Energiewende unter Druck: Warum Gesellschaftsforschung jetzt besonders wichtig ist
Die Modernisierung des Energiesystems droht mitten in der
Beschleunigungsphase von Widerständen gebremst zu werden. Ein neues
Impulspapier von IÖW und Fraunhofer ISI zeigt, wie Gesellschaftsforschung
zentrale Erkenntnisse liefert zu Themen wie Widerständen, sozialer
Gerechtigkeit und Teilhabe. Die Forschenden empfehlen, dass politische
Entscheidungstragende die Evidenz aus der gesellschaftsbezogenen
Energieforschung stärker nutzen sollten, um die aktuellen
Herausforderungen der Energiewende erfolgreich anzugehen.
Berlin, 19. März 2026 – Mehr als die Hälfte des deutschen Stroms kommt
inzwischen aus erneuerbaren Energien, Elektrofahrzeuge verbreiten sich
zunehmend, ebenso wie klimafreundliche Heizsysteme. Doch in dieser
Beschleunigungsphase der Energiewende treten neue Hürden auf und
politische, wirtschaftliche sowie gesellschaftliche Herausforderungen
drohen die Dynamik zu bremsen. Forschende des Instituts für ökologische
Wirtschaftsforschung (IÖW) und des Fraunhofer-Instituts für System- und
Innovationsforschung (Fraunhofer ISI) zeigen im neuen Impulspapier
„Energiewende zwischen Beschleunigung und Backlash: Gesellschaftsforschung
stärken“, warum Forschung zu Fragen sozialer Gerechtigkeit und
gesellschaftlicher Teilhabe, zu Kommunikation und Narrativen oder zu
geopolitischen Abhängigkeiten essenziell ist, um den Fortschritt der
Energiewende in ihrer aktuellen Phase sicherzustellen. Die derzeitige
Energiekrise durch den Irankrieg unterstreiche nochmals die Notwendigkeit,
durch eine beschleunigte Energiewende unabhängiger von Energieimporten zu
werden, so die Forschenden.
Diese Woche kamen in Berlin über 100 Wissenschaftler:innen aus ganz
Deutschland zusammen, die in Projekten des Förderschwerpunkts
„Energiewende und Gesellschaft“ des Bundesministeriums für Wirtschaft und
Energie (BMWE) arbeiten und die Forschung in diesem Themenbereich
voranbringen. Dazu eingeladen hatten die beiden Institute Fraunhofer ISI
und IÖW als Teil der Begleitforschung „BEWEGT – Die Energiewende-
Gesellschaft“ mit Förderung durch das BMWE. Eine Umfrage des Projekts im
Februar 2026 unter knapp 200 Expert:innen aus dem Forschungsbereich und
dem Forschungsnetzwerk „Energiewende und Gesellschaft“ zeigt die
drängendsten Herausforderungen in der aktuellen Energiewendephase auf.
Neben der wichtigen Aufgabe, das Stromnetz an den hohen Anteil
erneuerbarer Energien anzupassen, zählen dazu unter anderem:
Meinungsverschiedenheiten zur Ausgestaltung der zukünftigen
Energiepolitik, die Teilhabe einkommensschwacher Haushalte an der
Energiewende, die geopolitischen Spannungen und der Umbau globaler
Wertschöpfungsketten sowie die langfristige Sicherstellung der
Finanzierung für Klimaschutzinvestitionen.
Wachsende Widerstände: Wenn das Fortschreiten des Wandels zu Gegenwind
führt
Je weiter die Energiewende voranschreitet, desto sichtbarer wird, was
dieser Wandel für etablierte Industrien, Unternehmen, Arbeitnehmende und
Regionen bedeutet. Die unter Druck geratenen Branchen wie Kohle-, Gas-
oder Automobilindustrie und verbundene Akteure reagieren mit verstärktem
Lobbying und verschieben Diskurse in der öffentlichen Debatte. Aber auch
Fragen der sozialen Gerechtigkeit und der fairen Teilhabe aller an den
Vorteilen der Modernisierung des Energiesystems treten vermehrt in den
Vordergrund.
„Diese Widerstände und Auseinandersetzungen können den Fortschritt der
Energiewende erheblich beeinträchtigen“, so Professorin Karoline Rogge,
Innovations- und Transformationsforscherin am Fraunhofer ISI und BEWEGT-
Projektleiterin. „Zur Lösung der aktuellen Herausforderungen der
Energiewende liefert die gesellschaftsbezogene Forschung entscheidende
Beiträge. Denn sie untersucht etwa, wie Entscheidungsfindungsprozesse
unter Einbindung aller relevanten Akteure zu besseren Ergebnissen vor Ort
führen können, wie Kommunikation und positive Zukunftsnarrative Vertrauen
in den Wandel schaffen oder wie Industrieunternehmen ihre Produktion
erfolgreich klimaneutral umstellen können.“ Karoline Rogge betont: „Die
sozio-technische Forschung ist der Schlüssel für den Erfolg der
Energiewende in der aktuellen Beschleunigungsphase.“
Impulspapier fordert Gerechtigkeit als Leitprinzip der Energiewende
Gerechtigkeitsfragen gewinnen in der aktuellen Phase politisch an
Sprengkraft. Können sich einkommensschwache Haushalte Wärmepumpen und
Elektroautos leisten? Wer zahlt in Mietshäusern für Gebäudesanierungen?
„Wenn diese Fragen unbeantwortet bleiben, drohen Widerstände das
Ambitionsniveau der Energie- und Klimapolitik insgesamt zu schwächen“,
sagt Dr. Florian Kern, Co-Autor des Impulspapiers und Leiter des
Forschungsfelds „Umweltökonomie und Umweltpolitik“ am IÖW. „Die Forschung
zeigt, dass eine gerechte Transformation mehr erfordert als ‚Verlierer‘
der Energiewende finanziell zu entschädigen. Vielmehr braucht sie gute
politische Rahmenbedingungen für gesellschaftliche Teilhabe“, so Kern
weiter.
Laut Fraunhofer ISI und IÖW zeigt die vielfältige Forschung im
Themenschwerpunkt „Energiewende und Gesellschaft“ verschiedene mögliche
Handlungsoptionen. Hierzu zählen zum Beispiel eine einkommensabhängige
Förderung für energetische Sanierungen, eine faire Kostenaufteilung
zwischen Vermieter:innen und Mieter:innen sowie ökonomische und
demokratische Teilhabe beispielsweise durch Bürgerenergiegenossenschaften.
Solche Ansätze stärken die Akzeptanz der Energiewende.
Geopolitische Realitäten im Blick: Wie globale Dynamiken auf die
Energiewende wirken
Lieferabhängigkeiten bei Rohstoffen oder Komponenten, Ölpreisanstieg durch
militärische Auseinandersetzungen, Handelsstreitigkeiten und der Aufstieg
chinesischer Hersteller bei Elektrofahrzeugen und Solarmodulen – all diese
internationalen Entwicklungen wirken sich auch auf die Energiewende in
Deutschland aus und stellen etablierte Industrien und politische
Strategien auf die Probe. Die Forschenden weisen darauf hin, dass
Forschung zu Verhalten und Suffizienz Lösungen entwickeln kann, um den
Rohstoffbedarf und Importabhängigkeiten durch veränderte Lebensstile und
Konsummuster zu verringern und Resilienz zu fördern. Und Deutschland kann
im Zusammenspiel mit der Europäischen Union helfen, Skaleneffekte beim
Hochlauf grüner Technologien zu realisieren, wenn sich die Mitgliedstaaten
bei Fragen der Energiewende und der Zukunft der Industrie noch besser
koordinieren und starke europäische Leitmärkte schaffen.
Über das Projekt BEWEGT
Das Projekt BEWEGT vernetzt über vier Jahre Forschende aus ganz
Deutschland, fasst übergreifende wissenschaftliche Erkenntnisse zusammen
und leitet Handlungsempfehlungen ab. Ziel ist, die Sichtbarkeit und
Wirkung der Forschung zu „Energiewende und Gesellschaft“ in Politik,
Wirtschaft, Medien und Gesellschaft zu stärken. Auf der Plattform www
.energiewende-gesellschaft.de wird die Forschung in diesem Bereich
vorgestellt. Der Newsletter „Wer BEWEGT die Energiewende?“ informiert die
Forschungscommunity, Medienvertreter:innen und interessierte Akteure aus
Praxis und Politik über Neuigkeiten aus der vom BMWE im Rahmen des
Energieforschungsprogramms geförderten Projekte im Förderschwerpunkt
„Energiewende und Gesellschaft“. Das Vorhaben läuft bis 2029. Es wird
geleitet von Professorin Karoline Rogge vom Fraunhofer ISI und Professor
Bernd Hirschl vom IÖW.
~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
Weitere Informationen:
• Impulspapier: Energiewende zwischen Beschleunigung und Backlash:
Gesellschaftsforschung stärken: https://www.energiewende-gesel
/publikationen-produkte/publik
beschleunigung-und-backlash-ge
• Website: http://www.energiewende-gesell
• Expert:innen-Übersicht: Die Köpfe hinter den Forschungsprojekten:
https://www.energiewende-gesel
• Newsletter „Wer BEWEGT die Energiewende?“: https://www.energiewende-
gesellschaft.de/newsletter
• BEWEGT bei LinkedIn: https://www.linkedin.com/compa
energiewende-
gesellschaft/posts?lipi=urn%3A
%3B4a20105d-abeb-4ccc-93f4-901
