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Gesundheitsökonomin im Interview: „Das deutsche Gesundheitssystem braucht besonders gute Evidenz“

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Leonie Sundmacher ist Professorin für Gesundheitsökonomie an der
Technischen Universität München (TUM) und sitzt in verschiedenen
wissenschaftlichen Beratungsgremien der Bundesregierung, darunter der
Sachverständigenrat Gesundheit & Pflege. Im Interview spricht sie darüber,
wie es ist, als Wissenschaftlerin Gesundheitspolitik mitzugestalten, und
über die Arbeit des Munich Center for Health Economics and Policy
(M-CHEP). Im M-CHEP kooperieren Forschende bayerischer Universitäten mit
dem erklärten Ziel, durch Forschung Gesundheitssysteme und die Gesundheit
der Bevölkerung zu verbessern.



Prof. Sundmacher, kann Forschung dazu beitragen, Gesundheitssysteme besser
zu machen?

In der Gesundheitsökonomie arbeiten wir sehr praxisnah. Wir fragen zum
Beispiel, wie Gesundheitssysteme so gestaltet werden können, dass
vorhandene Ressourcen bestmöglich für die Versorgung genutzt werden und
das System gleichzeitig langfristig finanzierbar bleibt. Entscheidungen im
Gesundheitssystem sollten auf evidenzbasierten Erkenntnissen basieren –
und diese liefert die wissenschaftliche Forschung.

Werden einem als Wissenschaftlerin durch das komplexe deutsche
Gesundheitssystem manchmal Grenzen gesetzt?

Das deutsche Gesundheitssystem ist so aufgebaut, dass Vertragsärzte,
Krankenhäuser und Krankenkassen gemeinsam Entscheidungen treffen. Dabei
stoßen die Akteure natürlich an ihre Grenzen – aber gerade diese Grenzen
formen den Konsens, der am Ende entsteht. Veränderungen brauchen starke
Impulse: entweder besonders belastbare Evidenz oder klar definierte
politische Ziele.

Sie und mehrere Ihrer Kolleginnen und Kollegen sitzen in
wissenschaftlichen Gremien, die auf höchster Ebene die Politik beraten –
etwa in der „Finanzkommission Gesundheit“ des Bundes, die Empfehlungen zur
Finanzierung der gesetzlichen Krankenkassen entwickelt. Wie erleben Sie
dabei die Politik? Mischt sie stark mit?

Nein, ich habe bisher nicht erlebt, dass sich die Politik direkt
einmischt. Auch in der FinanzKommission wird unsere Unabhängigkeit stets
respektiert. Wir haben diese aber auch immer eingefordert. Die
Geschäftsstellen unterstützen, greifen aber nicht inhaltlich ein.
Gleichzeitig endet unser Einfluss, sobald die Berichte und Empfehlungen
fertiggestellt sind. Was dann umgesetzt wird, liegt in der Hand der
Politik, die nochmals eine andere Perspektive auf die Fragestellungen
mitbringt.

An der TUM haben Sie das Munich Center for Health Economics and Policy,
kurz M‑CHEP, ins Leben gerufen – einen Zusammenschluss von Forschenden mit
dem erklärten Ziel, durch Forschung Gesundheitssysteme und die Gesundheit
der Bevölkerung zu verbessern…

Am 20. März feiern wir die Eröffnung – auch die Bayerische
Gesundheitsministerin Judith Gerlach wird teilnehmen. Am MCHEP bringen wir
gesundheitsökonomische Expertise aus ganz Bayern zusammen, um zentrale
Fragen der Gesundheitsökonomie und Versorgungsforschung zu bearbeiten. Aus
der TUM sind Forschende der School of Medicine and Health, der School of
Management sowie der School of Social Sciences and Technology vertreten.
Bayernweit sind renommierte Gesundheitsökonominnen und -ökonomen aus der
Universität Bayreuth, der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-
Nürnberg (FAU), der Universität Augsburg und der Ludwig-Maximilians-
Universität München (LMU) Teil unseres Netzwerks

Warum war Ihnen das wichtig, ein bayernweites Netzwerk aufzubauen?

Kollaboration bringt schlicht mehr als Wettbewerb. Jede Gruppe hat ihre
eigenen Stärken, eigene Datenzugänge und ihre spezielle Expertise. Dazu
kommt: Unsere Forschung ist datenintensiv und organisatorisch aufwendig –
gemeinsam lässt sich das viel besser stemmen. Ganz ehrlich, es macht auch
einfach mehr Spaß, in einer starken Gruppe zu arbeiten. Besonders wichtig
ist uns, unsere wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sowie
Doktorandinnen und Doktoranden zu motivieren, fach- und
universitätsübergreifend zu kooperieren.

Wie muss man sich die Zusammenarbeit vorstellen? Sitzen Sie in einer
großen Tafelrunde der Gesundheitsökonomie zusammen?

Wir sind bayernweit verteilt, daher läuft sehr viel digital. Es gibt
monatliche Meetings und zwei wöchentliche Seminare für den
wissenschaftlichen Nachwuchs, die hybrid organisiert sind. Außerdem haben
wir themenspezifische Runden für jedes unserer fünf Schwerpunktthemen:
Gestaltung von Gesundheitssystemen, Versorgungsforschung, Ökonomie der
Gesundheit der Bevölkerung, Globale Gesundheit und Management im
Gesundheitswesen. Darüber hinaus stehen wir in engem Austausch mit unserem
Wissenschaftlichen Beirat und dem Expertenkomitee.

Was hat es mit dem Expertenkomitee auf sich?

Darin sitzen Praktikerinnen und Praktiker aus dem Gesundheitswesen – aus
Krankenkassen, dem Krankenhausmanagement, der Kassenärztlichen Vereinigung
und öffentlichen Forschungsinstituten. Wie gesagt, ist uns die Nähe zur
Praxis wichtig. Das Expertenkomitee unterstützt uns auch dabei,
Studierende und Promovierende gezielt auf die Anforderungen des
Arbeitsmarkts vorzubereiten.

Apropos Praxis: Sie haben auch Policy Briefs veröffentlicht, kurze
Empfehlungen für die Gesundheitspolitik aus wissenschaftlicher
Perspektive. Was steckt dahinter?

Forschung zu Themen der Gesundheitsversorgung ist unser Tagesgeschäft. Das
wollen wir natürlich für alle Anwenderinnen und Anwender verfügbar machen.
Die Policy Briefs sind ein Angebot an alle Interessierten – ob aus der
Politik oder mit einem anderen Hintergrund – sich wissenschaftlich
fundiert zu informieren.

Weitere Informationen:
•       Prof. Leonie Sundmacher ist Mitglied der TUM School of Medicine
and Health und der TUM School of Management
•       Website des M-CHEP: https://www.m-chep.de/
•       Weitere Infos zur Eröffnung:
https://www.hs.mh.tum.de/mh/news/article/neues-forschungsnetzwerk-fuer-
gesundheitsoekonomie-und-gesundheitspolitik-forschende-der-tum-

federfuehrend-bei-initiierung-des-munich-center-for-health-economics-and-
policy/
•       Diese Meldung auf tum.de: https://www.tum.de/aktuelles/alle-
meldungen/pressemitteilungen/details/das-deutsche-gesundheitssystem-
braucht-besonders-gute-evidenz