gewährleisten. In einem
vertraulichen Kreis treffen sich Vertreter:innen der Indigenen
Bevölkerung, von Bundeministerien und -behörden, wissenschaftlichen
Instituten und Stiftungen. „Wir wollen mit unserem dekolonialen Ansatz
strukturell etwas ändern. Wir müssen es hinter uns lassen, über die Köpfe
der Indigenen Völker hinweg zu forschen und stattdessen auf Augenhöhe
zusammen mit ihnen neue Ansätze und Möglichkeiten schaffen“, sagt Volker
Rachold.
„Indigenes Wissen kann den Weg zu einer ganzheitlichen Arktisforschung
weisen, wenn sich Indigene Wissensformen und akademisch orientierte
Forschung ergänzen, um einen Mehrwert für uns alle zu schaffen“, ergänzt
AWI-Direktor Hajo Eicken, der am Arktisdialog teilnehmen wird. „Zum
Beispiel können wir bei Langzeitbeobachtungen tiefgreifende Einsichten aus
Indigenen Gemeinschaften mit neuester Technologie verknüpfen, um wertvolle
und vielschichte Erkenntnisse zu gewinnen.“

Ein Leuchtturmbeispiel: SQUEEZE – Gemeinsam die arktische Tundra schützen

Am AWI gewinnt die Zusammenarbeit mit Indigenen Gemeinschaften in der
Arktisforschung zunehmend an Bedeutung. Das vom Bundesministerium für
Forschung, Technologie und Raumfahrt geförderte Verbundvorhaben SQUEEZE
geht dabei einen Schritt weiter und bindet Indigenes Wissen in den
Forschungsprozess ein. Das Projekt widmet sich dem Schutz der schwindenden
arktischen Tundra. „Sie ist die nördlichste Vegetationszone der Erde,
bevor die polare Wüste anfängt“, erklärt Lia Schulz, wissenschaftliche
Mitarbeiterin im Deutschen Arktisbüro. „Und sie ist ein Sammelort für
arktische Biodiversität. Ihre Permafrostböden speichern zudem große Mengen
organischen Kohlenstoff, der beim Auftauen als Treibhausgas freigesetzt
werden kann.“ Für Indigene Völker sowie Karibus ist die Tundra
essentieller Lebensraum – der Klimawandel setzt das Gebiet jedoch
zunehmend unter Druck (englisch „squeeze“): Durch die steigenden
Temperaturen breiten sich immer mehr Pflanzen und Sträucher aus dem Süden
aus, die hier eigentlich nicht heimisch sind. Die Waldgrenze verschiebt
sich langsam und stetig gen Norden. In der Arktis schmilzt das Meereis und
die Permafrostböden tauen, was Indigenen Völkern keinen Raum zum
Ausweichen lässt.

„Wir wollen die arktischen Gemeinschaften bei der Beantwortung der Frage
unterstützen, welche Gebiete in der Tundra prioritär geschützt werden
müssen, damit Biodiversität, Ökosystemleistungen und Permafrost den
Höhepunkt der zukünftigen Erwärmung überstehen können“, erklärt Lia
Schulz. „Hierfür arbeiten wir eng mit Indigenen Gemeinschaften im
Nordwesten Kanadas zusammen, denn sie erkennen und erleben hautnah die
komplexen Veränderungen, denen ihr Lebensraum ausgesetzt ist.“ Im letzten
Jahr hat sich die AWI-Wissenschaftlerin in den kanadischen Northwest
Territories und Yukon mit Vertreter:innen der Gwich’in und Inuvialuit
ausgetauscht, über ihre Einsichten zu Landnutzung und traditionelle
ökosystembasierte Anpassungsstrategien. „Die arktischen Indigenen
Wissensträger:innen und Landnutzer:innen haben ein tief verankertes
Verständnis zum verantwortungsvollen Umgang mit der Natur, das sich durch
empirische Beobachtungen über Jahrtausende entwickelt hat.“ Zwei weitere
Exkursionen nach Kanada sind für dieses Jahr geplant, eine im Sommer, eine
im Winter, um den jahreszeitlichen Wandel der Tundra zu begleiten und
Gespräche zu führen, die den Veränderungen im Ökosystem über das gesamte
Jahr folgen. Die Planung erfolgt in enger Abstimmung mit den Partnern vor
Ort und richtet sich nach deren Rhythmen und Verfügbarkeiten.

Die Kombination von „klassischer“ Modellierung sowie Monitoring und den
traditionellen Wissensnetzwerken Indigener Völker zeigt, wo Klimaeffekte
und kulturelle Nutzungsformen besonders im Kontrast stehen und akuter
Handlungsbedarf besteht, denn diese Regionen brauchen dringend
Schutzmaßnahmen. Die Ergebnisse aus SQUEEZE sollen bis Ende 2026 in die
Konzeptionierung des interaktiven Tools „TundraProtect“ eingehen: Es
ermöglicht, ein nachhaltiges und tragfähiges Netzwerk von Tundra-
Schutzgebieten in der Arktis systematisch zu planen. „Mit SQUEEZE möchten
wir fundierte Entscheidungshilfen bereitstellen und gemeinsam mit den
Menschen vor Ort lokal verankerte Schutzstrategien entwickeln. Das ist
dringend nötig: Nur etwa 16 Prozent der Tundra sind aktuell gesetzlich
geschützt – obwohl sie für das globale Klima, die arktische Biodiversität
und die Indigenen Gemeinschaften, die in und von ihr leben, unverzichtbar
ist.“