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Wenn eine OP-Komplikation zur Karrierekrise wird - DGCH: „Second Victims“ verschärfen Nachwuchsmangel in der Chirurgie

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Komplikationen im OP können nicht nur für Patientinnen und Patienten
schwerwiegende Folgen haben – sie belasten oft auch die behandelnden
Chirurginnen und Chirurgen selbst massiv. Studien zeigen: Viele Ärztinnen
und Ärzte leiden nach solchen Ereignissen unter Angst, Schuldgefühlen und
Schlafstörungen, manche denken sogar über einen Berufswechsel nach.
Fachleute sprechen hier von Second-Victims: medizinische Fachpersonen, die
nach unerwarteten Komplikationen oder Behandlungsfehlern unter anhaltenden
psychischen oder körperlichen Folgen leiden.



Die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie e. V. (DGCH) fordert im Vorfeld
ihres 143. Deutschen Chirurgie Kongresses (DCK 2026) vom 22. bis 24. April
2026 in Leipzig (CCL) deshalb verbindliche Unterstützungsangebote für
betroffene Ärztinnen und Ärzte in Kliniken.

Schwere Unfälle, starke Blutungen, Darmverschluss, Magendurchbruch oder
ein geplatztes Aneurysma – in der Chirurgie müssen Ärztinnen und Ärzte
häufig unter extremem Zeitdruck entscheiden: Operieren oder nicht? Und
wenn ja: wann und wie? Selbst bei größter Sorgfalt lassen sich
Komplikationen nicht immer vermeiden – von schweren Infektionen bis hin
zum Tod von Patientinnen und Patienten. Doch auch ohne Fehler kann der
Ausgang einer Behandlung emotional belastend sein, etwa wenn ein schwer
verletzter Mensch trotz aller Bemühungen nicht gerettet werden kann.

Belastung ist die Regel, nicht die Ausnahme
Dass solche Situationen im chirurgischen Alltag häufig vorkommen, zeigt
eine Studie unter Viszeralchirurginnen und -chirurgen an 35 deutschen
Universitätskliniken: 91,7 Prozent der Befragten hatten bereits schwerste
Komplikationen bei Patientinnen und Patienten miterlebt (Clavien-Dindo
Grad IV oder V). Die meisten berichteten anschließend über starke
emotionale Belastungen wie Trauer, Wut oder Schuldgefühle. Gleichzeitig
boten nur 17 Prozent der Kliniken strukturierte Unterstützungsangebote für
betroffene Ärztinnen und Ärzte an. In Einrichtungen ohne solche Programme
wünschten sich 72 Prozent professionelle Hilfe (1).
Auch internationale Daten belegen die Dimension des Problems. Eine Meta-
Analyse von 36 Studien, veröffentlicht 2026 im British Journal of Surgery,
zeigt: 56 Prozent der Chirurginnen und Chirurgen berichten nach
belastenden Ereignissen über Angst, 54 Prozent über Schuldgefühle und rund
die Hälfte über Schlafstörungen. Fast jede bzw. jeder Fünfte denkt
anschließend über einen Berufswechsel nach (2).
Besonders betroffen sind jüngere und weniger erfahrene Ärztinnen und Ärzte
– also jene Generation, auf die das Fach dringend angewiesen ist.

Nachwuchs sichern – Belastungen ernst nehmen
„Chirurgie ist Hochleistungsmedizin unter maximaler Verantwortung. Wenn
junge Kolleginnen und Kollegen nach schweren Komplikationen mit ihren
Belastungen allein bleiben, verlieren wir Talente – und verschärfen den
ohnehin bestehenden Nachwuchsmangel“, erklärt DGCH-Generalsekretär
Professor Dr. med. Thomas Schmitz-Rixen. Denn die Chirurgie konkurriert
mit anderen Disziplinen, die oft planbarere Arbeitszeiten und geringere
Haftungsrisiken bieten. Der Handlungsdruck wächst auch aus demografischen
Gründen: Ende 2024 waren laut Bundesärztekammer 41.839 Ärztinnen und Ärzte
mit der Gebietsbezeichnung Chirurgie registriert, mehr als ein Viertel der
Fachärztinnen und Fachärzte ist über 60 Jahre alt.

Strukturelle Unterstützung statt individueller Bewältigung
„Second Victim ist kein individuelles Problem mangelnder Resilienz“, so
Professor Dr. med. Roland Goldbrunner, DGCH-Präsident 2025/2026 und
Direktor der Klinik und Poliklinik für Neurochirurgie und
geschäftsführender Direktor des Zentrums für Neurochirurgie am
Universitätsklinikum Köln.  „Es ist eine Frage der Organisationskultur.“
Die DGCH fordert deshalb, strukturierte Debriefings nach belastenden
Ereignissen sowie niedrigschwellige psychologische Unterstützungsangebote
in Kliniken verbindlich zu etablieren. Auch eine feste Verankerung des
Themas in der chirurgischen Weiterbildung ist der Fachgesellschaft ein
Anliegen. „Patientensicherheit und stabile Teams gehören zusammen“, betont
PD Dr. med. habil. Matthias Mehdorn, viszeralchirurgischer Oberarzt am
Universitätsklinikum Leipzig und Autor der deutschen Studie. „Wir müssen
genauso viel Wert legen auf die psychische Gesundheit der Operierenden wie
auf die technische Sicherheit unserer Instrumente.“

Das Thema Second Victim, Resilienz und Fehlerkultur steht auch auf der
Agenda des 143. Deutschen Chirurgie Kongresses (DCK 2026), der vom 22. bis
24. April 2026 in Leipzig stattfindet:

Nachwuchsgewinnung und Weiterbildung
Ort: Saal 2
Termin: Mittwoch, 22. April, 08:00 bis 09:00 Uhr
Link: https://pag.virtual-meeting.org/RELEASE/dck2026/de-
DE/pag/session/126776
•       Ist Chirurgie noch attraktiv???
•       Familienplanung, Schwangerschaft und berufliche Belastung in der
Viszeralmedizin

Wie geht der Chirurg damit um? Das Second-Victim Phänomen
Matthias Mehdorn PD Dr. med. (Leipzig)
Ort: Saal 2
Termin: Donnerstag, 23. April, 16:21 bis 16:38 Uhr
Link: https://pag.virtual-meeting.org/RELEASE/dck2026/de-
DE/pag/presentation/730504

Chirurgie der Zukunft – employee-well being vs. Resilienz
Ort: Mehrzweckfläche 1
Termin: Donnerstag, 23. April, 17:15 bis 18:15 Uhr
Link: https://pag.virtual-meeting.org/RELEASE/dck2026/de-
DE/pag/session/126131
•       Wohlfühlen allein reicht nicht
•       Mixed-Teams als Erfolgsfaktor
•       Neue Chirurg:innen braucht das Land
•       Modern Leadership in der Chirurgie

Welche Verbesserungsmöglichkeiten zur Fehlervermeidung bestehen bereits?
Hardy Müller (Reutlingen)
Ort: Mehrzweckfläche 4
Termin: Freitag, 24. April, 12:30 bis 12:45 Uhr
Link: https://pag.virtual-meeting.org/RELEASE/dck2026/de-
DE/pag/presentation/741009