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Brasilien zu Gast in Köln: Länder-Partnerschaft auf der DGTHG-Jahrestagung war voller Erfolg

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Brasilien – Deutschland: Das war wohl die weiteste Anreise zur 55.
Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Thorax-, Herz- und
Gefäßchirurgie. Den Weg nach Köln auf sich genommen hatten renommierte
Herzmediziner aus Brasilien im Rahmen der diesjährigen Länder-
Partnerschaft der DGTHG. Die Vertreter von LACES (Latin American Society
for Cardiovascular Surgery) - dem Äquivalent der DGTHG in Lateinamerika -
gaben Einblicke in ihr komplexes Gesundheitssystem und setzten damit
Impulse für noch mehr Wissensaustausch und globale Vernetzung.

Wie funktioniert ein Gesundheitssystem für mehr als 200 Millionen
Einwohner:innen? Diese Frage beantwortete Mauro Paes Leme de Sá, Leiter
der Klinik für Herzchirurgie am Universitätsklinikum Hospital
Universitário Clementino Fraga Filho in Rio de Janeiro. Er stellte das
öffentlich finanzierte System SUS (Sistema Único de Saúde) vor, das allen
Bürgerinnen und Bürgern Zugang zu Prävention, Behandlung und
Rehabilitation bietet und eines der größten universellen
Gesundheitssysteme der Welt ist. Privat versichert sind in Brasilien etwas
25 Prozent der Bevölkerung, also rund 53 Millionen Menschen.

Ein Gesundheitssystem unter Druck

Das SUS bildet das Rückgrat der medizinischen Versorgung in Brasilien,
stößt aber auf Herausforderungen: medizinische Zentren und
hochqualifiziertes Personal konzentrieren sich überwiegend in
Ballungsräumen, während Menschen aus ländlichen Regionen oft lange Wege zu
spezialisierten Einrichtungen auf sich nehmen müssen. Gleichzeitig gerät
das System unter zunehmenden Druck: Eine alternde Bevölkerung, steigende
Lebenserwartung, die hohe Zahl kardiovaskulärer Erkrankungen sowie teure
Eingriffe wie PCI, TAVI oder ECMO treiben die Hospitalisierungsraten in
die Höhe. Hinzu kommt, dass die Vergütungen für Herzoperationen in den
vergangenen Jahren gesunken sind.

Zukunftsziel: Bessere Datengrundlage für fundierte Entscheidungen

Soweit der Blick auf Brasilien. LACES ist jedoch zuständig für ganz
Latein-Amerika – also für 18 Länder. „Was in Brasilien gut funktioniert,
lässt sich beispielsweise nicht unbedingt auf Uruguay übertragen“, machte
Rui Manuel de Sousa Sequeira Antunes de Almeida in seinem Vortrag
deutlich. Der Professor für Kardiologie am University Center Assis Gurgacz
sowie an der Western Paraná State University betonte, dass LACES versuche,
die vielen regionalen Unterschiede zu überbrücken und die Versorgung der
Länder besser zu vernetzen. Hierfür müssten jedoch noch etliche Hürden
genommen werden. Eine davon: die recht schwache Datenlage. Die große
Mehrheit der Länder verfüge nicht über systematische medizinische
Datensysteme oder nationale Register. Dies müsse sich ändern, um
Behandlungsergebnisse vergleichbar machen und im Anschluss fundierte
Entscheidungen treffen zu können. Zudem bestünden Zugangslücken für
Patient:innen: Manche Zentren können Herzkrankheiten diagnostizieren,
verfügen aber nicht über herzchirurgische Kapazitäten; andere Zentren
beherrschen komplexe Eingriffe, sind aber nicht für alle Patientinnen und
Patienten erreichbar. Ziel von LACES sei deshalb, komplexe Operationen auf
spezialisierte Zentren zu konzentrieren, die exzellente Ergebnisse
liefern, statt zahlreiche kleine Kliniken mit begrenztem Leistungsangebot
zu unterhalten.

Vier strategische Säulen für noch bessere Patientenversorgung

Abschließend bot der renommierte Herzchirurg Fábio Biscegli Jatene einen
Einblick in das Instituto do Coração (InCor), eines der führenden Herz-
und Gefäßzentren Lateinamerikas. Das InCor gehört zum Hospital das
Clínicas da Faculdade de Medicina der Universidade de São Paulo und ist
eng mit der Universidade de São Paulo vernetzt. Der Komplex vereint elf
spezialisierte Institute mit mehr als 500 Betten und wird durch ein
Großkrankenhaus ergänzt.
Im Fokus stehen vier strategische Säulen: Qualität und
Patientensicherheit, minimalinvasive Chirurgie, patientenfokussierte
Betreuung und ärztliche Weiter- und Ausbildung. Seit der Gründung der
Abteilung für Qualität und Sicherheit im Jahr 2015 konnte die
Mortalitätsrate bei Herzoperationen trotz steigender Fallzahlen von rund
fünf auf etwa ein Prozent gesenkt werden. Besonders die minimalinvasive
Herzchirurgie spielt dabei eine zentrale Rolle, deren Expertise auch im
Austausch mit internationalen Partnern kontinuierlich ausgebaut wird.

Neue Perspektiven für Deutschland

Parallel dazu optimiert das Team die Patientenversorgung: Ein
strukturiertes Behandlungskonzept verkürzt die Aufenthaltsdauer nach
Koronarbypass-Operationen deutlich. Weitere Schwerpunkte sind das Patient
Blood Management zur Fremdblut-Ersparnis sowie die Ausbildung künftiger
Herzchirurg:innen. Mit einem neuen Trainingszentrum, Virtual-Reality-
Technologie und digitalen Monitoring-Systemen treibt das Institut
Innovationen voran und unterstützt auch weit entfernte Kliniken.

Die DGTHG bedankt sich herzlich bei den brasilianischen Kollegen für ihre
Beiträge auf der diesjährigen Jahrestagung. Die tiefgehenden Einblicke in
das Gesundheitssystem – vom universellen SUS über die Organisation der
herzmedizinschen Versorgung in 18 Ländern bis hin zu den modernen
Verfahren am Instituto do Coração in São Paulo – eröffneten den
Teilnehmenden neue Perspektiven für Know-how-Transfer, internationale
Kooperationen und gemeinsame Studien, die die Qualität der Herzmedizin in
Deutschland, Europa und weltweit nachhaltig stärken können.